Rede des russischen Botschafters in Deutschland Wladimir Grinin im Laufe seines Abschiedsempfangs, 10. Januar 2018

Sehr geehrte Damen und Herren,

liebe Kollegen und Freunde,

ich bedanke mich bei Ihnen dafür, dass Sie heute Ihren Weg hierher gefunden haben, um „Auf Wiedersehen“ zu sagen, für Ihre Glückwünsche und für Ihre Herzenswärme. All das wird für immer in meiner Erinnerung bleiben. Dies stärkt auch die Gefühle und Hoffnungen, mit denen ich Ihr wunderschönes Land verlasse.

Ich möchte Ihnen versichern, dass diese Gefühle und Hoffnungen positiv sind, selbst vor dem Hintergrund der Eskapaden in unseren deutsch-russischen Beziehungen, die ich in diesen sieben Jahren meines Aufenthalts auf deutschem Boden beobachten musste. Aber, offen gestanden, unterschieden sich die Beziehungen dieser Periode in der Art und Weise, wie sie vorangebracht und ausgebaut wurden, gering von denen, die ich innerhalb meiner zwei vorausgegangenen Aufenthalte hier beobachtet hatte. Und an dieser Stelle kann ich nicht umhin, eine Aussage unseres ehemaligen Botschafters in der Bundesrepublik Deutschland J.A.Kwizinski zu zitieren, den ich für meinen Lehrer halte: „… das deutsch-russische Verhältnis hatte niemals einen stabil nachhaltigen Charakter. Es gab immer Höhen und Tiefen …“.

Im Laufe meines gesamten Aufenthalts in Deutschland bekam ich fast im vollen Maße zu spüren, dass seine anderen Schlussfolgerungen auch zutreffen. Ich zitiere: „… In unseren Beziehungen zu Deutschland waren immer ein großer guter Willen, Engagement, aber auch Nüchternheit, gepaart mit Vorsicht, und Verständnis dafür gefragt, systematisch manchmal vorkommende Verschiebungen und Verzerrungen beseitigen zu müssen“. Fast im vollen Maße bekam ich das zu spüren – weil es in den letzten Jahren jedoch gelungen ist, in unseren Beziehungen das in die Wege zu leiten, was sie aufrechterhalten kann, selbst trotz des dramatischen Wandels im politischen Klima, politischen Wetter, das häufig ins Unwetter umschlägt.

Ich meine das eben in den letzten Jahren gelegte Fundament unserer Beziehungen. Es ist besonders bemerkenswert, dass trotz der krankhaften Turbulenzen in der politischen Komponente unserer Beziehungen, die sich bereits Ende 2012 gezeigt und Anfang 2014 zu deren gewisser Lähmung geführt haben, dieses Fundament nicht nur erhalten geblieben ist, sondern auch weiter gefestigt und ausgebaut wird. Ich möchte besonders darauf aufmerksam machen, dass wir, Russen und Deutsche, in Kürze den Weg einer einzigartigen Partnerschaft zur Umsetzung herausragender Projekte im wissenschaftlich-technischen Bereich für das nächste Jahrzehnt beschreiten können. Eines dieser Projekte – der XFEL-Laser – ist bereits in Betrieb genommen. Das heißt, dass wir die Basis unserer Beziehungen zunehmend verstärken.

Ich bin immer begeistert und berührt davon, wie viele Russen die deutsche klassische Musik mögen. Dasselbe kann man hier beobachten in Bezug auf die russische Musik und russische Künstler.  Apropos: Morgen wird im Berliner Konzerthaus das Konzert für Klavier und Orchester Nr. 2 von Sergej Prokofjew neben Musikstücken von Rossini und Johann Strauß gespielt. Auf die Bühne werden der herausragende russische Pianist Denis Matsuev und der herausragende deutsche Dirigent Justus Frantz treten.

Geschweige denn Theaterzusammenarbeit, zahlreiche Kunstausstellungen und die Anziehungskraft der russischen und deutschen Dichtung.

Nicht nur breit gefächerte kulturelle, sondern auch interregionale Zusammenarbeit, Jugendaustausch und das konkrete praktische Zusammenwirken in diesen Bereichen sind faszinierend und der Unterstützung wert. Selbstverständlich möchte ich besonders die Wirtschaftskooperation hervorheben, die eigentlich die tatsächliche grundlegende Plattform der deutsch-russischen Beziehungen bildet. Die Zusammenarbeit des deutschen Unternehmertums mit Russland, deren Grundlagen vor vielen Jahrhunderten gelegt worden sind, und die Aktivitäten des Mittelstands riefen bei mir immer besondere Gefühle hervor. Ich würde sogar sagen – die Begeisterung. Dafür möchte ich der deutschen Wirtschaft besonders danken. Ich hoffe, dass all das auch in der Zukunft erhalten bleibt.

Wenn aber politische Stürme und Hurrikans sich nicht verstärken würden. Schön wäre es auch, die Russenfeindlichkeit loszuwerden. Das ist ja wie eine Krankheit, die z. B. durch den Glyphosat-Einsatz verursacht werden kann. Das schadet aber dem Körper, während die Russenfeindlichkeit dem Kopf und dem Bewusstsein schadet.

Ja, wir leben in schwierigen Zeiten. Turbulenzen und Unberechenbarkeit steigen in den internationalen Beziehungen und in der Welt insgesamt an. Vielleicht lohnt es sich, uns Russen und Deutschen, darüber gründlicher nachzudenken, uns umfassend mit unserer eigenen nicht einfachen Geschichte auseinanderzusetzen. Wie man ihre Fehler beseitigt, wissen wir eigentlich besser als andere. Genauso wie die Gründe dieser Fehler. Das Wichtigste ist dabei, die Entfremdung zwischen Russen und Deutschen zu vermeiden und uns darum weiter unermüdlich zu bemühen. Erreichen kann man das nur durch Fortschritte in den bilateralen Beziehungen und in der Zusammenarbeit, also, durch die Annäherung.

Gerade so, in so einem eingespielten Duo, sollten wir Russen und Deutsche vor der übrigen Welt erscheinen. Dies würde viele beruhigen und sogar jemandes Ansichten über die Entwicklung von Modalitäten der Koexistenz auf unserem Planeten positiv verändern.

Wir müssen gemeinsame Ansichten über die Weltordnung anstreben, indem wir darauf durch Stimulierung der Vernunft hinarbeiten. Darüber hinaus gilt es zu versuchen, dem Diktat und einer Neigung dazu, die leider immer noch zum Vorschein kommen, ein Ende zu setzen.

Dass die Deutschen und Russen zu einer derartigen Annäherung bereit sind, ergibt sich nicht nur aus den von mir angeführten Beispielen der Zusammenarbeit und sogar deren Erweiterung, sondern auch daraus, dass sie immer häufiger Seite an Seite sowohl in Deutschland, als auch in Russland wohnen. Heute weiß keiner genau, wie viele Deutsche in Russland derzeit wohnhaft sind oder wie groß die russischsprachige Diaspora in Deutschland ist. Aber es steht fest, dass es sich in beiden Fällen um Millionen Menschen handelt. Übrigens ist das auch ein eigenartiger Beitrag zu der von mir bereits erwähnten Plattform unserer Beziehungen.

Einigen von Ihnen könnte in den Sinn kommen, dass meine Worte auf eine gewisse Weise den Charakter und das Wesen der Beziehungen zwischen Deutschland und den USA widerspiegeln oder auf diese anspielen. Das werde ich nicht bestreiten, obwohl ich viele Unterschiede sehe, denen konkrete Ursachen zugrunde liegen. In diesem Zusammenhang kann ich nicht umhin, mich an eine Aussage eines herausragenden deutschen Politikers zu erinnern, der diese mehrmals öffentlich und in unseren persönlichen Gesprächen wiederholt hat und die ich in letzter Zeit auch des Öfteren wiederhole: „Für Deutschland ist Amerika unverzichtbar, aber Russland ist unverrückbar“. Grundsätzlich müssen wir uns bemühen, alle gemeinsam zu leben und miteinander auf Augenhöhe zu reden. Ich bin mir sicher, dass der von uns vorgeschlagene Weg „der Integration von Integrationen“ uns helfen würde, dieses Ziel zu erreichen.

Damit möchte ich meine Rede abschließen und mich von Herzen bei all jenen bedanken, mit denen es gelungen ist, eng zusammenzuarbeiten und einander zu verstehen, insbesondere nicht nur mit dem Kopf, aber auch mit dem Herzen. Es gibt viele solche Menschen, und das betrachte ich auch als einen gewissen Antrieb der Annäherung. Selbstverständlich gilt mein großer Dank dem Auswärtigen Amt und anderen deutschen Ressorts, mit denen wir, ich eng zusammengewirkt habe. Und allen zahlreichen Organisationen und Vereinigungen aus verschiedensten Tätigkeitsbereichen und verschiedensten Regionen, die ich kaum aufzählen könnte, einzelnen außerordentlichen Persönlichkeiten, denen ich durch eine Fügung des Schicksals oder berufsbedingt begegnet bin, und allen hier Anwesenden möchte ich meinen herzlichsten Dank aussprechen.

 

 

 

 

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