Artikel des Kulturministers der Russischen Föderation Wladimir Medinski für Tageszeitung „Rossijskaja Gaseta“ zur Restitution der Kulturgüter in den deutsch-russischen Beziehungen

Mit dem Krieg haben wir alle Rechnungen beglichen

Zu neuen Versuchen einer Revision der Ergebnisse des Zweiten Weltkriegs durch die Restitution

Autor: Prof. Dr. Wladimir Medinski (Doktortitel für Geschichtswissenschaften)

Rossijskaja Gaseta – Hauptstadtausgabe №18(7776)

Ende Dezember 2018 hat die deutsche Botschaft die Information verbreitet, dass sie beabsichtigt, die Kulturgüter nach Deutschland zurückzubringen, die nach den Ergebnissen des Zweiten Weltkriegs aus Deutschland in die Sowjetunion verbracht wurden. Im Nachhinein korrigierten sich die Diplomaten hastig: Angeblich wirken sie nicht auf eine eindeutige Rückgabe hin, sondern versuchen, Gespräche zu diesem Thema anzukurbeln.

Allerdings selbst so eine vage, aber dennoch ziemlich offizielle Aussage bedarf eines Kommentars. Und einer Erläuterung: warum all das nie passieren wird – weder eine „Rückgabe“ noch halbwegs sachliche „Gespräche“ darüber.

Die aktuelle Sachlage ist historisch gerechtfertigt, entspricht den Normen des Völkerrechts und des russischen Rechts, wird hauptsächlich den moralischen Normen gerecht und ist nicht revisionsbedürftig. Alles, was die Sowjetunion von Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg eingezogen hat, ist dokumentiert und gehört uns zurecht: erstens als dem Land, das unter der heimtückischen Aggression und den barbarischen Methoden der nazistischen Kriegsführung gelitten hat; zweitens als Entschädigung für den im Zweiten Weltkrieg verursachten Schaden, einschließlich der ausgeplünderten und illegal ausgeführten Kulturgüter, und, letztendlich,  als Siegermacht.

Die Kulturgüter, die im Zuge der kompensatorischen Restitution aus Deutschland verlagert worden sind, sind ein Besitz Russlands. Diese Kulturgüter bleiben auch heute Weltkulturerbe. Aber nur der russische Staat darf als Eigentümer darüber verfügen.

 Geschichte der Frage und der Buchstabe des Gesetzes

Klären wir erstmal die Begriffe. Deutsche Kollegen gebrauchen das Wort „Restitution“ im Sinne „Rückführung an den Besitzer“, weil die in die Sowjetunion verbrachten Kulturgüter angeblich „Kriegsbeute“ sind.

Aber das stimmt weder historisch noch juristisch.

Vor dem Zweiten Weltkrieg wurde auf die Kulturgüter der Kriegsparteien ein schlichtes Prinzip angewendet: Der Sieger bekommt alles, was er in die Hände bekommt. So wuchsen im Grunde genommen nationale Museumsbestände und viele Privatsammlungen der großen Militärmächte – Großbritanniens, Frankreichs und teilweise auch Russlands, machen wir uns doch nichts vor.

Die ersten Versuche, den Umgang mit Kulturgütern in Kriegszeiten zu reglementieren, wurden im Rahmen der Haager Konventionen von 1907 unternommen. Die Kriegsparteien wurden aufgerufen, „dem Gottesdienste, der Kunst, der Wissenschaft und der Wohltätigkeit gewidmeten Gebäude, die geschichtlichen Denkmäler“ „so viel wie möglich zu schonen“.

Erklärungen blieben leider nur Erklärungen, keiner hat sie beherzigt. Schon in den ersten Wochen des Ersten Weltkrieges haben die Deutschen die berühmte Kathedrale von Reims in Frankreich in Schutt und Asche gelegt.  Auf den besetzten Gebieten des Russischen Reichs kam es zur Umschmelzung von Denkmälern, um Metall für den Bedarf der deutschen Armee zu gewinnen.

Erst nach dem Zweiten Weltkrieg versuchte man erstmals, das „Recht des Starken“ in den Rahmen des Völkerrechts hineinzubauen. Diesmal machten sich nicht die einfühlsamen Humanisten, sondern die Siegermächte an die Arbeit.

Das Ausmaß der nazistischen Ausplünderung der besetzten Gebiete der Sowjetunion und Osteuropas war präzedenzlos. Um die Nazis zu bestrafen, musste man eine spezielle juristische Basis schaffen. Die Mächte der Antihitlerkoalition haben schon 1943 angefangen, diese zu gestalten. Die damals unterzeichnete Londoner Erklärung setzte alle Eigentumsenteignungen auf den von Deutschland und dessen Verbündeten besetzten Gebieten außer Kraft. Im Ergebnis der Konferenz von Jalta (Februar 1945) wurde eine Sonderreparationskommission eingerichtet, um juristische Grundlage zu schaffen und Mechanismen für die Lösung zweier Fragen ins Leben zu rufen:

Erstens ging es um die Restitution von Eigentum, das von den Nazis aus den von deren Aggression betroffenen Ländern ausgeführt wurde – einfacher gesagt, um die Rückgabe des Erbeuteten.

Zweitens ging es um die sogenannte kompensatorische Restitution, d.h. über den Ausgleich der durch die Zerstörung verloren gegangenen Kulturgegenstände.

Diese interalliierte Kommission verabschiedete 1946 „Das vierseitige Restitutionsverfahren“, wo betont war: „Einzigartiges Eigentum, das nicht restituiert werden kann…, darf mit gleichwertigen Objekten ersetzt werden“. Gerade auf diesem Dokument sowie auf den Beschlüssen der Nürnberger Prozesse beruht Russlands (oder auch Frankreichs, der osteuropäischen Länder, Griechenlands, der Beneluxstaaten, Skandinaviens) Recht auf die so genannte „Beutekunst“.

Ich betone: Es gab keine „Ausplünderung“ des besiegten Deutschland, es gab keine „Kriegstrophäen“. Es gab nur eine streng reglementierte Rückführung des Erbeuteten und einen gleichwertigen Ersatz des Verlorengegangenen und Zerstörten. Demgemäß hat die „Restitution“ (wenn wir diesen Begriff nutzen) an Russland, von der unsere deutschen Kollegen aus irgendeinem Grund sprechen, schon stattgefunden.

 Nach Recht und Billigkeit

Gelten diese Normen immer noch? Ja, das tun sie.

Eine spätere völkerrechtliche Regulierung des Themenbereichs der „verbrachten Kulturgüter“ in künftigen militärischen Konflikten erfolgte in den 1950-1970er Jahren („Haager Konvention zum Schutz von Kulturgut bei bewaffneten Konflikten“ von 1954 und das UNESCO-Übereinkommen „Über Maßnahmen zum Verbot und zur Verhütung der unzulässigen Einfuhr, Ausfuhr und Übereignung von Kulturgut“ von 1970). Diese Rechtsvorschriften verbieten es ausdrücklich, Kulturgut als Kriegsbeute zu betrachten. Gerade darauf verweist man im Westen, um die „Rückführung“ zu rechtfertigen, obgleich es allen klar ist: diese Verweise sind juristisch gesehen lächerlich. Weil:

  • Diese Akten haben keine Rückwirkung;
  • Sie stimmen komplett mit dem Geist der Entscheidungen der 1940er Jahre überein, die von den Alliierten gefällt wurden;
  • Darüber hinaus gibt es noch ein unwiderrufliches juristisches Dokument – Artikel 107 der Charta der Vereinten Nationen, die die Revision der Ergebnisse des Zweiten Weltkrieges für unzulässig erklärt.

So viel zur juristischen Seite der Frage. Es erübrigt sich, über die moralischen Aspekte derartiger Forderungen zu reden.

Interessant ist, dass vor dem Zerfall der UdSSR in Deutschland selbst die Legitimität der Ausfuhr von Kunstgegenständen durch die Siegermächte nie in Frage gestellt worden ist. Während der Verhandlungen über die Wiedervereinigung Deutschlands 1990 gaben die Regierungen der BRD und der DDR sogar eine gemeinsame Erklärung ab, der zufolge „Maßnahmen zur Enteignung des Eigentums, die aufgrund der Rechte und des Primats der Besatzungsmächte (1945-1949) eingeleitet worden waren, unumkehrbar sind“.

 Arithmetik des Gesetzes

Kurzer Exkurs in die Geschichte. Die Nazis haben die sowjetische Kultur systematisch zerstört und beraubt. Unter der Leitung von Alfred Rosenberg (Reichsminister für die besetzten Ostgebiete) funktionierte ein ganzer Sonderstab Bildende Kunst.

Die Nazis schändeten die russischen Kulturdenkmäler nicht ihrer Naivität oder Barbarei halber – sie hatten dafür eine wissenschaftliche Begründung. Im nazistischen Gedankengut war es fest verankert, dass Slawen „Untermenschen“ sind und teilweise vernichtet und umgesiedelt werden müssen, während die Übrigen von den Ariern versklavt werden. Sklaven steht keine Kultur zu.

Einige Kulturdenkmäler, wie etwa das Prunkstück der russischen Baukunst, das Kloster Neu-Jerusalem, wurden durch die Deutschen absichtlich gesprengt. Die Anderen, wie Tolstojs „Jasnaja Poljana“ und Dutzende umliegende Landgüter, wurden komplett ausgeraubt. Leningrad wurde durch die Deutschen nicht eingenommen, dennoch wurden die naheliegenden Paläste von Zarendorf, Gatschina und Peterhof in Schutt und Asche gelegt.

Peterhofs Hauptkonservator Marina Tichomirowa schrieb in einem Brief an ihre Mutter: „Es ist so furchtbar, dass ich keine Worte dazu finde. Der Große Palast ist jetzt eine Ruine ohne Fußboden, Decke, Dach, Hauskirche und Schatzkammer. Vom Marly Palast sind nur noch rauchende Trümmer übrig geblieben, der Monplaisir Palast ist in einen Bunker verwandelt, verstümmelt, die Parks sind zerstört. Da kommen nicht einmal die Tränen – man erstarrt einfach“.

In Puschkins Landgut Michailowskoje wurden sein Hausmuseum und sogar das Häuschen von Arina Rodionowna geplündert und vernichtet. Der historische Park wurde ausgehackt. Eine Museumsmitarbeiterin erinnerte sich: „Im Museum wurde ein deutsches Stabsquartier eingerichtet. Die Deutschen haben Betten aufgestellt, sich auf den antiken Stühlen breitgemacht, klauten Wertgegenstände – Kerzenständer und Gemälde… Ich habe in einem der Räume Puschkins Portrait, gemalt vom Maler Kiprenskij, entdeckt. Das Portrait lag auf dem Boden herum. Die Leinwand war durch einen Stiefel durchtreten. Auf meinen Augen hat ein deutscher Soldat den Hausofen mit Büchern angefeuert… Gemälde und Skulpturen wurden zu Schießscheiben.“

Unter Tausenden von ausgeführten Meisterswerken findet sich auch das Bernsteinzimmer, das man immer noch vergebens zu finden versucht. Es gibt noch eine Unmenge von solchen Beispielen.

Insgesamt wurden auf den besetzten Gebieten 427 Museen ausgeplündert. Allein auf dem Territorium der RSFSR wurden 1.177.291 Aufbewahrungseinheiten und 13.000 Musikinstrumente gestohlen und vernichtet. Bibliotheken haben einen Verlust von 180 Mio. Buchexemplaren verzeichnet. Aus den Archiven wurden 17 Mio. Akten ausgeführt und vernichtet. 3.000 Architekturdenkmäler wurden komplett zerstört.

Selbst wenn man nicht mit Begriffen wie „Moral“ oder „Gewissen“ operiert, sondern auf die Situation mit praktischem Sinn der Deutschen und ihrer Pedanterie schaut, wenn man diese unvollständige Liste von vernichtetem jahrhundertealtem Kulturreichtum Russlands mit den Listen der kompensatorischen Restitution vergleicht, muss man zugeben, dass der sowjetische Siegessoldat sogar Mitleid mit Deutschland gezeigt hat. Er hat nur eine sehr bescheidene Menge ausgeführt. Wollen Sie, sehr geehrte deutsche Kollegen, angesichts dieser realen Arithmetik wirklich zur Restitutionsfrage zurückkommen? Nein, ich meine, falls sie wirklich immer noch was zurückgeben wollen, können wir ausnahmsweise darüber reden.

 Geschichte der Ansprüche

Lassen sie mich erwähnen, dass die Frage des bedingungslosen Eigentumsrechtes an dem aus Deutschland ausgeführten Kulturgut zwei gesetzliche Ausnahmen hat. Sie erfassen:

  • Eigentum religiöser Organisationen;
  • Eigentum von Privatpersonen, das unentgeltlich aufgrund rassischer, religiöser oder nationaler Zugehörigkeit durch die Nazis enteignet wurde (ich betone: gewaltsam enteignet und beschlagnahmt).

In dieser Hinsicht haben wir keine Einsprüche. Unser Gesetz stimmt mit dieser völkerrechtlichen Norm komplett überein. Zum Beispiel wurden 2002 111 Buntglasfenster der Marienkirche an Deutschland überreicht, die zuvor nach Russland abtransportiert und in der Staatlichen Eremitage aufbewahrt waren.

Aber manche europäische Vertreter können sich an diese Rechtsvorschrift aus irgendeinem Grund nicht erinnern (2005 haben laut Erklärung des damaligen russischen Kulturministers Alexander Sokolov gleich 8 Länder ihren Anspruch an Russland geäußert: Österreich, Belgien, Ungarn, Deutschland, Griechenland, Luxemburg, Holland und, aus irgendeinem Grund, auch die Ukraine).

Ein Beispiel. Besonders amüsant haben sich unsere holländischen Partner verhalten. In den 1990ern brachten sie zur Sprache die Rückgabe der sogenannten Sammlung von Königs, einem holländischen Bankier, der Kunstwerke (Bruegel, Rembrandt usw.) gesammelt hatte. Die Geschichte seiner Sammlung ist wie folgt. In den 1930ern ging er Pleite und verkaufte sie an einen gewissen Geschäftsmann Van Bueningen. Dieser verkaufte sie dann weiter (!) an das Dritte Reich. Für 1,4 Mio. Gulden – so ziemlich zum Marktpreis, soweit – so gut. Bis 1945 befand sich die Sammlung in der Dresdner Gemäldegalerie. Nachher wurde sie in die UdSSR verlagert – als Eigentum Deutschlands, das der gesetzlichen kompensatorischen Restitution unterliegt. Sie befindet sich jetzt im Puschkin-Museum.

Nun dachten sich die Holländer in den 1990ern, dass es nicht schlecht wäre, diese weiterverkaufte Sammlung jetzt im Rahmen der „Perestroika“ und des „Neuen Denkens“ Russland auszunehmen. Weil es früher einmal Privateigentum war.

Vor einigen Jahren hatte ich einen Streit diesbezüglich mit der holländischen Kultur- und Bildungsministerin. Sie beharrte aggressiv darauf, die Arbeit der zwischenbehördlichen Kommission zur Rückgabe der Königs-Sammlung an die Niederlande zu intensivieren.

Ich habe ihr deutlich gemacht: laut Gesetz ist das keine holländische Sammlung und sogar keine Sammlung eines holländischen Staatsangehörigen. Er verkaufte sie an Deutschland, und sie gelang an uns schon als Eigentum des besiegten Dritten Reichs. Also wir intensivieren die Arbeit der Kommission aus den 1990ern nicht einmal an, wir lösen sie gar auf. Mangels eines Verhandlungsthemas.

Die Kollegin war empört: Sie meinte, Deutschland habe dem holländischen Verkäufer wahrscheinlich „ein Angebot gemacht, dass er nicht ablehnen konnte“. So musste der Arme seine Sammlung an die Deutschen verkaufen. Vielleicht sogar zum herabgesetzten (!) Preis. Ihr zufolge sollten wir (?) jetzt alle eine Untersuchung zu diesem Thema einleiten…

Da musste ich Sie daran erinnern, dass die Bewohner Leningrads zwei Jahre lang unter viel härteren Bedingungen als der holländische Millionär lebten. Dennoch hat niemand gar einen Nagel aus der Eremitage-Sammlung und anderen Museen an die Deutschen verschenkt. Die UdSSR zahlte einen schrecklichen Preis dafür. Und welchen Preis zahlte Holland, um die Sammlung nicht „womöglich zum herabgesetzten Preis zu verkaufen“?

Deswegen halte ich diese Angelegenheit für geklärt, und die Kommission – für aufgelöst. Damit ich bei den verehrten Kollegen kein Syndrom der „enttäuschten Erwartungen“ errege.

Fünf Jahre sind vergangen und die holländischen Kollegen haben dieses Thema nie mehr aufgegriffen.  Es scheint mir, dass ein definitives und argumentiertes „Nein“ bei den Verhandlungen immer klar ist.

 Geschichte der Rückgaben

Gab es Präzedenzfälle, wo verlagertes Kulturgut an den ehemaligen Feind zurückgegeben worden war? In der Weltpraxis – nein.

Warum dies so ist, erklärte die niederländische Zeitung Volkskrant, gerade als Anfang der 1990er der Fall von der Königs-Sammlung aufgetaucht ist: Sollten alle Kunstwerke, die in Kriegszeiten im Laufe von Jahrhunderten verlagert worden waren, zurückgegeben werden, wird es in Europa kaum Museen mehr geben.

Nehmen wir den Louvre als Beispiel. Seine Bestände bildeten sich durch die Kulturgüter, die jahrhundertelang aus Kolonien und abhängigen Ländern als Kriegsbeute ausgeführt wurden. Kurz gesagt – was Bonaparte zusammengeraubt hat, ist jetzt Reichtum Frankreichs. Aus Italien und Spanien – Gemälde und Skulpturen, aus Ägypten und Syrien – Gräbergold, Obelisken usw. Die Sphinx konnte der General nicht abtransportieren aufgrund mangelnder technischer Möglichkeiten – schoss ihr dennoch verbittert die Nase weg. Aus einer Kanone. Immerhin war Napoleon ein professioneller Kanonier.

Und wie viele Schätze haben die Franzosen 1812 aus dem ausgeplündertem Moskau ausgeführt? Wie viel ist im Feuer verbrannt? Allein für den Originaltext des Igorlieds, der in Flammen aufging, müssten wir an sie ewig Ansprüche erheben. Aber wer erinnert sich in Frankreich noch daran? Übrigens, zeigte Alexander I. großes Mitleid mit den Franzosen, als er in Paris an der Spitze der russischen Armee einmarschierte. Er hat keine kompensatorische Restitution vorgenommen. Ein großzügiger Mann. Das ist allerdings die Eigenschaft eines wahren Siegers.

Oder nehmen wir das berühmte British Museum. Noch Lenin bezeichnete ihn als eine „Ansammlung unzähliger Reichtümer, die England aus Kolonialstaaten erbeutete“.  Kurz und bündig. Viele machen heute Ansprüche an London geltend – von China und Griechenland bis Tadschikistan, Nigeria und Äthiopien. Selbstverständlich werden die Britten nichts zurückgeben. Denn solche Präzedenzfälle gab es in der Geschichte noch nicht.

Obwohl… nein. Es gibt Präzedenzfälle. Allerdings nicht in der Weltpraxis, sondern… leider – in unserer.

Nach dem Sieg 1945 hat die UdSSR und später auch die Russische Föderation Zeichen des guten Willens an das deutsche Volk gerichtet.

Die Rückgabe von Kulturgütern an Deutschland fing noch 1949 an, als die UdSSR beschlossen hat, die Archive aus Hamburg, Lübeck und Bremen gegen die aus Königsberg–Kaliningrad und Tallinn auszutauschen. Der Prozess zog sich bis auf die 1980er hin, aber anfangs war es ein „Austausch“.

Und dann ging es einfach los. Das berühmteste Beispiel unilateraler Uneigennützigkeit ereignete sich 1955, als der verbündeten DDR die Sammlung der Dresdner Galerie (Werke Raffaels, Corregios, Dürers und anderer) und der Pergamonaltar überreicht wurden. Diesen Schatz hat die russische Armee 1945 hauptsächlich in den Steinwerken bei Dresden entdeckt – minengesperrt und in schrecklichem Zustand. Feucht, überschwemmt und verschimmelt. Dass es überhaupt gelungen ist, sie wiederzubeleben, ist eine herausragende professionelle Heldentat zunächst unseres Bombenräumkommandos, und nachher – sowjetischer Restauratoren.

Auf Beschluss von Nikita Chruschtschow fand eine feierliche Übergabe dieser Schätze an die DDR statt – als Zeichen von Freundschaft und sozialistischer Brüderlichkeit: insgesamt 1.240 Gemälde. Und noch 1.571.995 Ausstellungsobjekte aus allen Museen der UdSSR. Mit anderen Worten: einigen Schätzungen zufolge kam 4/5 von allem, was nach dem Krieg ausgeführt wurde, wieder zurück. Das beruhte auf einem falschen Gefühl von Klassensolidarität. Auf einer momentaner politischen Erwägung. Wo ist sie nun, die Klassensolidarität? Wo ist es, das Lager des Sozialismus? Die gibt es nicht… Und die Dresdner Sammlung haben wir auch nicht.

Jedoch haben wir kein Recht, über unsere Vorfahren zu urteilen: wenn wir die Begründungen der 50er Jahre nicht verstehen, heißt das nicht, dass es sie nicht gab.

Wichtig ist was anderes: bedauerlicherweise fing man an, diese Beispiele russischer Großzügigkeit als Schwäche zu interpretieren.

Genauso – als ein Zeichen der Schwäche, nicht des Edelmuts – empfand man unsere unilaterale „Gesten des guten Willens“ der 90er Jahre. So wurde 1993 die im Pulkowo-Observatorium aufbewahrte Sammlung (Sammlung der Gotha Bibliothek und des so genannten „Grünen Gewölbes“ in Dresden) sowie vieles aus den Museumsbeständen der Eremitage und des Puschkin-Museums an Deutschland überreicht. Und Deutschland? Es hat an Russland nichts zurückgegeben.

Erst 1998 wurde das föderale Gesetz Nr. 64 „Über Kulturgüter, das in die UdSSR im Ergebnis des Zweiten Weltkriegs verlagert wurde und sich in der Russischen Föderation befindet“ verabschiedet, nach dem sie zu Staatseigentum erklärt werden und ihre unkontrollierte Übergabe eingeschränkt wird.

***

Nun denn. Es gibt und kann keine „günstige Lage“ geben, in der Russland bereit wäre, irgendwelche Verhandlungen zum Thema „Rückgabe von Kulturgütern an Deutschland“ zu beginnen. Und machen wir unseren deutschen Freunden nichts vor: im Falle des guten Benehmens … Nein.

Sehr geehrte deutsche Partner, sie können uns doch nicht die 27 Mio. verlorene Leben zurückgeben? Dann bitten Sie auch uns nicht ums Unmögliche. 

Diese Fragestellung existiert für uns sogar nicht. Außerdem steht sie in keinem Zusammenhang mit unseren konstruktiven Geschäfts- und Kulturbeziehungen, die heute zwischen unseren Ländern gepflegt werden. Übrigens sind unsere Kulturbeziehungen aufrichtig, offen und freundlich.

Aber die Vergangenheit ist geklärt. Es ist geschehen. Da sollte man nicht zurückkehren.

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