Gastbeitrag des Botschafters der Russischen Föderation Sergej J. Netschajew für die Berliner Zeitung zur Diskussion über eine historische „Nussknacker“-Inszenierung des Berliner Staatsballetts

Kurz vor dem 1. Advent hat uns die Leitung des Berliner Staatsballetts stutzig gemacht, als „Der Nussknacker“ von Tschaikowsky wegen Rassismus und Sexismus abgesagt wurde. Mit der chinesischen und orientalischen Puppe gerieten zwei von fünf Protagonisten unter Verdacht: Die erste tanze allzu sehr karikaturistisch, die zweite trete, umgeben von den Haremsdamen, mit unkorrekter brauner Körperschminke auf. Gegen das Märchen wurden Sanktionen verhängt. Die Puppen haben bis zur Fehlerbehebung im Depot zu verweilen.

Allen, die schwer von Begriff sind, wurde ergänzend erläutert, dass dies im Sinne der Zuschauer:innen geschehen sei, welche sich aus eigener Kraft nicht darüber im Klaren sein könnten, welcher Sünde sie verfallen würden, während sie sich am berühmten Tanzfest am Weihnachtsbaum erfreuen würden. Marius Petipa sei nie in China oder im Osten gewesen, weshalb die von ihm choreografierten Tänze von vornherein problematisch sein sollen. Statt des gefallenen „Nussknackers“ wird den Berliner Kindern der korrekte „Don Quijote“ angeboten, genehmigt nach Rücksprachen wegen dessen Diffamierungspotenzials (!). An dieser Stelle würde es freilich empfehlen, auch über mögliche beleidigende Andeutungen im Kampf des edelmütigen Hidalgos gegen die Windmühlen nachzudenken.

Selbstverständlich wirkt diese so radikale Interpretation von politischer Korrektheit auf viele abstoßend. In den Kommentaren üben sich die Leser:innen in Ironie. Dennoch bleibt der Vorgang alles andere als amüsant. Der Fall zeigte anschaulich den Verzerrungsgrad des gesunden Menschenverstands auf, den man erreichen kann, wenn man den Erwartungen des „fortschrittlichen“ Teils der Menschheit entsprechen will.

Diese Art von Anti-Ereignissen lässt den Eindruck entstehen, dass man mit einem starken öffentlichen Statement zu den Unterdrückten eine so wichtige und nötige Aufarbeitung der Kolonialverbrechen und die Entschädigungsleistungen ersetzen will durch die vorgetäuschte „Korrektheit“, die kaum besser als Diskriminierung ist. Indem man sich gleichzeitig dem Klub der auserwählten Moralapostel anschließt, könnte man sich in einem Zug einen Ablassbrief für nicht sonderlich glänzende Aufführungen in der Zukunft sichern. Nicht jedem wird die Gabe beschert, ein ikonisches Meisterwerk am Schnittpunkt dreier großer Kulturen – der deutschen, der russischen und der französischen – zu schaffen, das seit über 130 Jahren in aller Welt nicht nur geliebt, sondern auch bewundert wird und aus einem echten Weihnachts- und Silvesterfest kaum wegzudenken ist.

Das Ausradieren in den Programmheften erinnert schmerzlich an wohlbekannte Entwicklungen aus der Vergangenheit und kann nur noch Besorgnis erregen. Geht dieser Säuberungskampf nicht zu weit? Wer steht als Nächstes zum Ausschluss aus dem Kulturbetrieb an? Sollte nach dem Verbot vom „Nussknacker“ auch noch das einschlägige Fest verboten werden? Denn für unsere heutige Zeit wird es zu traditionell sein …

Es ist beruhigend, dass die Cancel Culture, die in Deutschland an Fahrt gewinnt, nicht der mehrheitlich tatsächlichen Stimmung der Bevölkerung entspricht.

Solange das gute alte Märchen unter Sanktionen steht, können wir das verehrte Berliner Publikum mit dem unübertroffenen „Nussknacker“ als Live-Schaltung aus den besten russischen Theaterhäusern trösten.

Ich wünsche Ihnen eine schöne Adventszeit und frohe Weihnachten!

Quelle: Berliner Zeitung

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