Grußwort von Sergey Lawrow zum Festakt anlässlich des 75. Jahrestages des Nürnberger Prozesses (20.November 2020)

Sehr geehrte Kolleginnen und Kollegen, liebe Freunde!

Wir sind heute zusammengekommen, um an eines der Zeichen setzenden Ereignisse der Weltgeschichte des XX. Jahrhunderts zu erinnern – an das internationale Gerichtsverfahren gegen die Naziverbrecher. Durch die Durchführung der Konferenz im Video-Format können wir ein möglichst breites Publikum erreichen. Besonders begrüßen möchte ich daher Zuschauerinnen und Zuschauer des deutschen Fernsehsenders Phoenix – Menschen in Deutschland und in anderen Ländern, die diesem Thema nicht gleichgültig gegenüberstehen.

Die Geschichte des Nürnberger Prozesses, bei dem es sich um die größte politische und juristische Leistung der damaligen Zeit handelt, ist einzigartig. Genauso einzigartig ist die Geschichte des Nachkriegsdeutschland, das seine dunkle Vergangenheit hinter sich lassen und den Weg der Zukunftsgestaltung einschlagen konnte.

Der Erfolg des Nürnberger Prozesses war hauptsächlich dem zu verdanken, dass die Alliierten der Anti-Hitler-Koalition sich über seinen Beginn, bei seinem Fortgang und in der Auswertung seiner Ergebnisse einig waren. Durch die Urteile des Militärgerichtshofs wurde eindeutig und unmissverständlich eingeordnet, wer für die Entfesselung des blutigsten Krieges der Menschheitsgeschichte verantwortlich war. An dieser Stelle sei daran erinnert, dass grausame Verbrechen des Nazismus gegen ganze Nationen und die Menschheit vielen erst durch «Bilder auf der Leinwand», Dokumentaraufnahmen aus dem Gerichtssaal bekannt wurden. Die Gesichter der Verbrecher und deren Geständnisse lassen uns nach wir vor erschrecken. Genauso wie der bewusste Verzicht der meisten von ihnen auf Reue — ein Phänomen, das die deutsch-amerikanische Philosophin Hannah Arendt später treffend als «Banalität des Bösen» bezeichnete.

Mit Bedauern müssen wir feststellen, dass die Immunität gegen das Virus des Nazismus, die sich auch in Nürnberg entwickelt hatte, heute ernsthaft geschwächt ist. Beispielsweise wird in einigen europäischen Ländern offen für das nazistische Gedankengut geworben. Es wird versucht, Aggressoren und Befreier, Opfer und Henker gleichzusetzen und Nazis und deren Helfershelfer in den Heldenrang zu erheben. Hierzu gehört auch der durch und durch zynische Krieg, der gegen Denkmäler der Befreiersoldaten geführt wird. Dadurch wird nicht nur die Erinnerung an millionenfache Opfer geschändet. Es werden auch die Grundfesten der Menschenreche in Gefahr gebracht.

Wir sind der Auffassung, dass die volle Anerkennung der Ergebnisse des Zweiten Weltkriegs, die auch in der Charta der Vereinten Nationen verankert sind, der Imperativ für alle Staaten ist. Wir sind überzeugt, dass konsequentes Engagement gegen jegliche Formen und Erscheinungen von Rassismus, Fremdenfeindlichkeit, aggressivem Nationalismus und Chauvinismus weiterhin zu unverzichtbaren Prioritäten der internationalen Gemeinschaft gehören muss. Um diese Herausforderung zu bewältigen, regt Russland jedes Jahr im Rahmen der Vollversammlung der Vereinten Nationen die Resolution unter dem Titel an „Zur Bekämpfung der Verherrlichung des Nazismus, Neonazismus und weiterer Praktiken, die zur Eskalation zeitgenössischer Formen von Rassismus, Rassendiskriminierung, Fremdenfeindlichkeit und damit zusammenhängender Intoleranz beitragen“. Diese Resolution wird traditionell von der überwiegenden Mehrheit der Staaten unterstützt.

Ich hoffe, dass Ihre Konferenz konstruktiv verlaufen, den internationalen humanitären und wissenschaftlichen Austausch fördern und mit zur Lebendighaltung der historischen Wahrheit beitragen wird.

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