Das Flattern des Feuervogels. In Berlin gab es eine Zugabe für das gerade beendete Kulturfestival »Russian Seasons«

Am Tag zuvor war der Starpianist Denis Matsujew noch in Norilsk aufgetreten, 300 Kilometer nördlich vom Polarkreis. Draußen 41 Grad minus, aber im Konzertsaal sei es warm gewesen, sagte er, und dass er auch dort begabte junge Musiker getroffen habe. »Talente gibt es auch am Nordpol.« 1975 in Irkutsk geboren, war er einst selbst auf solche Weise gefunden worden. Die Kulturenthusiastin Ivetta Woronowa (1932-2013) war für die 1992 gegründete Stiftung »Neue Namen« kreuz und quer durch Russland gereist. Rund 17 000 Kinder, zum Teil aus kleinen Städten und Dörfern, hätten seitdem, mit Unterstützung des Russischen Kulturfonds, eine besondere Förderung erhalten, so Matsujew auf einer Pressekonferenz im Russischen Haus in Berlin. Dort wollte man sich offenbar nicht damit abfinden, dass das Kulturfestival »Russian Seasons« vorige Woche in der Hamburger Elbphilharmonie seinen krönenden Abschluss gefunden hat. Mit zwei Konzerten am Sonntagabend gab es sozusagen eine Zugabe.

Beim ersten, im Russischen Haus, präsentierte Matsujew fünf junge Künstler – der jüngste neun, die »älteste« Solistin 16 Jahre alt -, die mit acht Werken aus der russischen und westeuropäischen Klassik brillierten. Beim zweiten, im Berliner Konzerthaus, erntete er selbst Beifallsstürme und Bravorufe für den Solopart im höchst anspruchsvollen Konzert für Klavier und Orchester Nr. 3 in d-Moll von Sergei Rachmaninow mit dem Orchester der Russisch-Deutschen Musikakademie unter Waleri Gergijew. Fließend, lyrisch singend, steigert sich dieses Musikstück immer wieder zu einer dermaßen kraftvollen Fulminanz, dass es der Komponist einst als »Konzert für einen Elefanten« bezeichnete. Der zweite Teil des Abends galt den ebenfalls 1909 entstandenen drei Suiten aus Igor Strawinskys Ballett »Der Feuervogel«. Was für eine wunderbare Lautmalerei! Da hörte man den leuchtenden Vogel flattern, den bösen Zauberer wüten – und schließlich werden die verzauberten Prinzessinnen befreit.

Aus einer Initiative von Musikstudierenden aus Russland und Deutschland entstanden, ist das Orchester der Russisch-Deutschen Musikakademie seit Mai 2015 regelmäßig in beiden Ländern aufgetreten – in wechselnder Besetzung. Die über 1000 Musiker, die bisher an diesem Projekt teilnahmen, seien inzwischen zu einer großen Familie geworden, so Tatjana Rexroth, Mitbegründerin der Akademie. Inzwischen an diversen Konzerthäusern der Welt engagiert, stehen sie miteinander in Verbindung. Da kommen ihnen technische Möglichkeiten zugute, die Denis Matsujew auch bei der Talentsuche helfen. Videos werden ihm geschickt, täglich an die hundert, sagt er, und freut sich, wie viele begabte Kinder es gibt und welch allgemeine Wertschätzung die klassische Musik genießt. Doch das kommt nicht von allein, da braucht es persönliche Initiative und eine Kulturpolitik, die sie unterstützt.

»Von Sehnsucht und Aufbruch« – das Motto im Konzerthaus am Gendarmenmarkt, der in diesen Tagen weihnachtlich strahlt und duftet, bezieht sich auf die verbindende Kraft, die im gemeinsamen Musizieren steckt. Das Echte bleibt auf ewig, meint Matsujew, der in diesem Jahr 286 Konzerte von den USA bis Japan und natürlich im eigenen Land gegeben hat. Dass es in den deutsch-russischen Beziehungen mitunter knirscht, ist kein Geheimnis, während manches auch ganz gut läuft. Man muss nur etwas dafür tun. Den Feuervogel zum Logo des Festivals zu machen, wer mag wohl diese glänzende Idee gehabt haben?

Quelle: Neues Deutschland

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