Rede der russischen Botschafter in Deutchland Wladimir Grinin anlässlich des 25. Jahrestages des deutsch-russischen Kriegsgräberabkommens, 12. Dezember 2017, Berlin-Karlshorst

Sehr geehrter Herr Bundestagspräsident,

sehr geehrter Herr Präsident Schneiderhan,

sehr geehrter Herr Präsident Führer,

sehr geehrter Herr Staatssekretär,

sehr geehrter Herr Peschke,

sehr geehrter Herr Morré,

meine Damen und Herren,

es ist bereits eine gute Tradition geworden, denkwürdige Daten der deutsch-russischen Geschichte in diesem Museum zu begehen. Anfang November sind wir hier zusammengekommen, um den 50. Jahrestag der Gründung des Museums zu feiern. Erst vor wenigen Tagen hat es die Gemeinsame deutsch-russische Historikerkommission beherbergt, die ihr 20-jähriges Bestehen begangen hat. Dabei sind das nur die neuesten und die anschaulichsten Beispiele.

Erlauben Sie mir in diesem Zusammenhang, herzliche Worte der Anerkennung an Sie, sehr geehrter Herr Morré, und an das ganze geschlossene Kollektiv des Museums zu richten. An seinen strengen, aber gerechten unmittelbaren Kurator, werten Herrn Groß, den Präsidenten des Deutschen Historischen Museums. Und selbstverständlich an Frau Staatsministerin Grütters,  die konstruktiv und taktvoll die Tätigkeit des Museums unterstützt und die notwendigen finanziellen Mittel bereitstellt.

Meine Damen und Herren,

unser heutiges Treffen widmet sich dem 25. Jahrestag der Unterzeichnung des bilateralen Regierungsabkommens über Kriegsgräberfürsorge. Als Zeuge und Teilnehmer der damaligen Ereignisse möchte ich in Erinnerung rufen, dass es zweifelsohne ein wichtiges, aber kein einzigartiges Dokument ist. Dieses Abkommen ist ein unabdingbarer Bestandteil einer beeindruckenden Anzahl von Vereinbarungen, die im Ergebnis des Staatsbesuches von Bundeskanzler Helmut Kohl in Moskau vom 14. bis zum 16. Dezember 1992 geschlossen worden sind und die unsere Beziehungen bis zum heutigen Tage in den entsprechenden Bereichen reglementieren. Dazu zählen die zweite, politisch grundlegende, Gemeinsame Erklärung des Präsidenten Russlands und des Bundeskanzlers, die Gemeinsame Erklärung zur moralischen Rehabilitierung von zu Unrecht Verurteilten sowie weitere 7 Abkommen, abgesehen von dem, das heute gewürdigt wird: über kulturelle Zusammenarbeit, über gegenseitige Hilfeleistung bei Katastrophen oder schweren Unglücksfällen, über Zusammenarbeit im Bereich der Haushaltsangelegenheiten, über Zusammenarbeit und gegenseitige Hilfeleistung der Zollbehörden, über Zusammenarbeit zur Gewährleistung der Sicherheit bei der Beseitigung von Nuklearwaffen und über die deutsche Hilfe bei der Vernichtung der russischen Chemiewaffen.

Meine Damen und Herren,

jeder Besuch ist auf seine eigene Weise bedeutsam. Aber der von mir erwähnte Besuch im Dezember 1992 war wahrhaft historisch. Bereits lediglich aus dem Grund, dass es das erste vollwertige deutsch-russische Treffen auf höchster Ebene war, nachdem Russland selbständig geworden war und demokratische Reformen in Gang gesetzt hatte. Die Worte des Bundeskanzlers, der damals öffentlich erklärte, das Deutschland einen derartigen Stand der Beziehungen zu Russland anstrebe, der zwischen Deutschland und Frankreich existiere, bewegten mich damals tief.

Auf der gemeinsamen Pressekonferenz betonten der Kanzler und der Präsident recht emotional die gegenseitige Bereitschaft, die deutsch-russischen Beziehungen im Sinne der endgültigen Versöhnung zu entwickeln sowie sich auf eine gute Nachbarschaft und Partnerschaft zu zubewegen.

Meine Damen und Herren,

das Kriegsgräberabkommen ist ein herausragendes Beispiel für die Realisierung dieses Vorhabens. Ein Beispiel dafür, wie in einem konkreten und dabei ausgesprochen sensiblen Bereich eine effiziente Zusammenarbeit in die Wege geleitet werden kann. Heute, da die Beziehungen zwischen Russland und Deutschland auf einigen Gebieten eine nicht einfache Zeit erleben, kann die Bedeutung dieser Erfahrungen gar nicht hoch genug veranschlagt werden.

In dieser Hinsicht möchte ich speziell die Rolle des Volksbundes Deutsche Kriegsgräberfürsorge, der mit der Umsetzung des Abkommens betraut ist, und – ohne jegliche Übertreibung – einen großartigen Beitrag der Leitung des Volksbundes und insbesondere Ihren Beitrag, sehr geehrter Herr Führer, zu diesem edlen Unterfangen unterstreichen.

Ich besuchte persönlich mehrmals die Kriegsgräberstätten, die der Volksbund in Russland eingerichtet hatte. Ich halte die dafür gefundenen architektonischen Lösungen für richtig und weise. Sie symbolisieren Versöhnung, Annäherung und Frieden zwischen dem russischen und deutschen Volk. Als markantes Beispiel kann die interkonfessionelle Friedenskapelle auf dem Soldatenfriedhof in Rossoschki bei Wolgograd dienen, deren Bau bekanntermaßen unter der Schirmherrschaft der beiden Außenminister steht. Und Sologubowka bei St. Petersburg darf auch nicht vergessen werden, wo vor dem riesigen vom Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge gebauten deutschen Soldatenfriedhof eine im Krieg zerstörte russisch orthodoxe Kirche wiederhergestellt worden ist.

Meine Damen und Herren,

Gerade auf diese Art und Weise soll man mit der historischen Erinnerung umgehen. Gerade auf diese Art und Weise soll sie über Jahrhunderte hinweg lebendig gehalten werden. Dies ist heute wichtiger denn je, weil die Versuche immer häufiger werden, die historische Erinnerung zu schänden und die Geschichte umzuschreiben, darunter durch einen unwürdigen Kampf gegen Ehrenmale für sowjetische Soldaten – Befreier Europas. Diese Vorgehensweise schmälert die zerbrechliche Grenze, die die europäische Zivilisation vor der Rückkehr zum Hass und zur Feindseligkeit, zur Xenophobie und zum Extremismus zurückscheuen lässt. Die historische Amnesie droht mit der Wiederholung der bereits gezogenen schwierigen Lehren.

Keiner darf das vergessen. Davon, dass die Deutschen für sich entsprechende Lehren gezogen haben, zeugt unter anderem persönliche Teilnahme der deutschen Bundeskanzler an Feierlichkeiten in Moskau aus Anlass des 50., 60., 65. und 70. Jahrestages des Sieges. Das sind deutliche und eindeutige politische Signale, mit denen man in Russland auch des Weiteren rechnet.

Aus dieser Position ergeben sich ein würdiger Umgang mit unseren Kriegsgräberstätten in Deutschland, Bewahrung des Andenkens an die durch die Nazis zu Tode Gefolterten und gezahlte Anerkennungsleistungen an ehemalige Zwangsarbeiter, Opfer nazistischer Verfolgung und ehemalige sowjetische Kriegsgefangene.

All das sind Beispiele für die tatsächlich zustande gekommene historische Versöhnung zwischen unseren Völkern. Bedauerlicherweise bleibt diese Tatsache aus verschiedenen Gründen offensichtlich bisher durch Viele in Deutschland und Europa unterschätzt. Die deutsch-russische Versöhnung ist zugleich nicht weniger ein Faktor gesamteuropäischer und internationaler Bedeutung als beispielsweise die deutsch-französische Versöhnung. Ich wünsche mir sehr, dass sich diese Einsicht überall schnellstmöglich als politischer Imperativ etabliert.

Meine Damen und Herren,

unsere heutige Zusammenkunft führt vor Augen, dass wir bereit sind, gemeinsam diesen Weg zu gehen. Dass wir fest davon überzeugt sind, dass die historische Versöhnung des russischen und deutschen Volkes zu einer der tragenden Säulen der gesamteuropäischen Zusammenarbeit werden kann und soll. Ich bin zuversichtlich, dass die weitere Umsetzung des Kriegsgräberabkommens in strikter Übereinstimmung mit seinem Buchstaben und Geiste dazu auch enorm beitragen wird.

Ich danke Ihnen für die Aufmerksamkeit.

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