Eine Stunde Weltpolitik

STEPHAN SCHEUER, DÜSSELDORF

Kaum ein Land hat so viele Attacken des neuen US-Präsidenten Donald Trump einstecken müssen wie China. Die Volksrepublik stehle amerikanische Arbeitsplätze und manipuliere ihre Währung, polterte Trump. Trotzdem gibt sich der chinesische Botschafter in Deutschland, Shi Mingde, gelassen. „Die Amerikaner haben Karten in der Hand, wir aber auch“, sagte Shi. Strafzölle gegen Produkte aus China seien genau der falsche Weg. „Wenn Trump die Zölle erhöht, werden die Preise für einfache Leute steigen“, warnte Shi im Gespräch mit Russlands Botschafter Wladimir Grinin und Handelsblatt-Herausgeber Gabor Steingart in Düsseldorf.

Trump sieht in China vor allem einen Rivalen. Russland indes könnte ein enger Partner werden. Der neue US-Präsident hat mehrfach die Stärke des russischen Präsidenten Wladimir Putin gelobt. Kürzlich telefonierten die beiden Staatsmänner das erste Mal miteinander. „Das Gespräch selbst war ziemlich freundlich und ermunternd“, hob Russlands Botschafter in Deutschland, Wladimir Grinin, hervor. Ob es künftig eine enge Männerfreundschaft zwischen beiden geben könnte, wollte Grinin jedoch nicht kommentieren. „Es ist wahrscheinlich, dass sogar Trump nicht sagen kann, was für eine Politik er machen wird.“ Die Vorwürfe des US-Geheimdienstes, Russland habe sich zugunsten Trumps in den Präsidentschaftswahlkampf eingemischt, wies Grinin entschieden zurück: „Das ist völliger Quatsch.“ Russland warte nun ab, wie sich das amerikanisch-russische Verhältnis entwickeln werde.

China nutzt Trumps Protektionismus, um sich als Stimme des Freihandels zu inszenieren. „Wir stehen für Berechenbarkeit, Stabilität und freien Handel“, sagte Botschafter Shi. Ähnlich hatte sich Chinas Präsident Xi Jinping auf dem Weltwirtschaftsforum in Davos geäußert. „Wir haben von der Globalisierung profitiert“, meinte der chinesische Botschafter. Nun gelte es, gemeinsam die globalen Herausforderungen anzugehen.

Sollten sich die USA von ihren Verpflichtungen für den Klimaschutz verabschieden, werde China sich dennoch weiter für den Klimaschutz einsetzen, versprach Shi. „Wir sind mit Deutschland und Europa auf einer Linie.“ China ist zwar größter Klimasünder der Welt, will jedoch ab dem Jahr 2030 seine CO2-Emissionen senken und auf erneuerbare Energien setzen.

Das muss China auch, denn die Probleme sind gewaltig. „Für das Wachstum haben wir einen hohen Preis gezahlt“, sagte Shi. Der Smog halte die Menschen in den chinesischen Metropolen im Würgegriff. „Fast 90 Prozent der Seen und Flüsse sind verunreinigt“, klagte Shi. „Die Menschen sind unglücklich.“

Deutschland und China sollten eng zusammenstehen, forderte Shi. „Jeder ist von jedem abhängig. Wir sind eine Schicksalsgemeinschaft.“ Beide Staaten stünden erst am Anfang einer langen und intensiven Zusammenarbeit. „China ist sehr groß. Der Markt ist bei weitem nicht gesättigt“, sagte Shi. „8 200 deutsche Firmen sind in China tätig, und die Mehrheit sind Mittelständler.“ Im Gegensatz zu globalen Großkonzernen stünden kleine und mittelständische Firmen vor größeren Herausforderungen, wenn sie sich in einem anderen Land engagieren wollten. „China und Deutschland sollten gemeinsam helfen“, sagte Shi. Vergessen scheinen die Schwierigkeiten aus dem vergangenen Jahr, als die chinesische Übernahme des Roboterbauers Kuka eine Debatte über den Schutz deutscher Spitzentechnologie ausgelöst hatte.

Doch Shi fand auch deutliche Worte. Die Flüchtlingskrise sei eine gewaltige Herausforderung. „Deutschland hat große Schwierigkeiten, eine Million Flüchtlinge unterzubringen“, resümierte er. Dabei verstelle der Fokus auf Deutschland den Blick auf die viel dramatischere Situation in anderen Ländern. „Wir dürfen nicht vergessen, dass in der Türkei noch drei Millionen Flüchtlinge auf die Ausreise warten.“ In Libyen warteten auch noch mehr als zwei Millionen Menschen.

Bei der Frage, ob China denn Flüchtlinge aus den Kriegs- und Krisengebieten in Nahost aufgenommen habe, geriet Shi jedoch in die Defensive. „Die Menschen wollen ja nach Europa. Bei uns hat niemand einen Asylantrag gestellt“, sagte Shi. Auch China sei bereit, mehr globale Verantwortung zu übernehmen. Für einen Einsatz chinesischer Blauhelmsoldaten müsse es aber immer ein Mandat der Vereinten Nationen geben, forderte der Chefdiplomat.

Die dramatische Situation in Syrien müsse gelöst werden, forderte Botschafter Grinin. Die Zukunft des Landes sei nicht unbedingt mit Präsident Baschar al-Assad verbunden. Moskau hatte ihm lange den Rücken gestärkt. „Wir unterstützen nicht Assad, sondern das Land Syrien“, sagte Grinin.

Quelle: Handelsblatt

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