Note des Volkskommissars für Auswärtige Angelegenheiten der UdSSR Maxim M. Litvinov an deutschen Botschafter in der UdSSR Werner Schulenburg, 18. März 1939

Herr Botschafter,

ich beehre mich, den Eingang Ihrer Note vom 16. und der Note vom 17. dieses Monats zu bestätigen, in denen die Sowjetregierung über die Eingliederung Tschechiens in das Deutsche Reich und über die Errichtung eines deutschen Protektorats darüber unterrichtet wird.

Die sowjetische Regierung hält es nicht für möglich, die genannten Noten stillschweigend hinzunehmen und dadurch einen falschen Eindruck von ihrer angeblich gleichgültigen Stellung gegenüber den tschechoslowakischen Ereignissen zu erwecken, und hält es für erforderlich, als Reaktion auf die genannten Noten ihre tatsächliche Stellung zu den genannten Ereignissen zum Ausdruck zu bringen.

  1. Die politischen und historischen Konzepte, die in der Einführung des deutschen Dekrets für seine Rechtfertigung und Begründung angeführt wurden, und insbesondere Hinweis auf die tschechoslowakische Staatlichkeit als Quelle für ständige Sorgen und Bedrohung für den europäischen Frieden, die Nichtlebensfähigkeit des tschechoslowakischen Staates und die daraus resultierende Notwendigkeit einer besonderen Sorge für das Deutsche Reich, können nicht als korrekt und den der ganzen Welt bekannten Tatsachen entsprechend anerkannt werden. Tatsächlich war die Tschechoslowakische Republik nach dem Ersten Weltkrieg unter allen europäischen Staaten einer der wenigen Staaten, in denen innerer Frieden und eine friedliche Außenpolitik wirklich gewährleistet waren.
  2. Der sowjetischen Regierung sind keine Staatsverfassungen bekannt, die dem Staatsoberhaupt das Recht einräumen würden, Existenz als selbständigen Staat ohne Zustimmung seines Volkes aufzuheben. Es ist schwer, sich vorzustellen, dass ein Volk freiwillig der Zerstörung seiner Unabhängigkeit und seiner Einverleibung in einen anderen Staat zugestimmt hätte, und noch mehr solch ein Volk, das seit Jahrhunderten für seine Unabhängigkeit kämpfte und schon seit zwanzig Jahren unabhängig war. Der tschechoslowakische Präsident Hacha, der den Berliner Akt vom 10. dieses Monats unterzeichnete, hatte keine Befugnisse von seinem Volk und handelte im Widerspruch zu den Absätzen 64 und 65 der tschechoslowakischen Verfassung und zum Willen seines Volkes. Infolgedessen kann der genannte Akt nicht als rechtskräftig betrachtet werden.
  3. Der Grundsatz der Selbstbestimmung der Völker, auf den die deutsche Regierung häufig hinweist, setzt eine freie Willensäußerung des Volkes voraus, die durch die Unterschrift von einer oder zwei Personen unabhängig von ihren hochrangigen Ämtern nicht ersetzt werden kann. In diesem Fall gab es keine Willensäußerung des tschechischen Volkes, zumindest in Form von Volksabstimmungen, die beispielsweise zur Bestimmung des Schicksals von Oberschlesien und der Saarregion stattgefunden hatten.
  4. In Abwesenheit einer Willensäußerung des tschechischen Volkes kann die Besetzung Tschechiens durch deutsche Truppen und die anschließenden Handlungen der deutschen Regierung nur als willkürlich, gewalttätig und aggressiv anerkannt werden.
  5. Die oben genannten Anmerkungen gelten auch vollkommen für die Änderung des Status der Slowakei, die dem Deutschen Reich unterworfen wurde, was durch keine Willensäußerung des slowakischen Volkes gerechtfertigt ist.
  6. Das Vorgehen der deutschen Regierung war ein Signal für eine grobe Invasion der ungarischen Truppen in die Karpatenukraine und eine Verletzung der Grundrechte deren Bevölkerung.
  7. Mit Blick auf das oben Dargelegte kann die sowjetische Regierung die Einverleibung Tschechiens und in der einen oder anderen Form auch der Slowakei in das Deutsche Reich als rechtmäßig und im Einklang mit den allgemein anerkannten Normen des Völkerrechts und der Gerechtigkeit oder dem Grundsatz der Selbstbestimmung der Völker stehend nicht anerkennen.
  8. Nach Ansicht der sowjetischen Regierung beseitigt das Vorgehen der deutschen Regierung keine Gefahr für den Weltfrieden, sondern hat im Gegenteil eine solche Gefahr geschaffen und verstärkt, die politische Stabilität in Mitteleuropa verletzt, die Elemente des in Europa bereits herrschenden Alarmzustandes verstärkt und einen neuen Schlag gegen das Gefühl der Sicherheit der Nationen versetzt.

Ich beehre mich, Sie, Herr Botschafter, zu bitten, Ihre Regierung auf das oben Gesagte aufmerksam zu machen und den Ausdruck meiner vorzüglichsten Hochachtung zu genehmigen.

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