Interview des russischen Botschafters in Deutschland Sergej J. Netschajew für die Schweriner Volkszeitung, 19. April 2018

In der DDR wurden internationale Freundschaften gepflegt, ist sich der russische Botschafter Sergej J. Netschajew sicher. Vor seinem Besuch in MV äußert er sich im exklusiven SVZ-Interview.

Großer Bahnhof am Sonnabend in Mecklenburg-Vorpommerns Landeshauptstadt Schwerin: Als eines der ersten Bundesländer besucht der seit März offiziell in Deutschland akkreditierte Botschafter der Russischen Föderation, seine Exzellenz Sergej J. Netschajew, Mecklenburg-Vorpommern. Zum Nordosten hat Netschajew ein besonders herzliches Verhältnis, verriet er im Gespräch mit Michael Seidel:

Herr Botschafter, woher rührt Ihre gute Regionalkenntnis?
Netschajew:
 Als Student an der Moskauer Lomonossow-Universität war ich über ein Austauschprogramm an der  Humboldt-Universität Berlin. Das war 1973. Damals haben wir einen großen Teil der DDR besucht.  Als ich dann 1977 in den diplomatischen Dienst kam, war der Norden ebenso oft Reiseziel:   Mit den Häfen gab es intensive Beziehungen, die Werfen bauten Schiffe für die Sowjetunion, Greifswald war bekannt durch die Kraftwerke. Ob Rostock, Schwerin oder die Insel Rügen – das ist mir alles sehr gut bekannt. Rügen war ja schließlich ein berühmter Erholungsort! Wissen Sie, in unseren alten russischen Gedichten wurde diese Insel als Bujan genannt und nach der Legende haben früher die Slawen auch in der Gegend gelebt. Außerdem verbindet uns natürlich die Ostsee und  die historischen  Hansestädte.

Herr Netschajew, auch wenn Sie bereits seit Ende Januar in Deutschland sind, fiel Ihr offizieller Amtsantritt  zusammen mit der Skripal-Affäre – eine schwierige Situation für einen Diplomaten. Wie sehr hat Ihnen das den Beginn in Deutschland erschwert?

Ich muss sagen, ich fühle mich wohl hier in Deutschland. Ich  weiß nicht, wie schnell diese Unebenheiten oder sollen wir sagen außenpolitischen Turbulenzen    ausgeräumt werden können. Wir haben mit dieser Affäre nichts zu tun. Aber strategisch werden die russisch-deutschen Beziehungen aus meiner Sicht viel wichtiger und wir müssen in die Zukunft blicken.

Wie soll es denn weitergehen?

Unsere gemeinsame Geschichte lehrt uns, dass wir  alles, was wir insbesondere nach dem Zweiten Weltkrieg erreicht haben, unbedingt bewahren  und ausbauen müssen. Wir sind strategische Partner in Europa und von unseren bilateralen Beziehungen hängt sehr, sehr viel ab für das allgemeine Klima und die Stabilität. Wir sind die größten Länder in Europa, die größten Völker. Wir kennen einander vielleicht besser als die anderen, unsere Beziehungen gehen in den Anfang des ersten Jahrtausends zurück. Ich freue mich sehr darüber, dass die Deutschen unsere Kultur, unsere Religion und Traditionen verstehen. Wir haben hier sehr viele Sympathisanten in Deutschland.

Mancher Sympathisant war zu DDR-Zeiten der größte Russland-Hasser. Sind Sympathisanten gerade am nationalistischen Rand nicht so etwas wie die fünfte Kolonne des Kreml?

Der Begriff „die fünfte Kolonne“ gehört nicht zu unserem Lexikon. Wir waren nie bestrebt, so was im Ausland zu organisieren. Natürlich freuen wir uns, wenn die Deutschen Russland unterstützen. Ein Dialogangebot nehmen wir gerne an, und führen diesen Dialog mit allen legitimen und etablierten politischen Kräften, nicht nur in Deutschland.

Was die DDR angeht, da bin ich zuversichtlich, wir hatten viel mehr Freunde als Hasser. Die Menschen in der UdSSR standen der DDR sehr warm und freundschaftlich gegenüber, was auch eine positive Rolle in den Beziehungen zwischen dem neuen Russland und dem wiedervereinigten Deutschland gespielt hat. Wir sind nicht gewöhnt, alte Freunde loszulassen.

Trotz der Verhärtung der Fronten um den Fall Skripal: Sehen Sie inzwischen neue Signale in der neuen Bundesregierung?

Ich höre in erster Linie die wichtigste These, die  die geschätzte Frau Bundeskanzlerin ebenso zum Ausdruck bringt wie  der Außenminister: dass der Dialog zwischen Russland und Deutschland eine sehr wichtige Rolle spielt in den bilateralen Beziehungen, aber auch auf der internationalen Bühne. Ohne Russland kann keine außenpolitische Frage gelöst werden. Das ist entscheidend. Unsere wirtschaftliche Zusammenarbeit hat einen guten Trend, wir nähern uns etwa 60 Milliarden Euro. Das entspricht zwar noch nicht dem Rekordjahr 2012, aber wir sind auf  gutem Weg. Ich bin absolut sicher, dass unsere Beziehungen eine gute Zukunft haben.

Die Fußball-WM in Russland steht vor der Tür.  Organisationschef Alexej Sorokin und DFB-Präsident Reinhard Grindel präsentierten vorige Woche in Ihrer Botschaft  das Programm. Darunter auch die Fan-ID-Karte, mit der Fußballfans visafrei einreisen und kostenlos zwischen den Spielstätten reisen können. Was passiert eigentlich mit der Vielzahl personenbezogener Daten auf dieser Fan-ID-Karte, wenn die WM vorbei ist?

Wir haben ein sehr strenges Personenstandsgesetz und wir verstehen sehr wohl, dass die persönlichen Daten  sehr vertraulich sind. Aber wir haben uns zum Ziel gesetzt, die Sicherheit der Leute während der WM zu garantieren. Wir wollen keine Hooligans, Kriminellen und andere zweifelhafte Leute dabeihaben. Sie können sicher sein, dass wir alles tun, damit unsere Gäste sich sicher fühlen. Nach der WM werden die Daten gelöscht.

Im Oktober wird Mecklenburg-Vorpommern erneut einen „Russland-Tag“ für die Wirtschaft beider Länder in Rostock ausrichten. Dieses Engagement ist wegen der EU-Sanktionen von Anfang an  umstritten. Wie sehen Sie eine so regionale  Aktivität?

Bei allem politischen Streit bleibt es doch wichtig, den Gesprächsfaden nicht abreißen zu lassen. Insofern leistet Mecklenburg-Vorpommern mit dieser Veranstaltung einen wertvollen Beitrag zur Entspannung. Ihr Land schafft damit gute Voraussetzungen für die Zeit nach den Sanktionen, die ohne Zweifel kommen wird.

Was müssten Deutschland oder die EU tun, um mit Russland an den Verhandlungstisch zurückzukehren?
Wir pflegen traditionell eine enge Zusammenarbeit mit der EU und vor allem mit Deutschland als deren führendem Land. Diese Beziehungen wurden immer von einer inhaltsvollen Agenda, sowie von zahlreichen Dialogformaten und Kooperationsmechanismen geprägt, die aber aus Ihnen bekannten Gründen von Brüssel auf Eis gelegt wurden. Diesen Schritt halten wir für unklug und unbegründet. Immerhin werden selbst unter heutigen Umständen viele Projekte umgesetzt, die den Interessen aller beteiligten Seiten dienen, unter anderem der EU-Mitgliedsstaaten. Daher werden sie von deren Bevölkerung positiv betrachtet.

Vor allem geht es um das Projekt „Nord Stream 2“, worüber jetzt viel spekuliert wird, das aber auch das Bundesland Mecklenburg-Vorpommern direkt betrifft. Dazu zählt auch die Schaffung von gemeinsamen Kooperationsbereichen mit der EU. Wir hoffen, dass die vom Präsidenten Putin geäußerte Idee eines gemeinsamen Wirtschaftsraums zwischen Lissabon und Wladiwostok eines Tages umgesetzt wird. Dazu sind wir bereit. Unsererseits bestehen keine Hindernisse. Die Frage an Brüssel wäre, ob die EU es schafft, sich konsolidiert für die Wiederbelebung eines inklusiven Dialogs mit Russland einzusetzen, ohne eine auffallende Russophobie in einigen Mitgliedstaaten in Betracht zu ziehen.

Zweitens. Medienberichterstattung zum Thema Russland in der EU. Wir möchten keinesfalls die Unabhängigkeit des europäischen Journalismus bezweifeln. Immerhin ist der Ton der meisten Mainstream-Medien weit von der Objektivität entfernt und kann nicht anders als feindselig und voreingenommen bezeichnet werden. So was erlauben sich die russischen Medien gar nicht.

Allerdings bin ich der Auffassung, dass  sich ein Gespräch auf Augenhöhe lohnt, vor allem in den deutsch-russischen Beziehungen, deren strategische Bedeutung einen eigenen Wert hat.

Quelle: Schweriner Volkszeitung

 

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