Interview des russischen Botschafters in Deutschland Sergej J. Netschajew für die Neue Osnabrücker Zeitung, 9. Mai 2018

Herr Netschajew, international liegen alle nötigen Genehmigungen für das Pipeline-Projekt Nord Stream 2 durch die Ostsee vor, trotzdem beschleicht einen das Gefühl, dass der Bau nicht unter Dach und Fach ist. Warum?

 

In den letzten Monaten verfolgen wir eine aktive Diskussion über den Bau der Gasleitung Nord Stream 2, die Befürworter und Gegner dieses Projekts in Europa und Deutschland führen. Dabei greifen dessen Kritiker oftmals zu unbegründeten und politisierten Argumenten. Aus unserer Sicht soll man sich von Fakten leiten lassen. Der Bau eines weiteren Strangs der Gaspipeline aus Russland nach Deutschland durch die Ostsee stärkt die Energiesicherheit Europas, führt zur Diversifizierung von Gaslieferwegen, minimiert Transitrisiken und erhöht die Gasversorgungssicherheit von Endabnehmern. Diese Gasleitung wird zum allgemeinen Wirtschafts- und Beschäftigungswachstum in Europa beitragen und Möglichkeiten der Gasnutzung bei der Modernisierung der Energiewirtschaft ausweiten.

Die Energiewende schreitet voran mit Erneuerbaren Energien einerseits und Einsparungen andererseits, etwa durch Wärmedämmung. Welcher Bedarf für Gas besteht überhaupt nach Ihren Erwartungen?

Anhand der Analyse der heutigen Lage auf dem Energiemarkt Europas kann man mit Zuversicht einen steigenden Bedarf der europäischen Staaten an Erdgas prognostizieren. Das ist durch objektive Wirtschaftsfaktoren bedingt, zu denen Kohle- und Atomausstieg, wachsende Nutzung von Gas als Kraftstoff und rückläufige Eigenförderung auf „alten“ Lagerstätten zählen. Einigen Schätzungen zufolge wird der Kohlenwasserstoffverbrauch in Europa im Jahr 2030 bei 550 bis 600 Milliarden Kubikmetern liegen, wobei sich der Bedarf an Importen um 120 bis 150 Milliarden Kubikmeter vergrößert. Diese könnten durch Nord Stream 2 teilweise gedeckt werden.

Wie sieht es mit der Nachfrage konkret aus Russland aus?

Von einer stabilen Nachfrage nach den russischen Kohlenwasserstoffen in den EU-Ländern zeugen die Rekordliefermengen der letzten Jahre: 2016 haben sie im Vergleich zum Vorjahr um 12 Prozent zugelegt und lagen bei 179,3 Milliarden Kubikmetern, und im Jahr 2017 bei 194,4 Milliarden Kubikmetern. Dabei bleibt Deutschland nach wie vor der größte Absatzmarkt.

Eine Alternative ist Flüssiggas, LNG…

Das russische Pipelinegas ist günstiger und wettbewerbsfähiger als LNG. Damit wird auch die Tatsache erklärt, dass auf Russland ein beachtlicher Anteil an den Gasimporten nach Europa entfällt – etwa ein Drittel.

Verstehen Sie, dass Kritiker eine drohende Abhängigkeit von Russland sehen?

Die Zusammenarbeit ist mit Lieferungen von Kohlenwasserstoffen aus Norwegen vergleichbar – dabei hat keiner in Europa Bedenken wegen der Abhängigkeit vom norwegischen Gas. Im Laufe der jahrzehntelangen Zusammenarbeit mit Europa im Gasbereich hat sich Russland als zuverlässiger Erdgasexporteur bewährt und seine Energieressourcen nie als politisches Instrument eingesetzt.

Die Ukraine sieht sich politische unter Druck gesetzt…

Die Aussagen der Gegner des Projekts, Nord Stream 2 werde gebaut, um politischen Druck auf die Regierung in Kiew zu erhöhen, sind haltlos. Die Geschäftsleitung von Gazprom hat mehrmals erklärt, dass die neue Pipeline die Möglichkeit nicht ausschließe, bestimmte Gasmengen durch die Ukraine zu liefern. Der Grund für Nord Stream 2 liegt in vorteilhaften Bedingungen. Dabei muss man beachten, dass das Gasleitungsnetz der Ukraine marode und verschlissen ist. Damit es modernen Effizienz- und Sicherheitsanforderungen entspricht, werden Investitionen benötigt, die die Baukosten von Nord Stream 2 übertreffen. Das Gasförderzentrum in Russland verschiebt sich außerdem nach Norden. Daher ist die Route von Nord Stream 2 beinahe um 2000 Kilometer kürzer als die durch die Ukraine. Die Kosten von Gaslieferungen nach Deutschland über Nord Stream 2 werden wesentlich geringer sein als die durch die Ukraine.

Gegner führen auch etwaige Umweltnachteile als Argument gegen die Pipeline an.

Die Aussagen, Nord Stream 2 bedrohe die Umwelt, sind aus der Luft gegriffen. Erstens wird Nord Stream 2 durch die gleiche Route verlegt wie Nord Stream 1. Erforderliche Untersuchungen des Meeresbodens wurden bereits durchgeführt. Internationale Normen, unter anderem die Regelungen des Espoo-Übereinkommens, werden strikt eingehalten. Zweitens werden die CO2-Emissionen beim Betrieb von Nord Stream 2 durch geringeren Energieaufwand für den Transport 5,6-mal niedriger sein als beim Transit durch die Ukraine. Die innerhalb von 25 Jahren akkumulierte Differenz wird bei 223 Millionen Tonnen Kohlendioxid liegen, was mit den jährlichen Emissionsmengen in skandinavischen Ländern vergleichbar ist. Das russische Erdgas als umweltfreundlicher Brennstoff fördert zweifelsohne die Erfüllung des Pariser Klimaabkommens durch die EU-Staaten. Gas als Kraftstoff im Transportbereich und als Übergangsbrennstoff beim Kohle- und Atomausstieg ist ein optimaler Weg zur CO2-armen Wirtschaft. Dieses Ziel ausschließlich mit erneuerbaren Energien zu erreichen, ist zurzeit problematisch.

Dann stünde Nord Stream 2 ja nichts im Wege – wieso freuen sich nicht alle und unterstützen den Bau?

Einzelne EU-Länder scheinen heute bereit zu sein, unter dem Druck aus Washington auf das kostspieligere amerikanische LNG als eine Alternative zum russischen Erdgas umzusteigen. Wirtschaftliche Ambitionen der USA sowie deren Streben nach Hegemonie auf dem europäischen Energiemarkt sind nicht unerwartet. Dennoch sind wir der Auffassung, dass unsere europäischen Partner diese Versuche nicht tolerieren sollten. Denn politische Mittel werden hier zum Zweck eines unfairen Wettbewerbs eingesetzt, umso mehr zum Nachteil der Europäer.

Auch die EU-Kommission hat sich gegen die Pipeline ausgesprochen?

Die Herangehensweise der EU-Kommission entzieht sich jeder Logik. Die EU setzt sich zum Ziel, den Energiemarkt zu liberalisieren und einen fairen Wettbewerb zu entwickeln. In Wirklichkeit aber wird die Einmischung von EU-Behörden in die Gaswirtschaft verstärkt. Eine Bestätigung des unfairen Spiels sind die Bestrebungen der EU-Kommission, die Wirkung des Dritten Energiepakets der EU auf Nord Stream 2 auszudehnen. Das würde eine Diskriminierung dieser Pipeline gegenüber bereits bestehenden Seegasleitungen bedeuten und einen Präzedenzfall der exterritorialen Anwendung des EU-Rechtes in Seegebieten und ausschließlichen Wirtschaftszonen der EU-Mitgliedstaaten schaffen, was den Regelungen des Seerechtsübereinkommens der Vereinten Nationen widerspricht. Wir möchten unsere Partner zu Pragmatismus und Vernunft ermahnen. Wir sind fest davon überzeugt, dass man sich in Fragen der Energiezusammenarbeit von rein wirtschaftlichen Erwägungen leiten soll. Nord Stream 2 spaltet Europa nicht. Im Gegenteil: Diese Gaspipeline festigt gegenseitig vorteilhafte Beziehungen zwischen Russland und der EU im Energiebereich, gewährleistet die Energiesicherheit Europas, macht uns gemeinsam stärker und näher.

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