Pressesprecherin des Außenministeriums Russlands Maria Sacharowa zu den Veranstaltungen in Polen zum 80. Jahrestag des Ausbruchs des Zweiten Weltkriegs

Diese Veranstaltungen hätten dem 80. Jahrestag des Ausbruchs des Zweiten Weltkriegs gewidmet sein sollen. Einem tragischen Kapitel nicht nur der Geschichte des 20. Jahrhunderts, sondern der ganzen Geschichte der Menschheit. Was aber aus diesen Veranstaltungen, die schon seit mehreren Jahren organisiert werden und zu denen Vertreter verschiedener Länder kamen, geworden ist (wobei das Ereignis selbst es natürlich verdient, dass die ganze Welt darauf achtet), ist eigentlich schockierend. Das ist ein krasses Beispiel für Umdeutung der Geschichte. Aber diesmal ist es viel zu weit gegangen und wurde zu einer richtigen globalen Obskurität.

Warschau hat das, was eine Gedenkveranstaltung hätte werden sollen, in eine Aktion verwandelt, deren einziges Ziel war, eine gewisse „Einigung der zivilisierten, freien und demokratischen Welt gegen die Kräfte des Übels“ – zunächst gegen den Hitlerismus, dann gegen den Kommunismus und schließlich gegen den modernen Imperialismus – zu demonstrieren. Und dieses ganze Übel verkörpert angeblich Russland. Es ist ein Versuch, die Geschichte neu zu schreiben und eine gewisse „Achse der Wahrheit“ zu bilden. Natürlich liegen dieser ganzen Konzeption zynische, grobe und harte Entwicklungen der Nato zugrunde. Das ist nicht nur Propaganda und Desinformation, sondern ein Verbrechen gegen unsere gemeinsame Geschichte.

Die Konzeption der Veranstaltung hat der Präsident Polens, Andrzej Duda, in seiner Rede formuliert, der erklärte, der Zweite Weltkrieg wäre im politischen Sinne erst 1989 zu Ende gegangen, als die Sowjetunion schwach wurde und die historische Bühne verlassen musste. Aber was hat denn das zu bedeuten? Wo hat er so etwas gelesen? Wer hat denn das ausgedacht? Wo ist diese Gruppe von richtigen Historikern? Ich würde sie gerne sehen! Nicht diejenigen, die sich für solche halten und ein paar Beiträge in sozialen Netzwerken veröffentlicht haben, sondern solche Historiker, die richtige wissenschaftliche Werke geschrieben haben und in der wissenschaftlichen Welt anerkannt sind. Wo bleibt denn diese Gruppe der Historiker, die das alles unterschrieben haben?

Er war aber nicht der einzige, der bei seinen Auftritten auf all diese Spekulationen zurückgriff – da gab es eine ganze Gruppe von „Ja-Sagern“, und das alles waren natürlich schreckliche, zynische und sehr gefährliche Lügen.

Ich muss alle Menschen, die sich das alles anhören und möglicherweise auch lesen mussten, daran erinnern, dass das Internationale Kriegsgericht, das auf Initiative der Sowjetunion im Sinne des Londoner Abkommens der Regierungen der Sowjetunion, der USA, Großbritanniens und Frankreichs vom 8. August 1945 gebildet wurde, nicht nur den historischen Rahmen eines der blutigsten Konflikte in der modernen Geschichte festgelegt, sondern auch den Kreis von Personen bestimmt hat, die dafür verantwortlich waren. Das waren die höchste Führung des Dritten Reichs und der Länder der „Achse“ sowie alle Kräfte, die wir „Kollaborateure“ der Nazis nannten und nennen. Jegliche Interpretationen, pseudowissenschaftliche Konzeptionen, insbesondere Erklärungen von einer gewissen Verantwortung, die man umdeuten sollte, von einer gleichen Verantwortung, vom Kampf zwischen zwei totalitären Regimes oder von „zwei Okkupationen“ Osteuropas – all diese Erklärungen, die in Warschau gemacht wurden, hatten keine rechtlichen und historischen Gründe. Alle Versuche zum Revidieren der Ergebnisse des Zweiten Weltkriegs, zu seiner Umschreibung, wobei die Abschlussdokumente vernachlässigt oder umgedeutet werden, zur Verurteilung irgendwelcher neuen Personen außer den Nazis – wir werden das alles entschlossen unterbinden. Weil das eben ein Verbrechen gegen die Weltgeschichte, gegen unsere gemeinsame Geschichte, gegen die Geschichte ist, für die Millionen Menschen ihre Leben lassen mussten. Aber das war noch nicht der ganze Wahnsinn.

Da zeichneten sich viele Personen aus. Der polnische Verteidigungsminister Mariusz Błaszczak erklärte beispielsweise, Moskau würde die Verantwortung dafür tragen, dass Polen von Deutschland keine Entschädigung bekommen hat. Das ist nicht nur unanständig, sondern auch unmenschlich. Ich muss auch daran erinnern, dass die Erklärung über den Verzicht auf Kriegsentschädigung vom Jahr 1953 von der legitimen Regierung Polens unterzeichnet wurde, die von der internationalen Völkergemeinschaft anerkannt war und ihr Land in der UNO vertrat. Oder ist man in Warschau inzwischen einer anderen Meinung? Wenn man in Warschau seine Meinung geändert hat, dann sollte man sich für den Anfang mit seiner eigenen Geschichte auseinandersetzen. Und bevor man solche Erklärungen macht, sollte man unter anderem an ihre juristischen Folgen denken.

Ich muss auch darauf verweisen, dass Polen nach dem Krieg dank den diplomatischen Bemühungen der sowjetischen Regierung 25 Prozent des deutschen Territoriums in den Grenzen von 1937 (Gebiete östlich der Oder-Neiße-Grenze) bekommen hat. Was die riesige finanzielle, technische und materielle Hilfe angeht, die die Sowjetunion Polen während des Wiederaufbaus leistete, so werden wir diesbezüglich eine spezielle Erklärung veröffentlichen.

Wir kehren zu diesem Thema immer wieder zurück. Wir werden unermüdlich alle solchen „Fake News“, Spekulationen und Desinformationen dementieren. Denn dieses Thema ist quasi ewig. Das multinationale sowjetische Volk (das unterstreichen wir immer wieder) und die Völker der Alliierten, Teilnehmer von Partisanenbewegungen zeigten ihre beispiellose Tapferkeit, damit künftige Generationen in einer Welt leben und kreieren könnten, die frei von der menschenfeindlichen Ideologie des Hitlerismus wäre.

Der Sieg gegen Hitlers Nationalsozialismus war ein kolossales Vereinigungssignal. Wir werden nie müde, zu wiederholen, dass die Völker, die trotz ihrer ideologischen Kontroversen gegen die Verbrechen des Hitlerismus gemeinsam kämpften, verschiedene Kulturen, Traditionen und Religionen vertraten und verschiedene Ansichten zur eigenen Zukunft im kulturellen, wirtschaftlichen und politischen Sinne hatten. Dennoch vereinigten sie sich, indem es ihnen gelang, ihre Kontroversen zu überwinden, um eine Katastrophe zu verhindern, die die ganze Menschheit erfassen würde. Dieses Vereinigungssignal war an die Länder in aller Welt gerichtet. Eine der wichtigsten Aufgaben der Länder und Regierungen, die den Faschismus und Hitlerismus bezwungen haben, bestand in der Bündelung ihrer Kräfte, um solche Fehler künftig zu verhindern. Ich muss abermals sagen: Selbst in den Jahren des Kalten Kriegs gelang das – trotz unterschiedlicher politischer und wirtschaftlicher Ansichten. Im Unterschied zu unseren westlichen Partnern wissen wir den Beitrag aller Länder und Völker zum Kampf gegen den Hitlerismus hoch zu schätzen und versuchen nicht, den Sieg in „unseren“ und „fremden“ aufzuteilen. Nur gemeinsam können wir eine Wiederholung der Kriegsschrecken verhindern. Dieses Vereinigungssignal wird aber durch die Aktivitäten einiger westlicher Länder eingedämmt, unter denen Polen (das sehen jetzt alle) „erste Geige“ spielt – allerdings nicht das Volk, sondern die polnischen Politiker, die diese Konzeptionen umsetzen.

Ich muss darauf verweisen, dass Warschau konsequent versucht, die Geschichte zu fälschen: Es werden Denkmäler für sowjetische Befreiungssoldaten abgerissen, und das Gedenken an sie wird geschändet. Leider haben unsere einstigen Verbündeten aus der Anti-Hitler-Koalition beschlossen, sich mit Polen zu solidarisieren und diesen Trend zu unterstützen: So ist nun einmal die Mode.

So sprach US-Vizepräsident Mike Pence in seiner Rede am 1. September von „zwei Angriffen gegen Polen im Jahr 1939“, von „zwei Okkupationen dieses Landes“; dann bedankte er sich bei den europäischen Völkern für ihren Beitrag zum „Kampf um die Freiheit“, ohne aber das sowjetische Volk zu erwähnen. Diesem hochrangigen Vertreter der USA zufolge gehören alle Verdienste um die Befreiung Europas vom Hitlerismus nur den 16 Millionen US-Soldaten, den Briten und den Patrioten aus der Widerstandsbewegung. Aber wir wissen, wer Polen befreite, und welcher Preis dafür bezahlt wurde.

Mit solchen Aktionen und Aussagen geben die westlichen Spitzenpolitiker aber nur zu, dass sie politisch hilflos und historisch kurzsichtig sind. Mit ihren politisierten und von der historischen Wahrheit weit entfernten Einschätzungen verraten sie das Gedenken an die Opfer dieses Kriegs, auch an ihre eigenen Mitbürger.

Lassen Sie uns daran erinnern, was man in Warschau nicht gesagt hat: Was passierte eigentlich vor dem Zweiten Weltkrieg?

Damals kamen in mehreren mittel- und osteuropäischen Ländern rechtsnationalistischen Kräfte an die Macht, die sich die Grenzen im Sinne des Vertrags von Versailles nicht gefallen ließen – auch in Polen, das sich auf die Teilnahme an der Aufteilung der Tschechoslowakei vorbereitete und dabei mit Unterstützung seitens Deutschlands rechnete, mit dem es 1934 einen Nichtangriffspakt unterzeichnete, der de facto Verbündetenbeziehungen mit den Nazis vorsah. Erwähnenswert ist auch, dass Großbritannien und Frankreich die Kriegsmaschinerie der Wehrmacht in den Osten richten wollten und sich 1938 am Münchner Komplott beteiligten.

Man sollte meines Erachtens daran denken, worum es in Wahrheit bei der „liberalen Weltordnung“ gibt, dem jetzt die meisten „Opfer“ in Form der Ablehnung der historischen Wahrheit in Warschau gewidmet sind. Diese „liberale Weltordnung“ bedeutete für die meisten Entwicklungsländer der Welt die Fortsetzung des kolonialen bzw. neokolonialen Regimes. Es ist sehr merkwürdig, dass diese Worte in Warschau im Jahr 2019 nicht ausgesprochen wurde, als von der freien Welt und von entsprechenden Werten geredet wurde. Dieses Regime bedeutete für viele Länder und Völker, ja für ganze Kontinente „das Recht des Starken“ und im Grunde das „Dschungel-Gesetz“. Lassen Sie uns an Napalm in Vietnam, an abgereichertes Uran in Jugoslawien erinnern. Oder hat jemand vielleicht von Abu Ghuraib und von den Methoden vergessen, die diese „liberale Weltordnung“ (in Wahrheit aber dieses Regime) im Nahen Osten und in Nordafrika seit den frühen 2000er-Jahren vorging. Erwähnenswert ist auch, wie Vertreter dieser „liberalen Weltordnung“ mit Julian Assange umgingen, der auf ihre Mechanismen verweisen wollte. Viele Länder Asiens, Lateinamerikas und Afrikas haben gerade wegen dieser „liberalen Weltordnung“ keine Möglichkeit und keine Chance auf die richtige Entwicklung im 20. Jahrhundert bekommen. Ihre Regierungen wurden im Interesse der Kräfte ernannt, die die Staaten vertraten, die jetzt als liberal und demokratisch gelten. Diese „liberale Weltordnung“ ist für unzählige Expeditionskriege verantwortlich, die Millionen Opfer forderten, etliche Wirtschaften entstellten und die Bevölkerung von ganzen Regionen in Armut versinken ließen. Das ist die Wahrheit. Aber warum sprach man in Warschau nicht davon?

Und jetzt das wichtigste: Davon hätte man in Warschau reden müssen, wenn man schon so eigenwillig Weltkriege verlängert und sie dann beginnt und beendet, wann man will. Lassen Sie uns über den internationalen Terrorismus reden, gegen den die Weltgemeinschaft inzwischen keine neuen Kampfmethoden hat. Er ist wegen der kriminellen Experimente der „liberalen Weltordnung“ entstanden, als der Westen verschiedene extremistische Gruppierungen unterstütze, die gegen die Regierungen verschiedener Länder kämpften und mit Waffen in der Hand die Werte der „liberalen Weltordnung“ auf den jeweiligen Territorien verteidigen sollten. Beispielsweise die Mudschaheddin in Afghanistan, die später in die al-Qaida mutierten. Aber die Herren in Warschau schienen kein Interesse daran zu haben, dieses Thema zu besprechen.

Lassen Sie uns ehrlich sagen: Die Sowjetunion und ihre Verbündeten bewahrten die Welt in der ganzen Nachkriegszeit vor einer globalen Katastrophe, unterbanden die Expansion, die die Führer der „liberalen Weltordnung“ aus aller Kraft vorantrieben. Den Prozess der Entkolonialisierung. Was hatte die „liberale Weltordnung“ mit diesem Prozess zu tun? Können Sie Länder und Völker nennen, die die Möglichkeit bekommen hätten, keine Kolonien mehr zu sein, weil das die Vertreter der westlichen Welt das gewollt hätten? Solche Länder, die von den fantastischen Errungenschaften auf dem Gebiet der Freiheit der „liberalen Weltordnung“ reden würden. Kennt jemand solche Länder?

Ausgerechnet die Sowjetunion spornte die Entkolonialisierung in Asien, Afrika und Lateinamerika an und förderte die regionale Sicherheit in Europa – und stellte gleichzeitig die wirtschaftliche Infrastruktur der Länder wieder her, die während des Kriegs zerstört worden waren. Aber daran will man sich nicht erinnern. Das ist ja uninteressant, denn das durchkreuzt den Mythos über die „liberale Weltordnung“ und die positiven Dinge, die sie angeblich der Menschheit geschenkt hat. Darauf muss man extra verweisen, und wir werden das auch tun. Früher waren wir offenbar zu schüchtern, aber nach diesem Wahnsinn in Warschau können wir einfach nicht anders.

Wir rufen unsere westlichen Partner auf, historische Fakten nicht mehr zu entstellen, auf die Zerstörung des aktuellen völkerrechtlichen Systems zu verzichten und sich bei ihren Einschätzungen am Völkerrecht zu richten, in dem die Ergebnisse des Zweiten Weltkriegs eindeutig verankert sind. Es gehört zu unseren gemeinsamen Interessen, die Diskussionen über unsere historische Vergangenheit zu entpolitisieren und einen hochprofessionellen Dialog von Historikern zu führen.

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