„Alle Romanows waren bei uns“ – Ex-Ministerpräsident Sergej Stepaschin im Interview für „Der Spiegel“

Russlands Ex-Ministerpräsident Sergej Stepaschin erklärt, was seiner Ansicht nach die wahren Gründe für das überraschende Zerwürfnis zwischen Russland und Griechenland sind. 

Zwischen Athen und Moskau herrscht offener Streit. Griechenlands Regierung wirft dem Kreml vor, sich in innere Angelegenheiten des Landes einzumischen, sie hat deshalb im Sommer russische Diplomaten ausgewiesen. Seit Kurzem verwehrt Griechenland auch Amtsträgern der russisch-orthodoxen Kirche die Einreise. Anfang September traf das Einreiseverbot den Metropoliten von Sankt Petersburg.

Das Zerwürfnis wiegt schwer: Lange galt die Regierung von Alexis Tsipras als die moskaufreundlichste der EU. Der gemeinsame orthodoxe Glaube gilt als Band, das Griechen und Russen eint. Nun aber wirft Athen Moskau vor, einen harmlos klingenden Verein zur verdeckten Einflussnahme zu nutzen: die „Kaiserliche Orthodoxe Palästina-Gesellschaft“ mit Sitz in Moskau und Filialen im Ausland. 

Unser Interviewpartner Sergej Stepaschin, 66, ist der Vorsitzende dieses Vereins – und in Russland ein berühmter Mann. Er war Chef der KGB-Nachfolgeorganisation FSK und 1999 unter Boris Jelzin für 89 Tage sogar Ministerpräsident von Russland.

SPIEGEL: Herr Stepaschin, Ihr Verein, die „Kaiserliche Orthodoxe Palästina-Gesellschaft“, wurde zur Zarenzeit gegründet – offiziell, um Russlands Gläubigen bei Pilgerfahrten zu helfen und das Heilige Land zu erforschen. Ein amtierender Vizeaußenminister sitzt im Vorstand. Kann man da noch von einer „Nichtregierungsorganisation“ reden?

Stepaschin: Auch Außenminister Sergej Lawrow ist unser Ehrenmitglied. Ich kann darin jedoch nichts Anstößiges erkennen. Zur Zarenzeit waren alle Romanows und die gesamte Regierung bei uns Mitglieder. Natürlich arbeiten wir mit dem Außenministerium zusammen, vor allem in Syrien. Da geht es um humanitäre Hilfe, um Flüchtlinge, um den Schutz der Christen im Nahen Osten. Wir haben 150.000 Tonnen Hilfsgüter nach Syrien geliefert, an Christen wie an Muslime. Aber wir bekommen nicht eine einzige Kopeke aus dem russischen Staatshaushalt. Der Verein ist seiner Satzung und seinem Geist nach eine international agierende Nichtregierungsorganisation.

SPIEGEL: Vor zwei Jahren haben Sie die erste Filiale ihres Vereins in Griechenland eröffnet, in Thessaloniki. Gegen diese Filiale richten sich die Vorwürfe der Athener Regierung. Hat sie das überrascht?

Stepaschin: Das kam völlig unerwartet. Griechenlands Außenministerium und Geheimdienste wussten genau, womit wir uns beschäftigen. Ich habe mich vor zwei Jahren mit allen getroffen und geredet. Mit den Griechen verbindet uns eine jahrhundertealte Freundschaft und ein gemeinsamer Glaube. Russen verehren die orthodoxen Heiligtümer Griechenlands, und wir haben Pilgerfahrten dorthin organisiert. Aber dann hieß es plötzlich, wir hätten uns in Griechenlands Streit mit dem Nachbarland Mazedonien eingemischt, und über den Verein seien staatliche russische Gelder in die griechische Politik geflossen. Etwas Unsinnigeres habe ich in meinem Leben nicht gehört.

SPIEGEL: Sind denn Gelder geflossen?

Stepaschin: Kein bisschen. Simos Panagiotidis, der Leiter der griechischen Filiale, ist Geschäftsmann. Er hat aus seinen Mitteln mit dem Bau einer russischen Schule begonnen, unweit vom Berg Athos wollten wir ein Jugendzentrum bauen. Und eine Kirche wurde wiederaufgebaut. Jetzt ist Panagiotidis zur Fahndung ausgeschrieben, und man hat ihm sein Unternehmen weggenommen.

SPIEGEL: Wie erklären Sie sich denn das griechische Vorgehen?

Stepaschin: Ich sehe mehrere Gründe. Erstens ist offensichtlich, dass Griechenland nicht aus eigenem Antrieb handelt. Bisher war es doch so: Als alle anderen westlichen Länder Russland schon vorgeworfen hatten, es mische sich in ihre inneren Angelegenheiten ein, da hielten sich die Griechen heraus. Jetzt hat Tsipras gehandelt, und wer lobt ihn schon am nächsten Tag? Der US-Präsident. Zweitens geht es darum, jemandem sein Geschäft wegzunehmen, einfach weil er mit Russland zusammenarbeitet. Und drittens haben wir meiner Meinung nach keine Schwierigkeiten mit der griechischen Kirche, sondern mit dem Ökumenischen Patriarchen in Konstantinopel.

SPIEGEL: Patriarch Bartholomaios spielt nicht nur eine große Rolle für die orthodoxen Gläubigen in Griechenland und der Türkei. Er gilt auch als ranghöchster Würdenträger aller orthodoxen Kirchen weltweit.

Stepaschin: Die Beziehungen mit ihm sind sehr komplex und schwierig. Das hat mit Eigentumsfragen zu tun und mit der russischen Präsenz auf dem Berg Athos. Außerdem geht es um die Ukraine: Kiew will, dass die Ukrainische Orthodoxe Kirche die Autokephalie erhält, also nicht mehr zum Moskauer Patriarchat gehört.

SPIEGEL: Bartholomaios will der Bitte offenbar nachkommen, er hat für die Verhandlungen zwei ukrainischstämmige Bischöfe aus Nordamerika nach Kiew entsandt. Das Moskauer Patriarchat sieht darin einen feindlichen Akt und droht mit einem Abbruch der Beziehungen zu Konstantinopel. Droht eine Spaltung der orthodoxen Christenheit? Und steht die russisch-orthodoxe Kirche am Ende isoliert da?

Stepaschin: Ich stimme völlig mit der russisch-orthodoxen Kirche überein: Der Ökumenische Patriarch hat seine Vollmachten überschritten. Natürlich gibt es das Risiko einer Spaltung, aber von einer Isolierung der russisch-orthodoxen Kirche kann keine Rede sein. Ein Großteil der orthodoxen Gläubigen lebt ja in Russland. Es ist eher Patriarch Bartholomaios, dem die Isolierung droht.

SPIEGEL: Griechenland wirft Russland vor, über Ihren Verein den alten Namensstreit mit dem Nachbarland Mazedonien anzufeuern – um so dessen Nato-Beitritt zu verhindern. Es geht in dem Streit um die Frage, wie man die ehemalige jugoslawische Republik Mazedonien begrifflich von der gleichnamigen Region in Griechenland abgrenzen kann.

Stepaschin: Da sage ich Ihnen als ehemaliger russischer Politiker: Der Namensstreit zwischen Griechenland und Mazedonien ist für Russland nicht aktuell. Glauben Sie mir, wir haben genug andere Probleme.

SPIEGEL: Aber auch der mazedonische Geheimdienst geht davon aus, dass Russland sich in die Namensfrage eingemischt hat.

Stepaschin: Unseren Verein gibt es gar nicht in Mazedonien. Es gibt ihn in Serbien, Bulgarien und Montenegro. Und zwar in Montenegro erst, nachdem das Land der Nato beigetreten ist.

SPIEGEL: Eines kann man auf jeden Fall sagen: Die Regierung in Athen, die als besonders moskaufreundlich galt, ist von Russlands Politik insgesamt ernüchtert…

Stepaschin: Die Griechen sind gekränkt, dass sie ihre Oliven nicht mehr auf unserem Markt verkaufen dürfen. Da kann ich nur antworten: Leute, warum habt ihr denn Sanktionen gegen uns verhängt?

SPIEGEL: Griechenland hat sich auch russische Finanzhilfe in der Wirtschaftskrise erhofft. Und es ist beunruhigt über den wachsenden russischen Einfluss auf dem Berg Athos in Nordgriechenland. Der Berg mit seinen Klöstern ist ein Zentrum der Orthodoxie.

Stepaschin: Die Griechen haben auf Milliardengelder gehofft, die sie nicht zurückzahlen müssen. Aber wir sind nicht die Sowjetunion, die der kommunistischen Bewegung auf der ganzen Welt geholfen hat. Und dass Russlands Präsenz auf Athos die griechische orthodoxe Kirche bedrohe, halte ich für völlig unbegründet. Im Übrigen sollte das Thema Athos Griechenland gar nicht berühren. Athos ist eine eigenständige Mönchsrepublik – so etwas wie der Vatikan-Staat in Rom…

SPIEGEL. …wobei Athos, anders als der Vatikan, kein souveräner Staat ist. Aber bei allem Streit: Russland genießt in der orthodoxen Welt und in Griechenland hohes Ansehen. Kann man sagen, Ihr Verein verkörpert so etwas wie Russlands „Soft Power“ im Ausland?

Stepaschin: In gewissem Maße ja – was etwa den Schutz von Christen im Nahen Osten angeht und humanitäre Fragen. Wir haben zum Beispiel eine sehr starke Vertretung in Israel und eine sehr starke Vertretung in den Palästinensergebieten. Ich habe hervorragende Beziehungen zu Palästinenser-Chef Mahmoud Abbas, und zugleich sehr gute Beziehungen zur israelischen Führung. Wenn Fragen auftauchen, kann unser Verein als Kommunikationskanal dienen. Und die Israelis sehen in unseren Aktivitäten keine Gefahr für ihre Souveränität.

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