Europa kauft immer mehr von Gazprom

Der russische Erdgaskonzern Gazprom erfreut sich in Europa immer grösserer Nachfrage. Die US-Konkurrenz durch verflüssigtes Erdgas (LNG) sieht Moskau gelassen. Ein heisser Sommer muss einem Verkäufer von Brennstoffen nicht automatisch das Geschäft vermiesen. Der russische Konzern Gazprom hat im August ungewöhnlich viel Erdgas nach Europa geliefert und sogar einen täglichen Ausfuhrrekord aufgestellt. Normalerweise verkauft der Riese am meisten Gas im Winter, wenn die Heizungen laufen. Aber Erdgas wird nicht nur zur Erzeugung von Wärme, sondern auch zur Stromproduktion verwendet. Strom wird zur Kühlung verbraucht, etwa für Klimaanlagen.

Gazproms jüngster Verkaufserfolg ist in diesem Jahr allerdings keine Ausnahme: Vor dem heissen Sommer lag ein kaltes Frühjahr, und die Gasspeicher in Europa waren wenig gefüllt. Deshalb lag der Export nach Europa bis Mitte August rund 12% über dem Vorjahreszeitraum.

Die anhaltend hohe Nachfrage dürfte es Gazprom ermöglichen, solide Geschäftszahlen zum zweiten Quartal vorzulegen. Zwar dürfte der Gewinn unter Währungseffekten leiden, aber im operativen Geschäft wird Europa für den staatlich kontrollierten Konzern immer wichtiger. Während seine Gasproduktion vergangenes Jahr bei 419 Mrd. m³ stagnierte, stiegen die Ausfuhren in die Länder ausserhalb der Gemeinschaft Unabhängiger Staaten (GUS) auf das Rekordniveau von 179 Mrd. m³.

Gazprom hat im zweiten Quartal einen Umsatzanstieg um 5% im Vergleich mit der Vorjahresperiode auf 1395 Mrd. Rbl. (23,7 Mrd. $) verzeichnet. Im ersten Halbjahr kletterte der Erlös um ebenfalls 5% auf umgerechnet 54,6 Mrd. $, wie der Erdgaskonzern am Dienstagabend mitteilte. Grund waren höhere Gasverkäufe und ein leicht gestiegener Erdölpreis. Das Betriebsergebnis übertraf die Erwartungen der Analytiker, aber beim Gewinn verhagelten vor allem im zweiten Quartal Währungsverluste die Rechnung. Der Rubel verlor in diesem Zeitraum leicht an Boden, und die hohen Auslandsschulden des Konzerns mussten neu bewertet werden. Der Gewinn brach deshalb um 80% auf 810 Mio. $ ein. Im gesamten ersten Halbjahr betrug der Rückgang 37% auf 6,5 Mrd. $. Der Exportrekord soll nicht lange Bestand haben. Im laufenden Jahr rechnet Gazprom dem Vernehmen nach mit einem Europaexport von 185 Mrd. m³. Dabei erzielt der Konzern pro Kubikmeter einen Preis, der höher liegt als im ehemals sowjetischen Ausland und mehr als doppelt so hoch wie im Inland – das macht das Europageschäft so lukrativ. Andersherum ist der Kaufpreis für die europäischen Kunden relativ niedrig: In den langfristigen Lieferverträgen hängt er entscheidend vom Erdölpreis ab. Dessen seit Ende 2014 dauernde Schwäche schlug mit einer gewissen Verzögerung auf den Gaspreis durch – ein weiterer Grund, warum europäische Kunden auch 2016 mehr gekauft haben. Ein niedriger Preis ist der entscheidende Wettbewerbsvorteil von Gazprom, um sich gegen Konkurrenz durch verflüssigtes Erdgas (LNG) zu behaupten. Lange Zeit waren LNG-Importe aufgrund hoher Nachfrage aus Asien teuer. Mit der wachsenden Produktion in Australien und den USA hat sich der Preisaufschlag aber jüngst verringert.

Einige europäische Länder sind in der komfortablen Lage, aufgrund der inzwischen ausgebauten LNG-Infrastruktur relativ frei ihre Bezugsquellen wählen zu können. Mitte August legte der erste amerikanische LNG-Tanker in Litauen an. Nach Angaben aus Vilnius soll der Preis niedriger gewesen sein als bei Gazprom. Der kleine litauische Markt fällt für den Riesen zwar kaum ins Gewicht, aber das Signal ist klar. Im Juni kam die erste amerikanische LNG-Lieferung in Polen an. Die amerikanische LNG-Exportkapazität dürfte laut der Rating-Agentur Standard & Poor’s von derzeit knapp 19 Mrd. m³ pro Jahr auf fast 100 Mrd. m³ im Jahr 2020 steigen. Grundsätzlich hat Gazprom im europäischen Wettbewerb aber gute Karten, und das nicht allein wegen des derzeit tiefen Erdölpreises. Der Konzern ist in den vergangenen Jahren offener bei der Vertragsgestaltung geworden, hat die Preise flexibler gemacht und sogar Auktionen als Verkaufsinstrument eingeführt.

Quelle: Neue Zürcher Zeitung, Benjamin Triebe

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