Brücken bauen statt Gräben aufreißen. Deutscher Fußball-Bund setzt vor der WM in Russland auf Deeskalation

Das Russische Haus und die Botschaft der Russischen Föderation in Berlin-Mitte sind nur einen kurzen Fußweg voneinander entfernt. Beide Einrichtungen hat Reinhard Grindel binnen zwei Wochen besucht. Der Präsident des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) sollte nicht fehlen, wenn der Ausrichter der WM 2018 ein WM-Fanzentrum präsentiert oder über den Stand der Vorbereitungen informiert. Leider werden solche Termine derzeit von der politischen Großwetterlage überwölbt. Grindel hat am Dienstagabend wieder klargestellt, dass es nicht seine Aufgabe sei, „mit erhobenem Zeigefinger durch die russische Botschaft zu laufen.“

WM-Organisationschef Alexej Sorokin hat nun erneut „ein Fest des Friedens, der Freundschaft und der Annäherung“ versprochen. Der Taktiker Grindel hat sich für ein ähnliches Wording entschieden: „Wir wollen Brücken zwischen den Menschen bauen. Begegnungen zwischen Menschen können die Welt verändern.“ Manch einer mag solch eine Haltung als zu unkritisch geißeln, aber mehr Deeskalation statt Konfrontation kann sicher nicht schaden. Fifa-Präsident Gianni Infantino tut ohnehin so, als könnten Politik und Sport so sauber getrennt werden wie zwei Fußballmannschaften, die sich vor dem Anstoß in ihrer Hälfte aufstellen. „Wichtig ist es, sich ausschließlich auf den Sport zu konzentrieren.“

Seine Direktive („Fußball vereint“) befolgt der im Fifa-Council sitzende Grindel insofern, als am 8. Mai, dem 75. Jahrestag der Schlacht von Stalingrad, die deutsche gegen die russische U18-Nationalmannschaft antritt. In der WM-Ausrichterstadt Wolgograd, deren Gouverneur Andrej Botscharow freilich bis vergangenen Sommer von einem Auftritt des deutschen A-Teams geträumt hatte. Ging nicht aus terminlichen Gründen. Für Grindel hat auch das Nachwuchsspiel einen „außerordentlich hohen symbolischen Wert“.

Wie deutsch-russische Verständigung funktioniert, hat kürzlich Ekaterina Fedyschina vorgemacht: Grindel staunte jedenfalls vor zwei Wochen nicht schlecht, als die stellvertretende Generaldirektorin des russischen Fußballverbands für internationalen Angelegenheiten in beinahe akzentfreiem Deutsch über den „Dialog mit deutschen Freunden“ parlierte. „Es ist das erste Mal, dass wir das Recht haben, auf sowjetisch oder russischem Boden so etwas auszurichten: Das bedeutet eine große Verantwortung und besondere Freunde.“

Ein Viertel ihres Lebens hat die 48-Jährige in Deutschland verbracht, weil sie an der Johannes-Gutenberg-Universität in Mainz Englisch und Deutsch studierte. Das Multitalent hat als Projektkoordinatorin unter anderem das in Moskau ausgetragene Champions-League-Finale 2008 verantwortet, als Manchester United und FC Chelsea im Luschniki-Stadion ein episches Elfmeterdrama inszenierten, bei dem übrigens der von ihr verehrte Michael Ballack im Anstoßkreis enttäuscht zusammensackte. Ein Symbolbild für die deutsch-russischen Beziehungen soll das bestimmt nicht sein. Die Mutter einer Tochter empfiehlt fast 57 000 deutschen Ticketinhabern, „Russland mit seiner eigenen Kultur kennenzulernen und den Aufenthalt zu genießen.“ Ungeachtet der politischen Großwetterlage.

Quelle: Frankfurter Rundschau

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