Botschafter Sergej J.Netschajew hat ein Interview für LVZ Leipziger Volkszeitung gegeben. Es handelt sich um den Fall der Skripals und die Lage in Syrien.

Am 4. März wurden der ehemalige Doppelagent Sergej Skripal und seine Tochter Julia im südenglischen Salisbury bewusstlos aufgefunden. Von wem und unter welchen Umständen sie vergiftet wurden, ist unklar. Die britische Regierung behauptet, dass Skripal mit dem in Russland entwickelten Nervengift Nowitschok umgebracht werden sollte und dass das auf Anweisung Moskaus geschah. Der Fall löste eine internationale diplomatische Krise aus. Russland weist die Vorwürfe vehement zurück und fordert eine unabhängige Untersuchung. Die LVZ sprach dazu mit dem russischen Botschafter in Berlin, Sergej Netschajew.

Herr Netschajew, was sagen Sie zu den Vorwürfen der Briten?

Unsere Position ist klar: Wir haben mit diesem tragischen Vorfall absolut nichts zu tun. Wir haben kein Motiv. Der Mann wurde bei uns amnestiert, konnte frei nach England ausreisen, hat seinen russischen Pass behalten, kann jederzeit von seiner Tochter besucht werden etc. Skripal ist für unseren Geheimdienst nicht mehr interessant, er besitzt keine sensiblen Informationen mehr. Wir haben zwei Monate vor Beginn der Fußball-WM keinerlei Interesse an einer Zuspitzung der internationalen Situation.

Die britischen Ermittler sagen aber, dass das Gift aus russischer Produktion stammt.

Im Jahr 1992 wurden unter Präsident Jelzin in Russland alle Tests und die Produktion neuer chemischer Waffen verboten. Mitte der 1990er Jahre sind russische Wissenschaftler ausgereist und haben im Westen einige Formeln für eine Gruppe von Nervengiften veröffentlicht, die unter westlichem Copyright – nicht bei uns – als Nowitschok bezeichnet wurden. 1997 hat Russland die Internationale Konvention zum Verbot chemischer Waffen unterzeichnet. Wir haben damals sofort begonnen, alle Chemiewaffen zu vernichten, und wir haben im Herbst 2017 offiziell verkündet, dass dieser Prozess abgeschlossen ist. Dabei haben uns übrigens, unter anderen auch unsere deutschen Partner finanziell geholfen.

Die Briten werfen Russland vor, dass Sie den Fall Skripal verschleiern.

Wir sind vielleicht mehr daran interessiert diesen Fall zu klären, als die Briten selbst, denn uns wurde eine schreckliche Schuld zugeschoben.Wir haben einen fairen Mechanismus zur Ermittlung vorgeschlagen unter Führung der Organisation für das Verbot chemischer Waffen (OPCW) – aber unter unserer Beteiligung. Wir möchten die Proben von dem Gift sehen, wir möchten die Umstände der Ermittlungen sehen, wir möchten dabei sein. Das entspricht voll und ganz Artikel 98 der Konvention der OPCW. Aber man lässt uns nicht.

Haben Sie eine Erklärung, warum die Briten so agieren?

Die Briten haben Probleme mit dem Brexit, sie sind plötzlich am Rande der politischen Bühne Europas. Aber wissen Sie, wir schieben die Schuld für den Fall Skripal auch nicht den Briten zu. Wir sind nicht so, wir spielen nicht „Blinde Kuh“. Wir registrieren merkwürdige Dinge: Es hieß, Nowitschok sei ein hochgiftiger Kampfstoff, der sofort tötet. Aber Julia Skripal ist gesund aus dem Krankenhaus entlassen worden, Herrn Skripal soll es besser gehen, der beteiligte Polizist gibt inzwischen Interviews… Das einzige Todesopfer ist bis jetzt die Katze, die eingeschläfert worden ist. Sorry, das klingt zynisch, entspricht aber der Wahrheit. Das Haus von Skripal wird planiert, alles im Radius von einigen Kilometern wird saniert, und so werden am Ende alle Spuren beseitigt.

Die russische Seite behauptet, dass im Zuge der Untersuchungen der Proben aus Salisbury in einem Labor in Spiez in der Schweiz auch das im Westen produzierte Nervengift BZ entdeckt worden ist.

Ja, das ist ein unabhängiges Labor, und diesen Kampfstoff BZ hat es in Russland nie gegeben.Das Gift BZ erzeugt genau den Effekt, der im Fall Skripal sichtbar wurde. Die Opfer sind einige Tage lang krank, wie gelähmt, kommen dann aber wieder zu sich und werden wieder gesund. Aber uns will niemand hören. Wir haben den Eindruck, die Sache mit den Sanktionen greift nicht mehr, jetzt braucht man einen neuen Anlauf, um Russland irgendwie in Misskredit zu bringen.

Wie geht es weiter in Syrien?

Wir haben das Bombardement von drei Mächten scharf verurteilt als Verstoß gegen das Völkerrecht und als Aggression. Es gab keine Sanktion des UN-Sicherheitsrates dafür, es war ein einseitiger Akt. Wir sind sehr enttäuscht. Das bringt den ganzen politischen Prozess ins Stocken. Das ist auch ein Signal an andere Länder, die an der Schwelle stehen, Atommächte zu werden. Die werden bald fragen: Warum sollen wir auf Atomwaffen verzichten, wenn das Völkerrecht so ausgehebelt wird.

Denken Sie, dass sich Assad halten wird?

Wir haben klar gesagt, dass wir einen gewaltsamen Sturz von Assad nicht zulassen werden.

Das heißt, so etwas wie es mit Saddam Husseins oder Muammar al Gaddafi geschehen ist, wird es nicht noch einmal geben.

Wenn ich diese Bilder von der Gefangennahme und vom Tod Gaddafis sehe, die es im Internet gibt – das ist Demokratie in Aktion auf britische Art, das ist katastrophal. Auf solche Weise kann man die Demokratie nicht auf ein fremdes Territorium übertragen. Und in all diesen Ländern – Libyen, Irak, Syrien – ist danach Chaos entstanden. Die Helfer der Revolution ziehen weg und die Europäer „ernten“ die „Früchte“: Migrationsprobleme, der Islamische Staat, internationaler Terrorismus – all diese Dinge, mit den wir uns jetzt konfrontiert sehen.

Quelle: Leipziger Volkszeitung

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