Traum von russischen Acker

Ein Faible für riesige Landmaschinen, Freiheit und Russland. Wie passt das zusammen? Die 21-Jährige Landwirtschaftsstudentin Annalena Adam arbeitet an ihrem Traum in Russland als Agronomin zu arbeiten. Im August ging sie deshalb ins 5500 Kilometer entfernte Oblast Nowosibirsk, nordöstlich von Kasachstan.

„Ich bin ein absoluter Russland-Fan“, sagt Annalena Adam aus Kotzenbach. Die unendlichen Weiten, das riesige Land und so wenige Menschen, faszinieren die 21-Jährige.

Nach dem landwirtschaftlichen Fachabitur studierte sie drei Semester Landwirtschaft an der Fachhochschule Weihenstephan/Triesdorf. Bereits zum zweiten Mal zieht es die Oberpfälzerin jetzt nach Russland. Nach dem freiwilligen Praktikum für die Semesterferien suchte sie „wie wild“. 2016 war sie für zweieinhalb Monate im Oblast Kursk nahe Moskau. „Mitten in der Pampa“, sagt sie. Seit August diesen Jahres ist sie in Sibirien. Der große Betrieb, in dem sie arbeitet, hat sechs Standorte. An den drei größten möchte sie Erfahrungen sammeln. Das Praktikum ist unbezahlt. Die landwirtschaftliche Firma zahlt Flug, Kost und Logis, „im Endeffekt kostet mich das alles nichts“, sagt die Studentin.

In Nowosibirsk, im Ort Masljanino weit ab von der Zivilisation, sprechen die wenigsten Russen deutsch oder gar englisch. „Das war mir bewusst“, sagt Annalena und lernte Russisch. „Ich habe Kurse belegt und mir eine Russischlehrerin in Weiden gesucht.“ Sie lernte kyrillisch lesen und schreiben und die gängigsten Wörter. Mittlerweile spricht sie in zusammenhängenden Sätzen und hat sich auch landwirtschaftliche Fachbegriffe angeeignet.

Die Wohnung teilt sie derzeit mit einer Frau, vor dem Wechsel mit drei jungen Männern. „Ich bin eine Exotin hier, eine Ausländerin ist in der Pampa die absolute Attraktion.“ Mit den anderen Arbeitern verstehe sie sich gut. „Insgesamt sind die Russen sehr gastfreundlich.“ Nur an die Mentalität musste sie sich gewöhnen. Sie sieht es wie zwei Seiten einer Medaille: „Für mich bedeutet Russland komplette Freiheit“, sagt sie. Es gebe keine Regeln, keine Geschwindigkeitskontrollen, keinen TÜV, die Häuser seien selbst zusammengezimmert und total kitschig eingerichtet. „Ich mag die Einfachheit. Die Leute sind total happy, auch ohne Luxus.“ Von europäischen Standarts keine Spur: „Fließend Wasser ist schwierig. Warmes Wasser sowieso. Ich muss es immer erst abkochen. Es gibt hier keine Mülltrennung. Die werfen alles aus dem Fenster!“

Harter Alltag
„Ich bin total erledigt“, sagt Annalena am Telefon. Sibirien ist kein Zuckerschlecken, und trotzdem das Größte für die 21-Jährige. Die ersten zwei Wochen war sie für die Nachtschicht eingeteilt. Gearbeitet wird in Zwölf-Stunden-Schichten. „Tableskas“, Kleinbusse des riesigen landwirtschaftlichen Betriebs, holen die Arbeiter ab. Annalenas Bus fährt um 18.20 Uhr. Die zweistündige Fahrt bis zu den Feldern ist oft wegen nicht vorhandener Straßen recht abenteuerlich. Dann sitzt die Studentin die ganze Nacht auf den gewaltigen Maschinen, bis zwischen acht und halb neun morgens die Übergabe ansteht. „Ehrlich, ich komme hier an meine Grenzen. Das ist nichts für jedermann. Druck, Stress und viel Arbeit“, sagt die 21-Jährige. „In Sibirien haben sie nur ein geringes Zeitfenster für die Ernte. Gestern hat es 20 Zentimeter geschneit. Das macht es nicht einfacher.“ Erst gegen Mittag kommt sie von der Nachtschicht heim, will nur Duschen und Schlafen.

Adrenalin beim Häckseln
Die Tagesschicht sei besser. Da kommt auch der Bus und bringt Mittagessen auf das 500 Hektar große Feld. In einer Art dreiteiliger Thermokanne gibt es Tee – „Die Russen trinken keinen Kaffee“ – Fleisch, immer Fleisch mit Buchweizen, Reis oder Nudeln, sowie „Borschtsch“-Suppe. Dann geht’s weiter. „Manche Felder sind so groß, einmal habe ich für die einfache Strecke fast 20 Minuten gebraucht“. Auf 41 000 Hektar des Betriebs werden meist Weizen, Soja, Raps, Sonnenblumen oder Erbsen angebaut. Trotz der weiten Ländereien und riesigen Maschinen seien die Erträge eher mäßig. „Die Vegetationszeiten sind auch wegen des schwierigen Klimas sehr kurz und teils fehlt das Know-how“, begründet die Studentin. Neben der Arbeit auf dem Feld gibt es noch 16 000 Kühe, mit denen hat Annalena aber im Praktikum nichts zu tun.

Freizeit hat sie wenig. „Und selbst wenn, hier kann man nichts machen. Es gibt nur ein oder zwei Restaurants und eine Bar. Dort hab ich meinen Geburtstag gefeiert.“ Natürlich mit Wodka. Trotz der vielen Arbeit ist es in Sibirien für Annalena stressfreier als zu Hause. „Ich muss nicht an tausend verschiedene Sachen denken, sondern nur arbeiten.“ Ein echter Adrenalinkick für die angehende Landwirtin. „Wenn beim Silieren sechs Häcksler am Horizont auftauchen, oder man beim Schwadern in Formation fährt, ist das einfach gigantisch“, sagt die Oberpfälzerin.
Abschiedsschmerz

An den Abschied Mitte Oktober will Annalena noch gar nicht denken. „Das wird herzzerreißend.“ Die 21-Jährige hat die Herausforderung gesucht und sie auf doppelbereiften Riesenmaschinen in Russland gefunden. Bevor es nach Hause geht, plant sie sechs Tage Freizeit in Sankt Petersburg. Zuhause freut sie sich auf ein Bier mit Freunden und bayerisches Essen. „Borschtsch kann ich nicht mehr sehen“, sagt sie und lacht. Am liebsten wären ihr Sauerbraten, ihr Lieblingsgericht, oder noch besser Weißwürste. Und sie freut sich darauf, wieder deutsch zu reden. Auch die deutschen Gepflogenheiten haben ihr gefehlt, vor allem Sauberkeit und Pünktlichkeit. „Warte mal bei minus fünf Grad 40 Minuten auf den Bus“, sagt Annalena frustriert.

Im Oktober wechselt sie an die Uni Kassel, um dort Ökologische Agrarwissenschaften zu studieren. Das Praxissemester möchte sie in Samara und Voronezh absolvieren. Nach dem Studium hat sich Annalena vorgenommen ein paar Jahre nach Russland zu gehen, um dort als Agronomin zu arbeiten. Ihr Traum ist es, dort einmal einen eigenen Acker zu besitzten.

Quelle: onetz.de

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