Artikel von Andrei A. Schdanow, Mitglied des Politbüros des Zentralkomitees der Kommunistischen Partei der Sowjetunion: „Englische und französische Regierungen wollen keinen gleichberechtigten Vertrag mit der UdSSR.“ Zeitung “Pravda”, der 29. Juni 1939

Die englisch-französisch-sowjetischen Verhandlungen über einen wirksamen Pakt zur gegenseitigen Unterstützung gegen die Aggression sind in einer Sackgasse. Trotz der völligen Klarheit der Position der Sowjetregierung, trotz aller Bemühungen der Sowjetregierung, einen Pakt zur gegenseitigen Unterstützung zum frühestmöglichen Zeitpunkt abzuschließen, sind während der Verhandlungen keine wesentlichen Fortschritte zu verzeichnen. In der heutigen internationalen Situation kann diese Tatsache nur eine ernste Bedeutung haben. Es regt die Hoffnungen der Aggressoren und aller Feinde des Friedens an, das Abkommen der demokratischen Staaten gegen die Aggression zum Scheitern zu bringen, und er treibt die Aggressoren dazu, die Aggression weiter zu entfesseln.

In diesem Zusammenhang stellt sich die Frage: Was ist der Grund für die langwierigen Verhandlungen, auf deren erfolgreichen Abschluss sich alle friedliebenden Völker, alle Freunde des Friedens mit Ungeduld und Hoffnung freuen?

Ich werde mir erlauben, meine persönliche Meinung dazu zu äußern, obwohl meine Freunde ihr nicht zustimmen. Sie glauben weiterhin, dass britische und die französische Regierungen, wenn sie die Verhandlungen mit der UdSSR über einen Pakt zur gegenseitigen Unterstützung aufnahmen, hatten ernsthafte Absichten, ein starkes Hindernis gegen die Aggression in Europa zu schaffen. Ich denke und werde versuchen, mit Fakten zu beweisen, dass britische und französische Regierungen keinen gleichberechtigten Vertrag mit der UdSSR wollen, das heißt einen Vertrag, dem ein sich respektierender Staat nur zustimmen kann, und dass gerade dieser Umstand der Grund für die Stagnation ist, in die die Verhandlungen geraten sind.

Was sind diese Tatsachen?

Englisch-sowjetische Verhandlungen im direkten Sinne, das heißt, seit die ersten englischen Vorschläge uns am 15. April vorgelegt wurden, dauern schon 75 Tage, von denen die Sowjetregierung 16 Tage benötigte, um Antworten auf verschiedene britische Projekte und Vorschläge vorzubereiten, und die restlichen 59 nahm in Anspruch die Verzögerung seitens der Briten und Franzosen. Die Frage ist: Wer ist in diesem Fall dafür verantwortlich, dass die Verhandlungen so schleppend verlaufen, wenn es nicht die Briten und Franzosen sind?

Dann, aus der Praxis des Abschlusses internationaler Abkommen, die ähnlich den anglo-französisch-sowjetischen sind, ist bekannt, dass zum Beispiel England mit der Türkei und Polen gegenseitige Hilfspakte während einer sehr kurzen Zeit geschlossen hat. Daraus folgt, dass wenn England Verträge mit der Türkei und Polen abschließen wollte, konnte es für ein angemessenes Verhandlungstempo sorgen. Die Tatsache einer inakzeptablen Verzögerung und endloser Zauderei bei den Verhandlungen mit der UdSSR lässt Zweifel an der Aufrichtigkeit der wahren Absichten Englands und Frankreichs aufkommen und wirft die Frage auf, was genau die Grundlage einer solchen Politik ist: ernsthafte Bestrebungen, die Friedensfront zu schaffen oder der Wunsch, die Tatsache der Verhandlungen, sowie die Verzögerung Verhandlungen zu einem anderen Zweck zu nutzen, die nichts mit der Schaffung einer Front friedliebender Mächte zu tun haben.

Diese Frage stellt sich umso mehr, weil englische und die französische Regierungen während der Verhandlungen künstliche Schwierigkeiten schaffen und den Schein von ernsthaften Meinungsverschiedenheiten zwischen England und Frankreich einerseits und der UdSSR andererseits in solchen Fragen erwecken, die mit gutem Willen und aufrichtigen Absichten Englands und Frankreichs ohne Verzögerung und Hemmnisse erledigt werden könnten. Es ist beispielsweise bekannt, dass es sich bei einem solchen künstlich erfundenen „Stolperstein“ bei den Verhandlungen um die Frage der dreifachen Garantie der sofortigen Hilfe für Lettland, Estland und Finnland handelt, falls Angreifer ihre Neutralität verletzen. Der Hinweis darauf, dass diese baltischen Staaten diese Garantien nicht wollen und dass genau dieser Umstand angeblich England und Frankreich daran hindert, den sowjetischen Vorschlag anzunehmen, ist eindeutig unhaltbar und kann nur mit einer Absicht diktiert werden: Verhandlungen zu erschweren, um sie zum Scheitern zu bringen. In jedem Fall sind uns Beweise dafür bekannt, dass England, wenn es sich zum Beispiel für eine Garantie für bestimmte Länder interessiert, geeignete Wege dafür findet, ohne darauf zu warten, dass diese Länder Garantien für sich selbst verlangen.

Die britische Zeitung Sunday Times schreibt in einer Ausgabe vom 4. Juni dieses Jahres: „Polen … hat zugestimmt, dass falls Großbritannien wegen des Angriffs auf Holland in den Krieg verwickelt wird, kommt Polen Großbritannien zu Hilfe.“ Auf der anderen Seite stimmte Großbritannien zu, dass Polen helfen wird, wenn Polen in den Krieg im Zusammenhang mit dem Angriff auf Danzig oder Litauen verwickelt ist. “ Daraus folgt, dass Polen und Großbritannien sowohl Litauen als auch die Niederlande gleichzeitig garantieren. Ich weiß nicht, ob Litauen und die Niederlande zu dieser bilateralen Garantie befragt wurden. Die Presse hat darüber jedenfalls nichts berichtet. Im Übrigen bestreiten sowohl die Niederlande als auch Litauen meines Wissens die Tatsache einer solchen Garantie. Mittlerweile ist der Pakt über die bilaterale Garantie dieser Länder laut der Sunday Times im Grunde genommen geschlossen worden, und es ist für niemanden ein Geheimnis, dass die Mitteilung der Sunday Times nirgendwo widerlegt wurde.

Der polnische Außenminister Beck hat übrigens vor kurzem in einem Interview mit einem französischen Journalisten sehr deutlich erklärt, dass Polen nichts verlange und um keine Garantien der UdSSR bat, und dass es völlig zufrieden ist, dass es ein kürzlich geschlossenes Handelsabkommen zwischen Polen und der UdSSR gibt. Wo ist der Unterschied zwischen der Stellung Polens und der Stellung der Regierungskreise von drei baltischen Staaten? Kein Unterschied. Dies stört England und Frankreich jedoch nicht, Garantien von der UdSSR nicht nur für Polen und vier andere Staaten zu verlangen, von denen wir nicht wissen, ob sie eine Garantie von der UdSSR erhalten wollen, sondern auch für die Niederlande und die Schweiz, zu denen die UdSSR nicht einmal einfache diplomatische Beziehungen unterhält.

Das alles deutet darauf hin, dass die Briten und Franzosen nicht ein Abkommen mit der UdSSR wollen, das auf dem Prinzip der Gleichheit und Gegenseitigkeit beruht, obwohl sie täglich schwören, dass sie auch für „Gleichheit“ sind, sondern ein solches Abkommen, bei dem die UdSSR als Landarbeiter auftreten würde, der auf seinen Schultern die ganze Last der Verpflichtungen trägt. Kein Staat mit Selbstachtung wird einem solchen Abkommen zustimmen, wenn er kein Spielzeug in den Händen von Menschen sein will, die sich gerne Kastanien aus dem Feuer holen lassen. Die UdSSR, dessen Stärke, Kraft und Würde der ganzen Welt bekannt sind, kann einem solchen Vertrag um so mehr nicht zustimmen.

Mir scheint, dass die Briten und Franzosen keinen für die UdSSR akzeptablen Vertrag wollen, sondern nur Gespräche über den Vertrag, um über die imaginäre Unnachgiebigkeit der UdSSR vor der öffentlichen Meinung ihrer Länder zu spekulieren und den Weg zum Kompromiß mit Aggressoren zu erleichtern.

Die kommenden Tage sollten zeigen, ob dies so ist oder nicht.

Mitglied des Obersten Sowjets der UdSSR

Andrei A. Schdanov

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