Interview des russischen Botschafters Sergej Netschajew für die Zeitung „junge Welt“

Am 22. Juni 1941 hat Nazideutschland die Sowjetunion überfallen. Welchen Stellenwert hat das Gedenken an den verbrecherischen Angriffskrieg im heutigen Russland?

Obwohl inzwischen 80 Jahre verstrichen sind, ist die Erinnerung frisch, insbesondere bei den Angehörigen der älteren Generation, bei den Veteranen des Krieges. Aber natürlich gibt es auch noch viele Menschen im post­sowjetischen Raum, die die schrecklichen Bombardements in verschiedenen russischen Städten oder die Leningrader Blockade als Kinder miterlebt haben. Praktisch jede Familie hatte den Verlust von Angehörigen zu beklagen. Es ist für uns ein Tag der Trauer. Es gab unendlich viele Tragödien, wirklich schreckliche Dinge sind mit diesem Datum verbunden. Wir begehen den Jahrestag mit Tränen in den Augen und erinnern uns an die sehr schweren ersten Monate des Krieges mit ihren großen Verlusten – der deutsche Angriff kam für die Sowjetunion ja vollkommen überraschend.

Details zur Geschichte des Großen Vaterländischen Krieges findet man in unzähligen Büchern, Monographien, Forschungsarbeiten, aber auch in aktuellen Veröffentlichungen, etwa in dem Beitrag des Präsidenten der Russischen Föderation Wladimir Putin »75. Jahrestag des Großen Sieges: Gemeinsame Verantwortung vor Geschichte und Zukunft«, den wir im vergangenen Jahr auch auf deutsch veröffentlicht haben. Wir wollen die Tragödie des Krieges im Gedächtnis behalten, die Erinnerung an diese schreckliche Zeit muss bleiben.

Der von Anfang an als Raub- und Vernichtungskrieg geführte Feldzug der Naziwehrmacht traf Ihr Land unvorbereitet?

Der Angriff des faschistischen Deutschland geschah an einem Sonntag, am frühen Morgen gegen vier Uhr. Er kam absolut unerwartet. Die Menschen machten Urlaub, die älteren Schulklassen feierten wie heute noch das Abitur. Aus dem Nichts kamen Flugzeuge mit Hakenkreuzen, fielen Bomben auf Städte und Dörfer – eine fürchterliche Überraschung für die Millionen Menschen, insbesondere im europäischen Teil, die den Angriffen ungeschützt ausgesetzt waren. Der Kampf ums Überleben dauerte einige Monate – eine Zeit der Konsolidierung, des Zusammenschlusses, der Organisation, um den Feind abwehren zu können.

Nach den ersten deutschen Angriffen wurde landesweit über Lautsprecher die berühmte Rede von Außenminister Molotow übertragen, der mitteilte, dass das faschistische Deutschland wortbrüchig unser Land angegriffen habe. Das war der erste Aufruf zur Abwehr, zur Verteidigung: »Unsere Sache ist gerecht, der Feind wird geschlagen werden, der Sieg wird unser sein.« Erst einige Tage später, am 3. Juli, wandte sich Stalin mit einer Rede an das ganze Land.

Wie wird in Russland öffentlich an diesen Jahrestag erinnert?

Es wird eine Ansprache des Präsidenten mit anschließender Kranzniederlegung geben, daneben verschiedene Veranstaltungen landesweit, auch in den »Heldenstädten«, zu welchen neben Moskau, Leningrad, Stalingrad, Sewastopol, Smolensk auch Kiew, Minsk, Odessa und andere Städte der ehemaligen Sowjetrepubliken zählen. Es gibt zwar heute einige nationale Einzelgänge, aber das Sowjetvolk und die Rote Armee waren ja multinational: Russen, Ukrainer, Belorussen, Georgier, Armenier, Kasachen, Juden, viele andere Völker haben gemeinsam, Schulter an Schulter für ihr Vaterland gekämpft. Gemeinsam haben sie gesiegt. Viele von ihnen liegen heute gemeinsam in den Massengräbern. Allein in Deutschland gibt es mehr als 4.000 sowjetische Kriegsgräberstätten. Dort sind 700.000 Soldaten und Gefangene der KZ verschiedener Nationalitäten begraben. Auch deshalb wollen wir nicht das Gedenken und den Sieg nach nationaler Angehörigkeit aufteilen.

Bald werden die letzten Zeitzeugen leider von uns gegangen sein. Wie wird das historische Bewusstsein für das, was Ihr Land im Zweiten Weltkrieg erleiden musste, wachgehalten?

Es ist zweifellos von großer Bedeutung, dass diese Erinnerung und die objektive Wahrheit über diese Tage an die nachwachsenden Generationen weitergegeben wird. Den Veteranen, von denen glücklicherweise noch einige tausend leben, kommt dabei eine besonders wichtige Rolle zu. Viele von ihnen sind immer noch aktiv, gehen an die Schulen und berichten der Jugend die Wahrheit über den Krieg. Das ist lebendige Vermittlung von historischem Wissen. Auch in Deutschland leben noch solche Zeitzeugen.

Einen wichtigen Beitrag leistet auch die deutsch-russische Geschichtskommission¹, die wir Mitte der 1990er Jahre gemeinsam gebildet haben und die von den Historikern Andreas Wirsching und Alexander Tschubarjan geleitet wird. Die Gruppe arbeitet unsere gemeinsame Geschichte auf, nicht nur die des 17. oder 18. Jahrhunderts, auch die des Zweiten Weltkriegs. Sie arbeitet tadellos und zur beiderseitigen Zufriedenheit.

Wir sind für die objektive Darstellung der Geschichte. In die Verfassung, die wir im Sommer vergangenen Jahres verabschiedet haben, sind neue Paragraphen zur Bewahrung der historischen Wahrheit aufgenommen worden. Die Fälschung der Geschichte kann nun juristisch geahndet werden. Am 21. April dieses Jahres hat Präsident Putin in seiner Botschaft an die Föderale Versammlung explizit darauf hingewiesen, dass die vaterländische Geschichte bewahrt werden muss, auch in den Geschichtsbüchern an Schulen. In manchen von ihnen fehlen zentrale Ereignisse des Vaterländischen Krieges. Das soll nun geändert werden. Programmatischen Charakter hat auch der genannte Artikel Putins zum 75. Jahrestag des Sieges. Wir sind, wie gesagt, sehr aufmerksam und unnachgiebig, was die Versuche einzelner Länder bzw. einiger internationaler Organisationen betrifft, die Rolle der Sowjetunion und Nazideutschlands in diesem Krieg gleichzusetzen und die Frage der Kriegsschuld zu relativieren. Gegenwärtig wird in der russischen Staatsduma ein Gesetz vorbereitet, das dergleichen zu einem Straftatbestand macht.

Seit einigen Jahren wird über das »Unsterbliche Regiment« berichtet, eine Aktion, die gerade unter jungen Leuten in Russland offenbar immer mehr Zuspruch findet. Was genau verbirgt sich dahinter?

Das ist eine Bewegung, die nicht von oben, sondern von unten kommt. Das gilt auch für ihre Initiatoren. Sie wird von einer breiten Öffentlichkeit getragen und basiert auf einer einfachen Idee: Vor allem am Tag des Sieges, dem 9. Mai, gehen die Leute mit Fotos ihrer Verwandten, die im Zweiten Weltkrieg gekämpft haben, auf die Straße – egal, ob diese den Krieg überlebt haben oder gefallen sind. Das wird von Millionen Menschen unterstützt und ist für viele zu einer Herzensangelegenheit geworden, auch wenn die Möglichkeiten während der Pandemie sehr eingeschränkt waren. Es geht um Schulterschluss und die Idee, die gemeinsame Tragödie, aber auch das Glück des Sieges in Erinnerung zu behalten. Diese Initiative startete vor rund zwölf Jahren und ging maßgeblich auf Wassili ­Lanowoi (1934–2021, jW), einen berühmten Schauspieler, zurück – eine wirklich beeindruckende Form des Gedenkens, die auch in Deutschland von unseren Landsleuten praktiziert wird.

Die von Ihnen genannten Versuche, die Geschichte im Zeichen der Totalitarismusdoktrin umzuschreiben und die Kriegsschuld zu gleichen Teilen auf Berlin und Moskau zu verteilen, zielen ja vor allem darauf ab, den Russen den Sieg zu nehmen.

Leider gibt es solche Versuche – wir sehen es zum Beispiel im Baltikum oder in der Ukraine. Dort gibt es verschiedene Erscheinungen, die wir nicht begrüßen können. Es geht wieder einmal um die Glorifizierung der Nazihelfer, um die Vernichtung der sowjetischen Denkmäler wie in Polen. Damit können wir uns nicht abfinden. Deswegen bringen wir alljährlich in die UN-Generalversammlung unsere Resolution über die Nichtzulassung der Glorifizierung des Nazismus und seiner Helfershelfer ein. In der Regel wird sie mit überwältigender Mehrheit angenommen, beim letzten Mal haben nur die USA und die Ukraine dagegen gestimmt.

Worin sehen Sie die Motive für diesen politischen Kurs?

In der heutigen politischen Konjunktur. In vielen Staaten sind die antirussischen Phobien sehr ausgeprägt, manche machen das vor allem, um ihre Stellung in der heutigen Welt zu behaupten. Das finde ich ungerecht. Und ich bin sicher, es wird von der Mehrheit der Bevölkerung – auch in den betreffenden Ländern – nicht geteilt. Doch wir erleben im Baltikum immer noch Demonstrationen von Legionären der Waffen-SS. Die Ukraine betreibt die Glorifizierung von Bandera und Schuchewitsch, die an der Seite von Nazis gekämpft haben.

Gegenwärtig scheint der Weltfrieden wieder einmal in akuter Gefahr. Welches ist für Sie aktuell die größte Bedrohung, und was vermag Moskau ihr entgegenzusetzen?

Als sehr gefährlich würde ich die Situation nicht einschätzen. Ich bin überzeugt, keiner will heute eine bewaffnete Zuspitzung oder einen Krieg. Das hat auch das jüngste Zusammentreffen der Präsidenten Putin und Biden in Genf bestätigt. Aber Sie haben recht, in einer bipolaren Welt, der Zeit des Kalten Kriegs, gab es natürlich Konflikte, Krisen und Misstrauen, aber es gab auch beiderseitigen Respekt. Dieser fehlt heute.

Wir haben mit Deutschland nach 1945 einen ziemlich steinigen Weg der historischen Aussöhnung zurückgelegt. Wir erinnern uns auch an die Rede von Präsident Putin in Berlin im Bundestag 2001, die er auf deutsch gehalten hat. Wir wollen ganz normale Beziehungen mit Ihrem Land, geprägt von gegenseitigem Respekt und Partnerschaft, ohne einander die Leviten zu lesen, ohne Ultimaten und Sanktionen. In den letzten 30 Jahren hat sich vielfach erwiesen, dass das beiderseitigen Nutzen bringt. Natürlich gibt es Differenzen, wir können in politischen Fragen anderer Meinung sein. Aber man muss versuchen, auch die Positionen des anderen zu verstehen. Das ist die Grundlage.

 

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