Kommentar des Außerordentlichen und Bevollmächtigten Botschafters der Russischen Föderation in der Bundesrepublik Deutschland, Herrn Sergej J. Netschajew

Der am 22. Februar d.J. in der F.A.Z. publizierte Gastbeitrag des ukrainischen Botschafters in Deutschland machte auf sich aufmerksam: Darin wurde der deutsche Bundestag aufgerufen, den Massenhunger in der UdSSR zu Beginn der 30er Jahre des XX. Jahrhunderts als Genozid am ukrainischen Volk anzuerkennen. Nicht alle Leserinnen und Leser dieser Zeitung werden wissen, worum genau es sich dabei handelt. Gehen wir also auf das Faktologische in dieser Frage ein.

Historische Dokumente belegen, dass infolge der Hungersnot, die 1932-1933 weite Teile der UdSSR traf, über sieben Millionen Menschen ums Leben kamen (darunter ca. 2,5 Millionen im russischen Teil des Landes und ca. 1,5 Millionen auf dem kasachischen Gebiet). Der Hunger war massenhaft und nicht selektiv. Er begann mit einer verheerenden Dürre und Missernte, die sich zeitlich mit außerordentlichen Zwangskollektivierungsmaßnahmen der Sowjetregierung überlappten. Bei der Umsetzung dieser Maßnahmen wurde in ausnahmslos allen Agrargebieten der UdSSR hart durchgegriffen. In der Folge ereilte die Hungersnot nicht nur die Ukraine, sondern auch den Süden Weißrusslands, das Wolga-Gebiet, Kasachstan, die Regionen Don und Kuban, den Südkaukasus, den Südural und Westsibirien. Neben Ukrainern hungerten und starben Russen, Weißrussen, Tataren, Baschkiren, Kasachen, Tschuwaschen, Wolga-Deutsche, Vertreter anderer Nationalitäten.

Die Motivation für die Aktionen, die zum Hungertod führten, war breitgefächert. Der Klassenkampf gegen wohlhabende Bauern (Kulaken) sollte fortgeführt werden. Man wollte die Landwirtschaft unter staatliche Kontrolle bringen.  Auslandskredite, die man für Ankauf ausländischer Industrieanlagen aufgenommen hatte, harrten einer Deckung. Auch musste die wachsende städtische Bevölkerung mit Nahrungsmitteln versorgt werden, was sich angesichts schrumpfender Getreideanbauflächen als drängende Aufgabe erwies. Es steht außer Frage, dass es sich bei der Hungernot um eine schreckliche Tragödie handelte, die landesweit Millionen von Menschen in den Tod riss. Es ist aber genauso offensichtlich, dass durch die gewaltsame Getreidebeschlagnahme bei Bauern keine vorsätzliche Ausmerzung einer einzelnen Nationalität bezweckt wurde. Das gilt auch für die Bevölkerung der Ukraine, die zudem nie monoethnisch, sondern stets multinational war.

Multinational war auch die Sowjetregierung besetzt. Ihr vorzuwerfen, ausgerechnet die ukrainische Bevölkerung gehasst zu haben, ist zumindest bizarr. Bekannt ist außerdem, dass die Übergriffe sich aus dem übermäßigen Eifer der Lokalbehörden, auch der ukrainischen Stellen, ergaben, den sie bei der Umsetzung der Anweisungen aus der Zentrale an den Tag legten. Erinnert sei bloß an die Verordnung des Volkskommissariatsrats der Ukrainischen Sowjetrepublik vom 6. Dezember 1932 zur Bekämpfung der Sabotage bei Getreidebeschaffung, unterzeichnet vom Vorsitzenden dieser Behörde W.Tschubar.  

Fehler und tragische Auswirkungen der Hungersnot in der UdSSR wurden bereits 1933 offiziell anerkannt. Die Sowjetführung organisierte eine groß angelegte Nahrungsmittelhilfe für die Regionen, die am meisten durch die Hungersnot getroffen wurden, einschließlich der Ukraine.

Unzulässig und unanständig ist es, die für die zahlreichen sowjetischen Völker gemeinsame Tragödie der Hungersnot als eine gezielte Ausmerzung einer einzelnen Bevölkerungsgruppe aufgrund deren ethnischer Zugehörigkeit dazustellen und sich dabei über die Abermillionen von Opfern anderer Nationalitäten hinwegzusetzen. Auf diese Art und Weise, die mit einem objektiven historischen Ansatz nichts zu tun hat, bedient man die Politik jener Kräfte in der Ukraine, die antirussische Stimmungen und Nationalismus schüren. Der Versuch, in dieses schmutzige Spiel die internationale Gemeinschaft hineinzuziehen, ist unter aller Würde.

Комментарии ()