Die Rede des russischen Botschafters Wladimir Grinin aus Anlass der Eröffnung des Marina Zwetajewa-Zentrums in Freiburg, 23. Mai 2017

Sehr geehrte Frau Dr. Cheaurè,

Sehr geehrter Herr Oberbürgermeister Salomon,

Sehr geehrter Herr Dr. Erler,

Sehr geehrter Herr Honorarkonsul Mangold,

Sehr geehrter Herr Prof. Dr. Schiewer,

Verehrte Damen und Herren,

ich bedanke mich herzlich für die Einladung, hier bei der heutigen wunderbaren Veranstaltung zu sprechen. Hier, in dieser märchenhaften Ecke Deutschlands, wo sich die mächtige Anziehungskraft der Region Baden sofort spüren lässt, die das Schaffen der besten Vertreter der intellektuellen Elite Russlands im 19. und 20. Jahrhundert maßgeblich geprägt hat. Wo man auf Schritt und Tritt Spuren der jahrhundertelangen Geschichte des kulturellen Zusammenwirkens zwischen Russland und Deutschland findet.

Ich muss ganz offen gestehen – die Magie der Region Baden kommt besonders deutlich zur Geltung, wenn man aus einer anderen Gegend hierher kommt. Aus einer Gegend, wo andere Stimmungen und Sitten herrschen, wo andere Atmosphäre – politische Atmosphäre – herrscht – mit allen sich daraus ergebenden Folgen. Im Mittelpunkt stehen dort Trump, Brexit, Brodeln in der EU, Bundestagswahlen usw.

Die deutsch-russischen Beziehungen, wenn sie überhaupt angesprochen werden, thematisiert man überwiegend in dem heute dominierenden politisch-medialen Kontext. D.h. man hört und liest heute, gelinde gesagt, recht wenig über diese Beziehungen, worüber man sich freuen oder wovon man sich inspirieren lassen würde.

Doch wenn man Ecken wie diese besucht, dann beginnt man, Russland und Deutschland, Russen und Deutsche auf eine andere Art und Weise wahrzunehmen – nicht politisch, sondern rein menschlich. Übrigens, nicht weit von hier liegt ein nettes Örtchen Burg Hohenzollern. Dort versammelten sich vor kurzem viele Russen und Deutsche, die einander und ihre gemeinsame Geschichte lieben und respektieren, zu einem Abend der deutsch-russischen Freundschaft. Es war eine sehr beeindruckende Veranstaltung.

Ein Stück weiter liegt die Stadt Stuttgart, wo Ende 2013 eine ähnliche Veranstaltung zum Thema Dynastieehen zwischen russischen und deutschen Regenten stattgefunden hat. In Stuttgart bin ich recht oft unterwegs. Dort treffe ich mich mit Vertretern der Wirtschaft, die Freundschaft mit Russland aufrechterhalten und fortsetzen wollen.

Dasselbe Gefühl hatte ich bei meinen jüngsten Treffen mit Unternehmern aus Sachsen, Niedersachsen, Sachsen-Anhalt, Thüringen, Bayern, Hamburg usw.

Nebenbei sei erwähnt, dass in Hamburg bald der 1,3 Milliarden teure Europäische Röntgenlicht-Freie-Elektronen-Laser [‚leːzər] (European XFEL) in Betrieb genommen wird, der auf Initiative russischer Wissenschaftler und mit aktiver finanzieller Beteiligung Deutschlands und Russlands gebaut wurde.

Darüber hinaus nehmen namhafte russische und deutsche Kulturschaffende aktiv an der Tätigkeit deutscher und russischer Ensembles teil. So leitete der Chefdirigent des Bolschoi-Theaters Tugan Sochijew von 2012 bis 2016 das Deutsche Symphonie-Orchester Berlin.

Der bekannte Ballettmeister John Neumeier inszenierte in der Staatsoper Hamburg das Stück „Nezhinsky“, sowie drei russische Balletts „Nussknacker“, „Möwe“ und „Tatiana“ (nach Ewgenij Onegin).

Der russische Maestro Walery Gergijew, ist seit 2015 Hauptdirigent der Münchener Philharmoniker und Kirill Petrenko – Generalmusikdirektor der Bayerischen Staatsoper.

Es freut uns, dass man für die kulturelle Zusammenarbeit auch die Jugend durch eine Reihe von Veranstaltungen im Rahmen des deutsch-russischen Jugendaustauschjahres gewinnen konnte, das im Juni 2016 in Moskau startete und in diesem Sommer in Berlin abgeschlossen wird. Dabei möchte ich betonen, dass ohne Heranziehung der Jugendlichen zu unserer Kooperation in allen möglichen Dimensionen die Gestaltung unserer gemeinsamen Zukunft wohl kaum möglich sein kann. Mit anderen Worten, die Pfeiler der deutsch-russischen Zusammenarbeit werden auch weiterhin in vielen Regionen Deutschlands ausgebaut und gestärkt. Übrigens, Ende Juni d.J. will man in Krasnodar das Deutsch-Russische Jahr der kommunalen und regionalen Partnerschaften starten lassen.

Nun möchte ich aber auf die heutige Veranstaltung zurückkommen und unterstreichen, dass diese eine sehr wichtige historische Erscheinung verewigt. Denn Vertreter einer herausragenden Kategorie der russischen Gesellschaft kamen hierher nicht nur, um ihre Gesundheit zu verbessern, und sich mit der Atmosphäre von glänzenden europäischen Kurorten vertraut zu machen.

Hier schöpften sie geistige und kreative Energie, feilten an ihren Werken, die die Zeit in Baden zu einem der führenden Themen der russischen Literatur in den vergangenen zwei Jahrhunderten machten. Ich denke in diesem Sinne an Tolstoi, Dostojewskij, Turgenew, Schukowskij, Gogol, Tschechow und selbstverständlich Tswetajewa, deren literarische Texte und persönliche Briefe Schwarzwald auch heute zu Weltruhm verhelfen.

Nicht umsonst werden hier die Verbindungen zu unserem Land und die russische Kultur besonders hoch geschätzt. Nicht umsonst bewahren die Badener die guten Traditionen der gegenseitig bereichernden Freundschaft zwischen unseren Völkern.

Hier entstanden und gewinnen immer mehr an Popularität diverse Literaturvereine, wie z.B. die Deutsche Tschechow-Gesellschaft in Badenweiler oder die Turgenev-Gesellschaft Deutschland in Baden-Baden.

Heute haben wir uns versammelt, um eine neue Seite in der Geschichte unserer Länder aufzuschlagen und auf dieser Seite den Namen von Marina Iwanowa Tswetajewa zu schreiben, einer der herausragendsten und bekanntesten russischen Dichterinnen weltweit.

Sie war eine der intelligentesten Dichterinnen und Dichter des 20. Jahrhunderts. Sie las in Fremdsprachen, reiste viel, war eine intime Kennerin der russischen, englischen, französischen, deutschen, tschechischen, antiken Literatur. Ihr ganzes Leben widmete sie der Literatur, die sie ihr Handwerk nannte.

Sie schuf Abertausende erstklassige Strophen und experimentierte mit Prosa, Dramaturgie, schrieb Essays, Übersetzungen, ganz zu schweigen von ihren zahllosen Briefen. Dabei ziehen sich die Erinnerungen an Süddeutschland wie ein roter Faden durch viele Werke Tswetajewas. Denn Deutschland war für sie neben Russland ihre zweite Heimat.

Sie verbrachte in Schwarzwald die glücklichsten Jahre ihres Lebens, diese Gegend wurde für sie zu einem «lebendigen Märchen der Gebrüder Grimm». «Deutschland ist meine Leidenschaft, meine Heimat, Wiege meiner Seele! In mir sind viele Seelen. Doch meine Hauptseele ist eine deutsche», schrieb sie in einem ihrer Tagebücher.

Einige Monate in einem gastfreundlichen Städtchen an malerischen Schwarzwaldhängen beeinflussten das gesamte weitere Leben Marina Zwetajewas, die sich mit diesem Ort wahrlich eng verbunden fühlte.

Im April 2015 wurde in Freiburg eine Büste Marina Zwetajewas aufgestellt, und heute wird ein ganzes Zentrum für russische Kultur eröffnet, was, wie wir sehen, sehr rechtzeitig, gerechtfertigt und in gewissem Sinne symbolhaft ist. Denn das heutige Ereignis kann durch einen zeitlichen Zusammenfall als Teil einer Art Frühlingssaison des deutsch-russischen Kulturaustausches angesehen werden.

So ist am 3. Mai in Marbach die Ausstellung eröffnet worden, die sich mit den Verbindungen des herausragenden deutschen Dichters Rainer Maria Rilke mit seiner „geistigen Heimat“ Russland auseinandersetzt. Apropos: Mit ihm stand Marina Zwetajewa bis zu seinem Tod 1926 in einem bewegenden lyrischen Schriftwechsel.

Und am 14. Mai wurde im Schloss Friedenstein Gotha die Ausstellung der Meisterwerke aus dem Moskauer Puschkin-Museum für bildende Künste eröffnet – als Antwort auf die Mitwirkung des Herzoglichen Museums Gotha an der Ausstellung der Cranach-Werke 2016 in Moskau.

Und der Austausch mit derartigen Kunstwerken ist ja ein Zeichen des tiefen gegenseitigen Vertrauens zwischen unseren Ländern.

Es ist sehr erfreulich und bemerkenswert, dass all das stattfindet, trotz dem nach wie vor trüben politischen Wetter. Ich bin zuversichtlich, dass dieses kulturelle und humanitäre Kooperationsprogramm die Gefühle aufrechterhalten wird, die man als gegenseitige Anziehung von Russen und Deutschen bezeichnen kann. Denn es gibt sie in der Tat, und die Eröffnung des Zwetajewa-Zentrums für russische Kultur und ein gewaltiges Interesse der Einheimischen an seinen künftigen Projekten sind ein weiterer Beleg dafür. Dies bestätigt auch die Tatsache, dass die Organisatoren dieses Projekts – seine Initiatoren, Autoren, finanziellen und geistigen Schirmherrn und andere Mitstreiter einen sehr wertvollen Beitrag zur Stärkung der Grundlagen der deutsch-russischen Beziehungen geleistet haben.

Das sage ich als Vertreter einer diplomatischen Mission, die diese Prozesse sehr aufmerksam verfolgt. Vielen herzlichen Dank dafür, was Sie geleistet haben.

Und der Stadt Freiburg als einer der Perlen dieser wunderschönen Region, seinen Bürgerinnen und Bürgern, aber auch selbstverständlich der Stadtverwaltung unter der Leitung von Oberbürgermeister Salomon wünsche ich viele neue fruchtbare Begegnungen mit russischer Kultur und Russen.

Ich danke für die Aufmerksamkeit.

 

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