Wie der Westen die Tschechoslowakei Hitler preisgab

Im März 1939 sandte Adolf Hitler seine Truppen nach Tschechien und Mähren. Die Tschechoslowakei, die bereits 1938 zugunsten Deutschlands aufgeteilt wurde, hörte auf zu existieren. Am 14. März erklärte die Slowakei ihre Unabhängigkeit, geriet aber faktisch unter die Kontrolle des Dritten Reiches. Am 15. März wurden Tschechien und Mähren durch Erlass Hitlers zum Protektorat des Deutschen Reiches erklärt.

Am 20. Februar 1938 kündigte Hitler im Reichstag seinen Wunsch an, „10 Millionen Deutsche, die auf der anderen Seite der Grenze leben“, zu vereinen. Die deutsche Presse forderte nachdrücklich, den Interessen der Deutschen im tschechoslowakischen Sudetenland stattzugeben. Bei den Sudetendeutschen arbeitete aktiv die „Sudetendeutsche Partei“ von Konrad Henlein. Nach dem Anschluss von Österreich durch das Dritte Reich forderten Henleins Anhänger territoriale Autonomie für das Sudetenland. Die gleiche Autonomie forderte für die Slowakei die nationalistische Partei von Andrej Hlinka.

Prag hatte damals die Möglichkeit, ihre Unabhängigkeit zu verteidigen: die Armee war ziemlich kampfbereit, zählte zu den besten in Europa, verfügte über fortgeschrittene Ausrüstung, gutes Personal und konnte sich auf starke Grenzschutzlinien und Militärindustrie verlassen. Es stellte sich jedoch heraus, dass das Schicksal der Tschechoslowakei von der Entscheidung des Westens abhing, vor allem Frankreichs, das mit Prag ein Abkommen über gegenseitige Hilfe geschlossen hatte. Die tschechoslowakische Führung wagte es nicht, allein Deutschland gegenüberzustehen.

Paris folgte damals jedoch der britischen Politik. Und London forderte, um jeden Preis einen Konflikt mit Deutschland zu vermeiden. Großbritannien begann zuerst durch die Presse und später durch diplomatische Kanäle, Druck auf Prag auszuüben. Den Tschechen wurde der Gedanke nahegebracht, dass England und Frankreich für die Tschechoslowakei nicht kämpfen würden, so dass die Sudetenfrage friedlich gelöst werden sollte. In Gesprächen mit dem tschechischen Botschafter Masaryk überzeugte der britische Außenminister Halifax ihn beharrlich, dass es notwendig sei, den Krieg zu verhindern und Forderungen der Sudetendeutschen stattzugeben. Im Sommer 1938 erkannten die Briten und Franzosen Hitlers Vorschläge zu der Tschechoslowakei als akzeptabel an, was die Grundlage für das künftige Münchener Abkommen wurde.

Am 22. Juli 1938 forderte London von Prag, Maßnahmen zur „Beschwichtigung Europas“ zu ergreifen. Die Tschechen stimmten zu, Verhandlungen über die Autonomie der Sudetendeutschen aufzunehmen. Henlein und seinen Anhängern reichte es jedoch nicht. Am 29. Juli proklamierte Henlein in Breslau die Grundsätze des Pangermanismus: Alle Deutschen sollten in einem Staat leben und nur deutsche Gesetze befolgen. London übte sofort Druck auf Prag aus, um so bald wie möglich ein Abkommen zu schließen. Zur gleichen Zeit übte Deutschland militärischen Druck aus: Reservisten wurden zur Armee einberufen, die Mobilmachung begann, militärische Manöver wurden abgehalten, neue Befestigungen wurden an der tschechoslowakischen Grenze gebaut, deutsche Flugzeuge fielen in den tschechischen Luftraum ein, an der Grenze begannen Provokationen usw. London drohte Prag, dass die Tschechoslowakei im Falle eines Krieges von den Horden Hitlers niedergeschlagen würde, weshalb es notwendig sei, ein Zugeständnis zu machen. Infolgedessen beschuldigte man Prag, seine harte Haltung könne einen gesamteuropäischen Krieg auslösen.

In Frankreich sprach das Militär von der strategischen Notwendigkeit, die Tschechoslowakei zu schützen. General Gamelin argumentierte, die Tschechoslowakei könne und solle verteidigt werden, da dies eine Frage der Sicherheit von Frankreich selbst sei. Die stärkste Armee Westeuropas sei die französische, die zusammen mit der tschechoslowakischen Armee die deutsche Aggression stoppen könnte. Französische Politiker hatten jedoch eine andere Stimmung. Sie glaubten, dass „der Frieden mit Hitler besser ist als ein Krieg gegen ihn zusammen mit Woroschilow“. Daher teilte Daladier den Tschechen mit, Frankreich könne seinen alliierten Verpflichtungen gegenüber der Tschechoslowakei nicht nachkommen.

Am 15. September 1938 traf Chamberlain Hitler in Berchtesgaden. Hitler forderte ein endgültiges und vollständiges Selbstbestimmungsrecht für die Sudetendeutschen. Danach fand ein Treffen zwischen Chamberlain, Daladier und Bonnet statt. Die Briten und Franzosen beschlossen endgültig, die Tschechoslowakei aufzuopfern, um sich mit Hitler zu einigen. Am 19. September wurde Prag eine Note übergeben, in der es stand, dass die Tschechoslowakei das Sudetenland unverzüglich an das Dritte Reich abtreten müsse, um einen europäischen Krieg zu verhindern. Prag wurde eine „internationale Garantie“ für seine neuen Grenzen versprochen. Aber im Grunde genommen forderten London und Paris einen Selbstmord von Prag.

Am 20. September bat Prag England und Frankreich, diese Entscheidung zu revidieren und diese Frage gemäß dem deutsch-tschechoslowakischen Abkommen von 1925 einem Schiedsverfahren zu unterziehen. Am Abend desselben Tages warnten die Briten die tschechische Regierung, dass wenn sie weiter darauf bestehen würde, die Briten nicht mehr „sich für das Schicksal der Tschechoslowakei interessieren“ würden. Die Franzosen wiederholten diese Drohung. Am 21. September wurde dem tschechoslowakischen Präsidenten Benes ein Ultimatum gestellt: die Forderung nach einer sofortigen Kapitulation der Tschechoslowakei. Prag musste den englisch-französischen Plan akzeptieren, sonst wäre es „zum einzigen Schuldigen für den unvermeidlichen Krieg“ geworden. Die Tschechen wurden auch gewarnt, dass wenn sie sich mit den Russen vereinigen würden, der Krieg den Charakter eines „Kreuzzugs gegen die Bolschewiki“ annehmen würde. Im Ergebnis kapitulierte Prag. Somit wurde die Tschechoslowakei in der Tat nicht von Deutschland zerdrückt, dem Prag bereit war, zu widerstehen, sondern von „westlichen Freunden“ – England und Frankreich.

Am 22. September 1938 teilte Chamberlain Hitler bei einem Treffen in Godesberg mit, dass die Angelegenheit erledigt sei – die Frage der Sudetendeutschen sei im Interesse Deutschlands gelöst. Aber Hitler war es schon nicht genug. Er forderte die gleichzeitige Befriedigung der territorialen Ansprüche Ungarns und Polens gegenüber der Tschechoslowakei. Am 24. September übergaben die Briten die neuen Forderungen Berlins an Prag. Am 25. September überreichte der tschechoslowakische Gesandte Masaryk Chamberlain eine Antwort aus Prag – deutsche Vorschläge wurden als „absolut inakzeptabel“ bezeichnet. London setzte jedoch seinen diplomatischen Druck auf Prag fort. In England und Frankreich verbreitete man Panik und trieb „Erpressung mit dem Krieg“ voran, indem die Kriegsgefahr mit Deutschland wegen der Tschechoslowakei aufgebauscht wurde. Man hat die öffentliche Meinung zur „Beschwichtigung“ Deutschlands geneigt. Die Tschechen wurden als mögliche Schuldige für den Beginn eines großen Kriegs in Europa dargestellt.

Hitler ärgerte, dass nicht alles nach seinem Plan lief. Deswegen veranstaltete er eine psychologische Attacke. Am Abend des 26. September sprach er im Berliner Sportpalast neue Drohungen gegen die Tschechoslowakei aus. „Wenn bis zum 1. Oktober das Sudetenland an Deutschland nicht abgetreten wird, werde ich, Hitler, als erster Soldat gegen die Tschechoslowakei vorgehen“. Er versprach, dass Deutschland nach der Abtretung des Sudetenlandes keine Gebietsansprüche mehr in Europa habe: „Wir brauchen keine Tschechen“. Gleichzeitig wurden die Tschechen der Gräueltaten und Verfolgungen der Sudetendeutschen beschuldigt. Deutschland erfasste eine Militärpsychose.

Am 29. September 1938 fand in München ein Treffen der Staatsoberhäupter der europäischen Großmächte Deutschland, England, Frankreich und Italien – Hitler, Chamberlain, Daladier und Mussolini – statt. Das Schicksal der Tschechoslowakei wurde ohne ihre Teilnahme entschieden. Tschechische Gesandte wurden in München nur dazu empfangen, um ihnen über die Ergebnisse der Konferenz zu berichten. Prag wurde angeboten, alle angrenzenden Gebiete und nicht nur das Sudetenland an Deutschland abzutreten. Die Tschechen sollten diese Gebiete bis zum 10. Oktober 1938 räumen. Alle militärischen Befestigungen, die sich in diesen Gebieten befanden, mussten an die Deutschen übergeben werden. Außerdem musste Prag das Problem der nationalen Minderheiten mit Ungarn und Polen lösen. Es bedeutete, dass die Tschechoslowakei die entsprechenden Regionen an Ungarn und Polen abtreten musste.

Prag kapitulierte unter Druck von London und Paris. Am 1. Oktober 1938 zogen deutsche Truppen frei in die Tschechoslowakei ein. Sie eroberten das Sudetenland und eine Reihe anderer Gebiete und Städte, in denen es fast keine Deutschen gab. Die Slowakei trat die südlichen und östlichen Regionen an Ungarn ab, wo die Ungarn die Mehrheit der Bevölkerung ausmachten. Ungarn erhielt einen Teil der Karpatenukraine. Polen schickte gleichzeitig mit Deutschland Truppen in die Region Cieszyn. Auf Drängen der Deutschen trat Präsident Benes zurück. Somit verlor die Tschechoslowakei teilweise ihre Souveränität, 38% ihres Territoriums, einen erheblichen Teil der Bevölkerung und ihr industrielles Potenzial. Ihre militärische Sicherheit wurde zerstört. Die Grenzbefestigungen gingen verloren. Die Deutschen waren 30 km von Prag entfernt, den Tschechen war es verboten, neue Befestigungen an der neuen Grenze zu bauen.

Zerschlagung der Tschechoslowakei

Weitere Nachgiebigkeit von London und Paris in verschiedenen Fragen zeigte Hitler, dass er die Eroberung der Tschechoslowakei zu Ende führen konnte. London und Berlin hatten ein Konzept des „ewigen Friedens“ entwickelt, das auf der Neuaufteilung der Welt zwischen Großbritannien und Deutschland basierte. Die Briten wiesen darauf hin, dass die Deutschen im Fall der Bewegung nach Osten von England nicht behindert würden. London und Paris nahmen ohne Vorbedingungen diplomatische Beziehungen zu Francos siegreichem Regime in Spanien auf. Frankreich machte Zugeständnisse an Spanien und Italien.

Zunächst setzte Berlin Prag unter Druck, damit die Tschechen der Slowakei und der Karpatenukraine eine Autonomie gewährten. Am 7. und 8. Oktober 1938 gewährte die tschechoslowakische Regierung der Slowakei und Karpatenukraine Autonomie. Auf Initiative der Hitler-Diplomatie wurde am 2. November 1938 in Wien eine Kompromissentscheidung zwischen Ungarn, Polen und der Tschechoslowakei getroffen. Die Tschechoslowakei trat die südlichen Regionen der Slowakei (ca. 10.000 km²) und die südwestlichen Regionen der Karpatenukraine (ca. 2.000 km²) an Ungarn ab. Im Dezember 1938 – Januar 1939 machte Berlin Budapest klar, dass die Ungarn im Falle der Eroberung der Karpatenukraine (der Ukraine) nicht auf deutschen Widerstand stoßen würden. Im Gegenzug versprach Budapest, dem Anti-Komintern-Pakt beizutreten. Dieses Versprechen wurde im März 1939 eingelöst.

Die deutsche Diplomatie arbeitete aktiv mit slowakischen Nationalisten. Sie sollten nach dem Vorbild von 1938 die Rolle der Sudetendeutschen übernehmen. In der Slowakei entwickelte sich rasch eine separatistische Bewegung. In Deutschland trieb die Presse den Konflikt zwischen Tschechen und Slowaken aktiv voran. Den tschechischen Behörden wurden „Gräueltaten“ vorgeworfen. In Bratislava wurde ein Putsch organisiert. Am 9. März 1939 besetzten tschechische Truppen die Slowakei und enthoben den slowakischen Ministerpräsidenten Tiso des Amtes. Die Führer der slowakischen Separatisten Tiso und Durcansky baten Hitler, sie vor den tschechischen „Unterdrückern“ zu schützen. Am 13. März 1939 erklärte Tiso in Berlin die Unabhängigkeit der Slowakei unter deutscher Schirmherrschaft. Am 14. März erklärte das slowakische Parlament die Unabhängigkeit. Tiso wurde zum Premierminister und später zum Präsidenten der „unabhängigen“ Slowakei.

Die Ereignisse in der Slowakei fanden sofort eine Reaktion in der Karpatenukraine. Die dort gebildete Regierung von Woloschin kündigte am 15. März ihre Unabhängigkeit an. Woloschin bat um Unabhängigkeit unter dem Schutz des Dritten Reichs. Berlin lehnte das jedoch ab und bot an, Ungarn keinen Widerstand zu leisten. Ungarische Truppen besetzten zum 18. März die Karpatenukraine.

In der Nacht zum 15. März 1939 begannen die deutschen Truppen die Besetzung der „Rest-Tschechei“. Der Führer forderte, dass der tschechische Präsident nach Berlin kommt. Präsident Hacha und Außenminister Chvalkovsky kamen in der deutschen Hauptstadt an. Hier wurde ihnen ein fertiges Dokument über die endgültige Auflösung der staatlichen und nationalen Unabhängigkeit der Tschechoslowakei vorgelegt. Hitler sagte Hacha und Chvalkovsky, dass jetzt kein richtiger Zeitpunkt für Gespräche sei und er nur ihre Unterschrift im Dokument benötige, wonach Böhmen und Mähren ins Deutsche Reich eingegliedert werden. Unter starkem psychologischem Druck (Drohungen, Prag zu zerstören usw.) gaben tschechische Vertreter auf. Am 15. März wurden Böhmen und Mähren zum deutschen Protektorat erklärt.

Mit einer Note vom 17. März 1939 informierte Berlin die Welt über die Errichtung eines Protektorats über Böhmen und Mähren. Begründet wurde dies damit, dass „das böhmisch-mährische Land ein Jahrtausend lang der Lebensraum des deutschen Volkes war“. Und die Tschechoslowakei war ein „künstliches Gebilde“, „Anlass zur Sorge“ und wies eine „innere Nichtlebensfähigkeit“ auf, sodass der Staat faktisch zusammenbrach. Und Berlin intervenierte, um „die Grundlagen einer rationalen Ordnung in Mitteleuropa wiederherzustellen“.

Moskau weigerte sich, die Aufnahme der Tschechoslowakei in das Dritte Reich anzuerkennen. England, Frankreich und die Vereinigten Staaten haben formell protestiert.

Fazit

Somit gaben die Herren des Westens die Tschechoslowakei Deutschland preis. Hitler erhielt ein wichtiges strategisches Territorium in der Mitte Europas. Es wurde eine starke tschechoslowakische Armee liquidiert, die mit Unterstützung Englands und Frankreichs der Expansion Deutschlands standhalten konnte. Nun konnte Hitler einen Krieg im Westen oder Osten anzetteln. In die Hände der Deutschen fielen Waffen und Lagerbestände von 30 tschechoslowakischen Divisionen (einschließlich Ausrüstung von 3 Panzerdivisionen) sowie eine mächtige tschechoslowakische Industrie, unter anderem Militärindustrie. Zum Jahr 1942 wurden bis zu 40% aller Waffen und Munition des Deutschen Reiches auf dem Gebiet der ehemaligen Tschechoslowakei hergestellt.

Nach dem Artikel von „Military Review“ (topwar.ru)

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