Russlands WM-Märchen eskaliert zum Wunder

Von wegen Turnier-Lachnummer: 120 Minuten russischer Fußballkampf, ein Witz von Strafstoß, spanisches Nervenflattern und dazu eine gigantische Atmosphäre – fertig ist das WM-Wunder für Gastgeber Russland.

Wunder, das ist auch im Fußball ein großes Wort. Aber genau so, als „Wunder“, hatte der russische Stürmer Artem Dzyuba einen möglichen Erfolg über den Favoriten Spanien vor dem Achtelfinale seiner „Sbornaja“ nunmal bezeichnet. Und wer sah und hörte, wie die Emotionen aus Dzyuba und seinen Teamkollegen und der übergroßen Mehrheit der 78.011 Zuschauer im Moskauer Luschniki-Stadion nach 120 Minuten Fußballkampf und der vorentscheidenden Elfmeterparade von Igor Akinfejews linkem großen Torwart-Zeh ohrenbetäubend und unkontrolliert herausbrachen, der verstand: Wie ein Wunder fühlte sich dieser Einzug ins Viertelfinale seiner Heim-WM für Russland auch tatsächlich an.

Selbst der Fußball-Weltverband schien es ja nicht glauben zu können. „ich möchte den Trainer von Spanien willkommen heißen“, leitete ein Fifa-Mitarbeiter die Sieger-Pressekonferenz nach dem Elfmeterkrimi ein, da war die nächste Sensation dieser an Favoritenstürzen nicht armen WM erst eine Stunde jung. Dann stutzte er, so wie alle im Saal stutzten, und schob eilig nach: „Ähm, von Russland.“ Denn natürlich saß dort nicht Fernando Hierro, der spanische Noch-Trainer. Dort saßen Stanislaw Tschertschessow und sein Schnurrbart, und wer den Trainer der russischen Nationalmannschaft kennt, der weiß: Natürlich hatten nicht alle gestutzt.

Tschertschessow hatte das Fifa-Fauxpäschen völlig ungerührt hingenommen. Also so ähnlich, wie er auf dem Rasen zuvor die Eskalation der russischen Heim-Weltmeisterschaft vom Märchen zum „Wunder“ verlebt hatte. Als der seit 17 Uhr Ortszeit bedrohlich brodelnde Emotionsvulkan Luschniki-Stadion gegen 19.43 Uhr nach der zweiten Parade von Russlands Torwartheld Akinfejew gegen Spaniens Nervenbündel Iago Aspas schließlich ausgebrochen war, als die russischen Spieler auf ihren Bäuchen über den nassen Rasen rutschten, genau wie die tanzenden Fans schreiend vor Glück, als die tatsächlich geschlagenen Spanier fassungslos auf dem Spielfeld zusammensackten, da hatte sich Tschertschessow zunächst gar nicht gerührt. Dann erhob er beide Fäuste zum Jubel und drehte sich zum Publikum, lächelnd, das immerhin.

„Hebe ich mir meine Emotionen noch auf“

Minimal emotionaler und deutlich skurriler wurde er auf der Pressekonferenz nur, als er einem peruanischen Journalisten plötzlich ein unterschriebenes Trikot der „Sbornaja“ überreichte – weil der von Anfang an Russlands WM-Erfolg geglaubt habe. Zu seinen persönlichen Emotionen nach dem größten Erfolg der jüngeren russischen Fußballgeschichte befragt, sagte Tschertschessow nur: „Meine Gefühle sind ganz einfach zu beschreiben: Jetzt ist das Spiel vorbei und ich denke nur über das nächste Match nach. Das sind sehr einfache, nicht sehr ausgeklügelte Gefühle.“ Etwas später fügte er, auf seinen äußerst sparsamen Jubel angesprochen, an: „Ich glaube, das ist erst der Anfang. Deshalb hebe ich mir meine Emotionen noch auf.“

Quelle: ntv

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