Ein Dialog in politisch schwierigen Zeiten. Freiburg: Zwetajewa-Zentrum für russische Kultur wird eröffnet

Was Elisabeth Cheauré in die Hand nimmt, das bekommt auch termingerecht Fuß: Zehn Monate nach der Gründung des Trägervereins wird am 23. Mai das von der Universität und der Stadt Freiburg getragene Zwetajewa-Zentrum für russische Kultur an der Universität Freiburg im Kaufhaussaal feierlich eröffnet – gerade rechtzeitig, um in das Gedenken an 100 Jahre Russische Revolution eingreifen zu können. Was heißt eingreifen! Die Slavistin, die in ihrer Karriere schon so einiges weit über ihr eigenes Institut für Slawistik hinaus bewegt hat, organisiert federführend den bundesweit vielstimmigsten und größten Echoraum für die historische Wende im Zarenreich, die zu Terror, Krieg und Hungersnöten führte. Nicht weniger als 20 Institutionen konnte sie für eine Kooperation bei ihrem Projekt „Spurensuche“ gewinnen, unter anderem das Gulag-Museum Moskau, die russische Menschenrechtsorganisation Memorial und die internationale Bibliothek Rudomino, deren verstorbene Leiterin Ekaterina Genijewa entscheidende Impulse für einen Zwetajewa-Erinnerungsort in Freiburg gegeben hatte.

Damit steigt die dem Namen der großen Dichterin gewidmete Institution gleich sehr hoch ein ins Freiburger Kulturgeschehen: Bis November wird wohl jeder wissen, wo das Zwetajewa Zentrum angesiedelt ist: im Untergeschoss der universitätseigenen Villa an der Stadtstraße 5, in der in der Hauptsache das bundesweit einzige Graduiertenkolleg für die russisch-deutschen Beziehungen untergebracht ist. Der russisch-deutsche Dialog soll von hier aus angekurbelt werden – gerade in Zeiten, in denen sich Russland wieder von Europa wegbewegt. Und niemand könnte symbolisch besser für diese europäische Verständigung stehen als die Lyrikerin Marina Zwetajewa, die in ihrer Jugend gemeinsam mit ihrer Schwester ein Jahr in Freiburg lebte, sich 20 Jahre später in den Dichter Rainer Maria Rilke verliebte und ihm glühende Briefe schrieb. Zu einer physischen Begegnung kam es nicht mehr, da der von Zwetajewa verehrte Verfasser der „Duineser Elegien“ schon schwer erkrankt war und wenige Monate nach Beginn des Briefwechsels am 29. Dezember 1926 starb. Das alles ist nachzuvollziehen in der exzeptionellen Ausstellung „Rilke und Russland“, die zurzeit im Museum für die Literatur der Moderne in Marbach zu sehen ist. Sie bringt dem Besucher die Namenspatronin des neuen Freiburger Kulturorts näher: in ihrer Leidenschaftlichkeit und Unbedingtheit, für die sie unter Stalins Terrorregime büßen musste. 1940 setzte sie ihrem Leben ein Ende.

Dass es auch für die Stadt Freiburg eine Bereicherung bedeutet, Zwetajewa auf diese lebendige Weise ein Denkmal zu setzen, haben auch die politischen Spitzen der Kommune erkannt: Dem Gründungsverein des Zentrums gehören neben dem Russland-Kenner und SPD-Bundestagsabgeordneten Gernot Erler und dem Honorarkonsul der Russischen Föderation Klaus Mangold auch Oberbürgermeister Dieter Salomon und Kulturbürgermeister Ulrich von Kirchbach an. Und das ist kein rein symbolischer Akt. Die Stadt gibt jährlich 18 000 Euro, die eine halbe Stelle im Zentrum mitfinanzieren. Die Weichen sind also gestellt für das Bestreben, das Zwetajewa-Zentrum als kleine Schwester des Carl-Schurz-Hauses und des Institut Français zu etablieren. Im Mittelpunkt seiner Aufgaben steht für Elisabeth Cheauré die „Bündelung der russlandbezogenen Aktivitäten“ in Freiburg und den besonders mit Russland verbundenen badischen Orten Baden-Baden und Badenweiler. Neben dieser Vernetzung soll eine mediale Infrastruktur aufgebaut werden. Es sollen Sprachkurse angeboten werden, Vorträge, Lesungen und Diskussionen stattfinden.

Für die Initiatorin fügt sich das Zentrum harmonisch in die lange Geschichte der badischen Beziehungen zu Russland ein, die mit der Heirat der badischen Prinzessin mit Zar Alexander I. begannen. Cheaurés Recherchen zum „Russischen Freiburg“ werden im Herbst als Buch erscheinen. Darin ist auch zu lesen, dass der Russische Chor, der die Eröffnung musikalisch begleiten wird, schon 1930 in Freiburg gegründet wurde. Solche Traditionen verpflichten.

Quelle: Bädische Zeitung

Комментарии ()