»Meinst du, die Russen wollen Krieg?«

Botschaftsvertreter bei Herbsttreffen eines ungewöhnlichen Reiseveranstalters bei Berlin

 
 

Von Anne-Katrein Becker

Mit einer Vertonung des Gedichts »Meinst du, die Russen wollen Krieg?« von Jewgeni Jewtuschenko stimmte die Chanson-Interpretin Johanna Arndt auf das Herbsttreffen des Arbeitskreises Kultur- und Bildungsreisen der Gesellschaft zum Schutz von Bürgerrecht und Menschenwürde (GBM) am Wochenende ein. Fast 300 Mitglieder und Freunde dieser Organisation sowie anderer Verbände hatten sich im Schloss Diedersdorf bei Berlin versammelt, um sich über aktuelle Fragen der Beziehungen zu Russland zu informieren und über wichtige Vorhaben im kommenden Jahr auszutauschen.

Das Interesse an der Arbeit dieses Verbandes wächst weiterhin. Als vor 20 Jahren der Arbeitskreis gegründet wurde, hatte wohl kaum einer gedacht, dass in den folgenden zwei Jahrzehnten eine so aktive Gruppe entstehen würde, die nicht nur anspruchsvolle Programme – von politischen Veranstaltungen bis hin zu Tagesfahrten und mehrwöchigen Reisen ins In- und Ausland – gestaltet, sondern zugleich immer mehr Mitglieder und Sympathisanten gewinnt.

Im Mittelpunkt standen die deutsch-russischen Beziehungen, als Gast war auch der erste Sekretär der russischen Botschaft, Michail Berkutow, anwesend. Er erinnerte daran, dass nach dem Ende des Kalten Krieges eine reale Chance verpasst worden sei, um Europa Frieden und Wohlstand für Generationen zu bringen. Russland hatte damals zum Beispiel durch den Abzug seiner Truppen und Waffen aus Deutschland, den Ländern Osteuropas und des Baltikums einen wesentlichen Beitrag zur Beseitigung der Konfrontation geleistet. Es gehe heute darum, eine Kooperation in verschiedenen Bereichen zum Wohle beider Seiten zu fördern – von Wirtschaft und Handel bis hin zur Krisenbewältigung und dem Antiterrorkampf.

Leider hätten die Länder des Westens das Vorhaben, eine umfassende Partnerschaft zu gestalten, nicht entsprechend unterstützt. Einige Staaten, so der Diplomat, seien dazu bereit gewesen, doch die Blocksolidarität, die Position »alle oder niemand« habe im Ergebnis zu einer negativen Reaktion der westlichen Partner geführt. Auch die Zusicherungen, dass die NATO nicht in Richtung Osten erweitert würde, wie 1990 verkündet, blieben leere Worte.

Europa stehe heute vor großen Herausforderungen – die gemeinsamen Probleme könnten nur gemeinsam gelöst werden. Die Geschichte habe gezeigt, dass die Versuche, Russland zu isolieren, immer zu schwerwiegenden Folgen für den gesamten Kontinent geführt hätten, so Berkutov, während eine aktive Einbeziehung Russlands lange Perioden der Stabilität gebracht habe. Auch der russische Vorschlag zur Gestaltung eines einheitlichen Wirtschaftsgebietes von Lissabon bis Wladiwostok stehe im Raum. Für dessen Realisierung seien alle nötigen Voraussetzungen vorhanden – gemeinsame zivilisatorische und kulturelle Wurzeln sowie der hohe Grad der Entwicklung der Wirtschaften. Es sei erfreulich, dass sich die Kontakte der Parlamente, Behörden und Regionen zueinander immer weiter entwickeln. Auch das im Juni eröffnete russisch-deutsche Jahr des Jugendaustauschs werde zum besseren Verständnis beitragen, denn, so der Diplomat, je mehr Kontakt die Völker zueinander hätten, desto eher fänden sie eine gemeinsame Sprache.

In der Diskussion forderte Irma Hemmerlein aus dem Arbeitskreis dazu auf, im Kampf um Frieden und soziale Gerechtigkeit nicht nachzulassen. Internationale Konflikte seien nur gemeinsam mit Russland zu lösen. Das Riesenland dürfe nicht ins Abseits gestellt werden, die Sanktionen seien unverzüglich aufzuheben. Im anschließend vorgestellten Veranstaltungs- und Reiseprogramm für das kommende Jahr steht Moskau ebenso auf dem Plan wie der Spreewald.

Quelle: Junge Welt

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