Rede des Außenministers Russlands, Sergej Lawrow, vor den Finalisten des Wettbewerbs „Leader Russlands“ zum Thema „Moderne Welt und diplomatische Führung Russlands“ am 7. Februar 2018 in Sotschi

Sehr geehrte Freunde, Kollegen,

vor allem möchte ich mich bei den Organisatoren des neuen Projekts, des Allrussischen Wettbewerbs „Leader Russlands“, für die Einladung bedanken. Das ist , ehrlich gesagt, eine große Ehre für mich, denn ich betrachte dieses Projekt als lebenswichtig für unseren Staat – und das ist keine Übertreibung.

Heutzutage, wenn sich Russland mit sehr umfassenden Aufgaben auf ganz verschiedenen Gebieten beschäftigt, haben neue, frische Ideen und innovative Projekte im Verwaltungsbereich natürlich eine besondere Bedeutung. Ich bin sicher, dass darüber schon viel gesprochen wurde, als meine Kollegen hier auftraten.

Nachdem ich gesehen habe, wie die Diskussion hier verläuft, welche Fragen dabei gestellt werden, bin ich überzeugt, dass diese Arbeit für Sie durchaus machbar ist. Soweit ich verstehe, sind hier die Menschen anwesend, die im Laufe des Wettbewerbs schwere Aufgaben erfüllt haben. Das zeugt von einem hohen Niveau Ihrer professionellen Bereitschaft.

Ich werde natürlich über den diplomatischen Beruf sprechen. Meines Erachtens ist das einer der interessantesten Berufe, der einem gestattet, seine Führungseigenschaften schon auf dem jüngsten und mittleren Niveau zu zeigen. Denn heutzutage werden Verhandlungen in etlichen Bereichen geführt, und daran beteiligen sich auf diese oder jene Weise Mitarbeiter des Außenministeriums Russlands – angefangen auf den ersten Stufen. Die Verhandlungen geben die Möglichkeit, sich sicher zu fühlen, Erfahrungen zu sammeln und zu lernen, wie man sehr schwere Probleme in den Griff bekommen kann.

Glauben Sie mir: Selbst neueste Informationstechnologien – egal wie modern und fortgeschritten sie sein sollten – können nicht die Kommunikation zwischen Menschen ersetzen, wenn Diplomaten bei Verhandlungen Aufgaben lösen, die mit der Festigung der Sicherheit ihres Landes, mit seinen Interessen auf allen möglichen Gebieten, mit der Festigung der internationalen Sicherheit, mit der Suche nach ausbalancierten Lösungen in ganz verschiedenen Aspekten der globalen Tagesordnung  verbunden sind.

Es mag zwar unbescheiden klingen, aber die russische Diplomatie ist in der ganzen Welt sehr angesehen und gehört zu den besten in der ganzen internationalen Arena. Aber das alles ist möglich, nur weil wir uns auf die jahrhundertelangen Traditionen und Erfahrungen unserer Vorgänger stützen.

Wenn wir uns einmal fragen, wie man in der Diplomatie erfolgreich wird, wie man in richtiger Profi wird, so gibt es da einen ziemlich einfachen – auch wenn nicht total ausführlichen – Rat: Man muss ständig lernen, sich selbst verbessern, sich nicht mit den aktuellen Erfolgen begnügen und mit der Zeit mitgehen. Wie ich schon sagte, bekommt das internationale Leben heutzutage immer neue Dimensionen. Deshalb muss man als Diplomat sehr belesen sein und sehr gute Kenntnisse auf ganz verschiedenen Gebieten haben, und manchmal sogar auf Gebieten, die über den Begriff der „klassischen Diplomatie“ hinausgehen.

Als die „klassische Diplomatie“ vor vielen Jahrhunderten entstand, beschäftigte sie sich vor allem mit den Fragen des Kriegs und Friedens: Kriege wurden begonnen und beendet; es musste vereinbart werden, was man mit den eroberten Gebieten zu tun hätte und wie diese aufgeteilt werden sollten. Auch heutzutage beschäftigt sich die Diplomatie natürlich mit den Kriegs- und Friedensproblemen, aber nicht im Kontext von Fragen wie „wer wen erobert“ und „wer mit wem dann verhandeln wird“, sondern im Kontext der Förderung der militärpolitischen Stabilität (wir nennen das auch „strategische Stabilität“).  Neben diesen Fragen entstehen heutzutage immer neue Themen, die inzwischen immer auf der Tagesordnung von internationalen Verhandlungen stehen – auf Gebieten wie Wirtschaft, Umweltschutz, Kultur, High-Tech (ob nukleare oder Informationstechnologien), Entsorgung von Chemiewaffen in Übereinstimmung mit dem entsprechenden Übereinkommen. Schon seit vielen Jahren beschäftigt sich die Internationale Fernmeldeunion mit dem Thema Internet-Verwaltung. Die Kenntnisse, die heutzutage für die erfolgreiche Verteidigung der Interessen Russlands nötig sind, sind sehr umfassend.

Genauso wichtig ist es für jeden Diplomaten (auch wenn eher im persönlichen Kontext), stressresistent zu sein. Man muss auf sehr intensive Arbeit gefasst sein, auf Überstunden, auf physische und psychologische Belastungen, auf viele Dienstreisen, insbesondere in solche Länder, wo das Klima oder auch die militärpolitische Situation nicht gerade günstig  sind. Das sieht vor, dass man in eine andere kulturelle Umgebung „eintauchen“ muss, viel Zeit weit weg vom Zuhause verbringen muss. Manchmal werden in den Ländern, wo Diplomaten arbeiten, Kriege oder innere Konflikte geführt, und dann muss man weit weg von der eigenen Familie bleiben. Beispielsweise hatten unsere Kollegen, die jetzt im Irak arbeiten, bis zuletzt im Jemen gearbeitet – und dort blieben sie ohne ihre Familien. Die Arbeit im Ausland sieht vor, dass man von seinem gewöhnlichen Umkreis getrennt bleibt. Und generell bleibt man als Diplomat rund um die Uhr auf seinem Posten: Denn jederzeit kann irgendwo in der Welt etwas passieren, was eine schnelle und angebrachte Reaktion verlangt, und zwar auf Basis einer ausführlichen und sehr schnellen Analyse – quasi einer Express-Analyse.

Das Wichtigste an unserer Arbeit ist natürlich das Gefühl des Patriotismus, denn man kann als Diplomat die außenpolitischen Interessen seines Landes nur dann verteidigen, wenn man seine enge Verbindung mit dem Schicksal seines Vaterlandes spürt und sich als einen nicht wegzudenkenden Teil seiner Heimat betrachtet.

Hohe Anforderungen an den Beruf des Diplomaten sind heute auch damit verbunden, dass die Situation in der Welt, wie sie sehr gut wissen, nicht einfacher wird. Es läuft der Prozess der Bildung einer polyzentrischen internationalen Architektur, wenn neue Zentren des Wirtschaftswachstums, der Finanzstärke sowie die mit diesen Erfolgen im Finanz- und Wirtschaftsbereich verbundenen Zentren des politischen Einflusses entstehen. Dieser Prozess ist objektiv und widerspiegelt die kulturell-zivilisatorische Vielfalt der modernen Welt, ein natürliches Recht der Völker, selbst über das eigene Schicksal zu entscheiden. Dieser Prozess stößt leider auf einen beharrlichen Widerstand seitens vieler unserer westlichen Partner, vor allem der USA, die sehr schmerzhaft das wahrnehmen, dass man nach vielen Jahrhunderten der Dominanz im globalen Leben sieht, dass alle Probleme nicht mehr alleine gelöst und der Wille diktiert werden können. Der Prozess des Aufbaus der polyzentrischen Welt wird zwar nicht schnell sein, vielleicht aber nach historischem Ausmaß relativ kurz – er läuft bereits seit mehreren Jahrzehnten und wird Realität. Der Widerstand, auf den er stößt, wird sich natürlich fortsetzen, mit der Nutzung von spezifischen illegitimen Methoden, wie der Einsatz des Faktors der Gewalt bei Umgehung der UN-Charta, Festigung der eigenen Sicherheit auf Kosten der Sicherheit anderer Länder. Das alles führt zur Erosion des Völkerrechts. Wir bemühen uns, diese Tendenzen einzudämmen und via einen Verhandlungsprozess die Rückkehr auf den festen Boden der Rechtshoheit zu erreichen.

Die heutigen Beziehungen Russlands und des Westens sind ein einzelnes Thema mit eigener Spezifik. Unter jetzigen Bedingungen handelt es sich im Kontext davon, worüber ich spreche, um den Wechsel der Epoche der Dominanz des „historischen Westens“, wie wir ihn nennen, und den Übergang in die multipolare Epoche. Bei vielen unseren Kollegen aus dem Übersee und in Europa lösen Erfolge Allergie aus, die unser Land an inneren und äußeren Fronten erreichte. Der Staatsstreich, der in der Ukraine im Februar 2014 organisiert wurde, wurde die Folge und ein neuer Schritt in der jahrelangen Politik der Abschreckung Russlands, er brachte die tiefen Auseinandersetzungen zwischen uns und der westlichen Gesellschaft ans Licht, was die Wege des Aufbaus der zwischenstaatlichen Kommunikation betrifft. Sie wissen anscheinend, dass nach dem Ende des Kalten Kriegs der Westen lautstark erklärte, dass eine neue Epoche begann, in der er als Gewinner im Kalten Krieg alle Vorteile haben soll. Die Führung unseres Landes war zu Beginn der Existenz des neuen Russlands, als die Sowjetunion nicht mehr existierte, in vielerlei Hinsicht voller Illusionen des Beginns einer neuen Ära des allgemeinen Wohlergehens und dass Russland nun alle liberalen Werte der westlichen Gesellschaft aufnehmen soll.

Wie sie wissen, arbeiteten in den wichtigsten Ministerien des Wirtschafts- und Finanzblocks ausländische Spezialisten, vor allem westliche. Der außenpolitische Kurs wurde auf der Notwendigkeit ausgebaut, sich in allen wichtigsten Aspekten des internationalen Lebens mit dem Westen zu vereinigen und an die östlichen und südlichen Nachbarn ganz zu vergessen. Als Russland 2000 mit dem Machtantritt des Präsidenten Wladimir Putin sich vom Kurs des strikten Folgens den westlichen Ratschlägen (bei allen Ausnahmen in den 90er-Jahren war der Hauptkurs auf die „Vereinigung“ mit dem Westen gerichtet) abwich, als Russland zu seinen indigenen Interessen, seinen Traditionen zurückkehrte, als es für einen gleichberechtigten Dialog auftrat und sich nicht mit der Situation begnügte, in der der Westen de facto meinte, dass sich Russland in seiner „Tasche“ befindet, damals begannen ja Probleme.

Sie erinnern sich an das Jahr 2007, die Münchner Rede des Präsidenten Russlands, Wladimir Putin, als er ohne jegliche Konfrontation einfach die Probleme skizzierte, die auf Grundlage eines gleichberechtigten Dialogs und nicht der Ultimaten, Diktat und Verletzung aller Verpflichtungen gelöst werden sollen, die bei der Lösung der Fragen über die Zukunft Deutschlands und danach, als die Sowjetunion nicht mehr existierte, gegeben wurden. Damals wurden auf der höchsten Ebene die Prinzipien der Unteilbarkeit der Sicherheit erklärt. Es wurde verkündet, dass niemand von Mitgliedern der OSZE seine Sicherheit zum Nachteil der Sicherheit der Anderen festigen wird, es wurde zugesichert, dass sich die Nato nicht um einen Zoll nach Osten erweitern wird. Letzte Dokumente, die nun vom nationalen US-Archiv veröffentlicht wurden, bestätigen, dass solche Zusicherungen gegeben wurden. Damals wurden sie nicht auf Papier gelegt, anscheinend konnte man das damals vorhersagen, obwohl es damals natürlich viel effektiver wäre, unsere westlichen Kollegen beim Wort zu nehmen, als ihnen einfach aufs Wort zu glauben. Bei uns wissen ist das Volk so – falls man etwas vereinbart hat, muss man das Vereinbarte erfüllen.

Man muss Schlussfolgerungen machen, die Lehren aus den Fehlern der Vergangenheit ziehen. Statt die ganze Palette der Verpflichtungen zu erfüllen – Unteilbarkeit der Sicherheit, ein gleiches Herangehen zur Sicherheit jedes Landes, trotz Versprechen wurde die Nato in den Osten erweitert, unmittelbar an unseren Grenzen die Militärinfrastruktur der Allianz aufgestellt. 2008 wurde beim Nato-Gipfel in Bukarest in einer Schlusserklärung festgelegt, dass die Ukraine und Georgien in der Nato sein werden. Wir warnten sie damals, dass das ein sehr schädlicher Weg ist, der Illusionen in den Gehirnen der Führung dieser Länder schaffen wird. Zumindest so war es in Georgien, als Michail Saakaschwili beschloss, dass ihm nun alles erlaubt ist, und er die Streitkräfte gegen Südossetien, gegen Friedenstruppen, die sich dort befanden, gegen friedliche Einwohner schickte. Was weiter war, wissen sie.

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