Unvorhersehbar, inspirierend, kaum auszuhalten

Das Kon­zert­haus Ber­lin er­in­nert mit ei­ner gro­ßen Hom­mage an den Cel­lis­ten Ms­tislaw Rostro­powitsch

Was für ein rei­ches Le­ben, ein Glanz der Kunst, ein Glück des Schaf­fens! Der von der Kriegs­not ab­ge­ma­ger­te Ms­tislaw Rostro­po­witsch am Kla­vier mit Ser­gej Pro­kof­jew, Jah­re spä­ter mit Dmi­tri Schosta­ko­witsch in Lon­don, dann mit sei­ner Frau Ga­li­na Wi­sch­new­ska­ja im Ca­brio und Ben­ja­min Brit­ten am Steu­er. Schon wenn man die vie­len Bil­der sieht – in der Fest­schrift, die das Kon­zert­haus Ber­lin mit Un­ter­stüt­zung der Rostro­po­witsch-Fa­mi­lie und mit Rai­mund Trenk­ler von der Kron­berg Aca­de­my jetzt her­aus­ge­ge­ben hat –, wird man mit­ge­ris­sen von dem Jahr­hun­dert­er­eig­nis Rostro­po­witsch.

Weit über hun­dert­fünf­zig Wer­ke hat er in sei­nem Le­ben an­ge­regt und ur­auf­ge­führt, ein­ge­schlos­sen je­ne von Hen­ri Du­til­leux, Györ­gy Li­ge­ti, Wi­told Lu­tosław­ski und Krzy­sz­tof Pen­der­ecki. Kein zwei­ter Cel­list – aus­ge­nom­men viel­leicht Karl Da­wy­dow zur Zeit von Pe­ter Tschai­kow­sky – war der Welt des Kom­po­nie­rens je­mals so nah und für die Schöp­fer von Mu­sik ei­ne der­ar­ti­ge In­spi­ra­ti­on wie Rostro­po­witsch. Mit sei­ner zehn­tä­gi­gen Hom­mage für den vor neun­zig Jah­ren ge­bo­re­nen und 2007 ver­stor­be­nen Ms­tislaw Leo­pol­do­witsch Rostro­po­witsch ruft das Ber­li­ner Kon­zert­haus ei­ne Epo­che wach, da die Zeit­ge­nos­sen­schaft von Kunst im Kon­zert noch kei­ne Fra­ge „in­no­va­ti­ver For­ma­te“ war, son­dern vom Ein­satz der Per­sön­lich­keit leb­te. Ein Pu­bli­kum zu pa­cken und zu­gleich ein Werk dar­zu­stel­len glich für Rostro­po­witsch kei­ner kom­pli­zier­ten Grenz­wert­rech­nung. Sich selbst als klang­ge­stal­ten­der Ko-Au­tor in die Waag­scha­le zu wer­fen dien­te vor al­lem der Sa­che der Kom­po­nis­ten.

Eliz­a­beth Wil­son, die als Toch­ter des bri­ti­schen Bot­schaf­ters in Mos­kau wäh­rend der sech­zi­ger Jah­re in die „Klas­se neun­zehn“ am Kon­ser­va­to­ri­um ge­lang­te, er­zählt in ei­nem leb­haf­ten Vor­trag, wie Rostro­po­witsch als Leh­rer war: un­vor­her­sag­bar, for­dernd, in­spi­rie­rend, kaum aus­zu­hal­ten in sei­nem En­er­gie­über­schuss, zu­gleich völ­lig des­in­ter­es­siert dar­an, Ko­pi­en sei­ner selbst her­an­zu­bil­den. Als da­nach Da­vid Ge­rin­gas und Mischa Mais­ky, ne­ben Na­tal­ja Gut­man ge­wiss die be­deu­tends­ten Schü­ler aus Rostro­po­witschs he­roi­scher Zeit in Mos­kau, im sel­ben Kon­zert auf­tre­ten, trifft man auf zwei völ­lig ver­schie­de­ne Per­sön­lich­kei­ten mit je ei­ge­nem Cha­ris­ma.

In Ge­rin­gas, be­glei­tet vom scharf­sin­ni­gen, ziel­ge­nau­en Pia­nis­ten Ian Foun­tain, lebt die Neu­gier Rostro­po­witschs am For­schen wei­ter, an der Aus­ein­an­der­set­zung mit Neu­er Mu­sik, der Er­wei­te­rung der Spiel­tech­nik. „New Gold­berg Va­ria­ti­ons“ spie­len Ge­rin­gas und Foun­tain: ame­ri­ka­ni­sche Re­fle­xe der Ge­gen­wart auf Jo­hann Se­bas­ti­an Bach, ei­ne in al­len nur denk­ba­ren Far­ben schim­mern­de, fun­keln­de, zu­wei­len glei­ßen­de Mu­sik, die das Cel­lo – et­wa mit Rohr­flö­ten­sug­ges­tio­nen bei Ri­chard Da­ni­el­pour – weit über das Kli­schee des ro­man­ti­schen Sän­gers hin­aus­füh­ren. Wenn Ge­rin­gas in der Wie­der­ho­lung von Bachs „Aria“ die Me­lo­die selbst spielt, dann hört man in der Raf­fi­nes­se sei­ner Bo­gen­ar­beit, der de­li­ka­ten Leich­tig­keit sei­ner Ver­zie­run­gen, dem er­le­se­nen Ge­schmack sei­nes va­ria­blen Vi­bra­tos, dass er sich spiel­tech­nisch über das hin­aus be­ge­ben hat, was bei Rostro­po­witsch zu ler­nen war. Ge­rin­gas weiß, wie man his­to­ri­sche In­stru­men­te, Gam­be oder Ba­ry­ton, spielt. Die­ses Wis­sen macht sein Cel­lo­spiel rei­cher.

Mischa Mais­ky er­in­nert vor al­lem durch sei­ne erup­ti­ve Mu­si­ka­li­tät an sei­nen Leh­rer, wo­bei das Ge­wicht der ei­ge­nen Per­son da­bei zu­ge­nom­men hat. Er spielt Bachs So­lo­sui­ten in G-Dur und c-Moll mit der tem­pe­ra­ment­vol­len, oft hin­rei­ßen­den Takt­frei­heit ei­nes Re­zi­ta­tors, teil­wei­se auch mit Tö­nen, die Bach ent­we­der gar nicht oder auf an­de­ren Hö­hen no­tiert hat. Zwi­schen den Sui­ten wech­selt er die Far­be des Hem­des von Weiß nach Schwarz. Wo Ge­rin­gas in sei­ner kur­zen Re­de viel über sei­nen Leh­rer er­zählt, spricht Mais­ky viel über sich selbst, et­wa, dass wir gar nicht wis­sen kön­nen, wie Bach „rich­tig“ ge­spielt wer­den müs­se, dass wir al­so „le­ben und le­ben las­sen“ sol­len, was vor al­lem sei­ner Art, Bach zu spie­len, als Recht­fer­ti­gung dient.

„Sla­wa“ heißt die­se Ber­li­ner Hom­mage, mit ei­ner Ko­se­form des Na­mens „Ms­tislaw“, die Nä­he sug­ge­riert. Bru­no Mon­s­a­in­ge­on zwei­felt in der Fest­schrift lei­se, ob Rostro­po­witschs ver­ba­le Zu­ge­ständ­nis­se der Nä­he ei­nem wirk­lich Zu­gang zu ihm er­öff­net ha­ben. Ge­rin­gas, des­sen Schwie­ger­mut­ter die Schreib­ma­schi­ne be­schaff­te, auf der Rostro­po­witschs Brief an die so­wje­ti­sche Staats­füh­rung zur Ver­tei­di­gung von Alex­an­der Sol­sche­ni­zyn ge­tippt wur­de, schreibt, er ha­be nie­mals „Sla­wa“ ge­sagt, für ihn blieb er im­mer Ms­tislaw Leo­pol­do­witsch. Nä­he ist of­fen­bar nicht leicht auf zwei Sil­ben zu brin­gen. Jan Brach­mann

Quelle: FAZ von 20.11.2017

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