Ansprache des Botschafters Wladimir Grinin auf der Gedenksitzung anlässlich des Volkstrauertages im Landtag Sachsen

Sehr geehrte Damen und Herren,

ich bin zutiefst dankbar dafür, dass Sie mich, einen Russen, eingeladen haben, um mit Ihnen gemeinsam der Opfer des Krieges und anderer grausamer Ereignisse zu gedenken, die in unserer jüngsten Geschichte leider reichlich vorhanden waren.

Diese tief symbolhafte Geste von Ihnen scheint mir vor dem Hintergrund der heutigen politischen Wetterlage besonders wertvoll und bedeutsam zu sein. Ich sehe darin den Wunsch der Menschen, die das Wesen und den Sinn des heutigen Gedenktages verinnerlicht haben, und die über aktuelle Geschehnisse offensichtlich besorgt sind, kein einziges – selbst schmerzhaftes – Ereignis aus der Geschichte in Vergessenheit geraten bzw. das eigene Bewusstsein politisch oder sonst wie betäuben zu lassen. Diesen Ansatz teile ich vollkommen.

Darüber hinaus müssen wir, nach meiner Auffassung, alles Mögliche tun, um unsere Kontakte, unsere Kommunikation zu wahren. Nur so behalten wir die grundsätzliche Einstellung auf die Suche nach dem gegenseitigen Verständnis, auf die Förderung dieses Verständnisses und, was noch wichtiger ist, – auf die Vorbeugung einer Vergiftung durch den Entfremdungsbazillus.

Der Weg hin zur Wiederbelebung unserer Beziehungen war lang und mühsam. Und gerade heute, in einer Situation, die sich im Vergleich zur Vergangenheit stark verändert hat, könnten die Auswirkungen einer Entfremdung viel ernsthafter sein, als es vor Jahrzehnten, in der Nachkriegszeit der Fall war.

Damals prägten die Gräuel des Krieges, die tief im Gedächtnis und Bewusstsein der Überlebenden und insbesondere der unmittelbaren Kriegsteilnehmer verwurzelt waren, in vielerlei Hinsicht die Denkweise der Bevölkerung und hielten sie in einem bestimmten Rahmen. Dies erlaubte, Aggression im Zaum zu halten und Emotionen in die richtige Richtung zu kanalisieren. Der gesunde Menschenverstand wachte auf. Das Prinzip „Nie-wieder“ gewann die Oberhand.

Ich spreche über diese Erscheinungen, unter anderem, als Nachkriegskind, indem ich meine persönlichen Erinnerungen und Gefühle zum Ausdruck bringe, die sich tief in meine Seele eingeprägt haben. Ich kann nicht umhin, auch andere parallele Prozesse aus jener Zeit zu erwähnen, die die Feindseligkeit minderten und neue Gefühle positiven Charakters erweckten. Ich denke vor allem an das Entstehen zweier deutscher Staaten, die Wiederbelebung eines engen Dialogs zwischen Russen und Deutschen, die Rückkehr deutscher Kriegsgefangener, die Wiederaufnahme diplomatischer Beziehungen, der Kontakte im Handels- und Kulturbereich usw.

Natürlich können sich alle gut erinnern, wie sich gleichzeitig die politische Konstellation transformierte, was im Endeffekt in die Ost-West-Konfrontation mündete. Es begann der Kalte Krieg mit Aufrüstung, darunter mit Atomwaffen, einer drastischen Zuspitzung der Weltlage, die manchmal kritische Zustände erreichte. Zum Höhepunkt dieser Konfrontation wurde wohl die Kubakrise im Oktober 1962.

Dennoch ist es gelungen, diese Krise zu stoppen. Das haben wir offensichtlich dem gesunden Menschenverstand und – das will und darf ich nicht ausklammern – dem Einfluss des deutsch-russischen Faktors zu verdanken. Mit Sicherheit spielte hier das Gespenst der blutigen Tragödie zwischen der UdSSR und Deutschland, die den Verlauf und die Inhalte des 2. Weltkrieges bestimmte, seine entscheidende Rolle. Es bewegte diejenigen, die eine für alle fatale Entscheidung treffen konnten, jedoch dazu, sich von diesem Schritt zurückzuhalten und mit Moskau ins Gespräch zu kommen.

Wie dem auch sei, verdient die Bedeutung des deutsch-russischen Faktors mit all seinen negativen wie positiven Facetten, aus meiner Sicht, viel mehr Anerkennung im Kontext seines Einflusses auf die internationalen Beziehungen der letzten Jahre, als es leider heute der Fall ist.

So kann man unterschiedlichste Argumente bei der Diskussion über die Ablehnung des Vorschlags der UdSSR von März 1952 durch die westlichen Alliierten anführen, bei dem es um die Wiedervereinigung Deutschlands zur Bildung eines neutralen Staates ging. Ich denke aber, dass dieser deutsch-russische Faktor auch in diesem Fall unter verschiedenen Blickwinkeln betrachtet wurde. Z.B., wird die Reaktion der Deutschen nicht viel zu positiv gegenüber Russen sein? Wird dies seinerseits eine für den Westen ungünstige politische Positionierung Deutschlands im Rahmen der Ost-West-Konfrontation verursachen?

Was die Rolle und Bedeutung des deutsch-russischen (dieses) Faktors bei der 1990 stattgefundenen deutschen Wiedervereinigung anbelangt, so kann sie wohl kaum hoch genug eingeschätzt werden. Glücklicherweise stimmten Amerikaner dieses Mal der von uns vorgeschlagenen Wiedervereinigung der Deutschen zu, was sich im Beitritt der DDR zur BRD resultierte. Das hat einerseits die Einstellung der Deutschen zu meinem Land, seinen Bürgern, der bilateralen Zusammenarbeit sehr zum Positiven verändert. Anderseits führte all das, einschließlich einer rasanten Vergrößerung des positiven Potenzials der deutsch-russischen Beziehungen, zu einer grundsätzlichen Neugestaltung der internationalen politischen Ordnung.

Es zeigte sich darin, dass die in Deutschland damals vorhandene politische und militärische Konfrontationszone zwischen Ost und West beseitigt wurde. Dieser Prozess erfolgte auf der Grundlage der Vereinbarungen der Siegermächte des 2. Weltkrieges sowohl miteinander, als auch mit beiden Teilen Deutschlands. Dies bedeutete die Abschaffung dessen, was den Kalten Krieg angezettelt hatte. Somit ging er zu Ende.

Selbstverständlich führte der Zerfall der Sowjetunion im Jahr 1991 zu maßgeblichen Veränderungen in der Taktik und Strategie der grundlegenden Teilnehmer dieses Prozesses. So konnte die Warschauer Vertragsorganisation – das östliche Militärbündnis – noch am 1. Juli desselben Jahres aufgelöst werden. Aber das damalige das Versprechen, die NATO wenn nicht aufzulösen, so wenigstens über eine wesentliche Veränderung des zukünftigen Profils des Transatlantischen Bündnisses nachzudenken, um es aus einer rein militärischen in eine friedensstiftende Organisation zu verwandeln, ist leider bis heute nicht erfüllt.

Genauso wie ein weiteres Versprechen – die NATO in ihrer ursprünglichen Form nicht gen Osten zu erweitern. Im Ganzen wurde die einst bipolare Weltordnung nun monopolar – mit den USA an der Spitze.

Selbstverständlich wird sich die Weltordnung weiter verändern. Und die Wahlergebnisse in den USA sind ein weiterer Anlass, darüber nachzudenken. Aber nicht das spielt heute die entscheidende Rolle. Das wichtigste ist, aus meiner Sicht, sich nicht dabei nicht in einen passiven Zustand, eine Art Schlafmodus zu versetzen, ein Kritisches Auge zu behalten, insbesondere, wenn man das Völkerrecht, die Moral, allgemeine menschliche Werte verletzt und die Geschichte neuzuschreiben versucht. Leider findet das tatsächlich statt.

Wir können uns gut erinnern, warum Krieg und Terror im Nahen Osten ausbrachten. Heute haben wir zu tun mit unverhohlenen Informationskriegen, die allen Gesetzen der Moral und Sittlichkeit zuwider versuchen, Völker und Nationen gegeneinander einzustellen.

 Zu einer ernsthaften Herausforderung für die Stabilität in Europa und auf der ganzen Welt wurden die Versuche, das allgemein anerkannte Herangehen in Bezug auf die Einschätzung historischer Ereignisse zu revidieren. Dazu gehören z.B. die Aktionen einiger osteuropäischer Länder, wo neulich Gesetze verabschiedet wurden, die die Sowjetunion für die Entfesselung des 2. Weltkrieges verantwortlich machen, oder wo Waffen-SS-Legionäre bis heute gewürdigt werden.

Mit solchen Herausforderungen beschäftigten wir uns auch früher, aber wir vermochten sie zumindest auszugleichen, zu bezähmen. Heute ist die Gefahr negativer Auswirkungen dieser Herausforderungen viel größer geworden.

Die Distanz zwischen neuen Generationen und den Wurzeln dessen, was uns heute in diesem Saal zusammenführte, wird immer größer. Die Wahrnehmung damaliger Ereignisse durch die Jugend wird immer abstrakter, oft wird die Vergangenheit überhaupt nicht in Betracht gezogen. Mit der Verbreitung von digitalen Technologien entsteht ein neues System zur Erforschung der Vergangenheit und der Gegenwart.

Damit wächst gleichzeitig die Gefahr einer bewussten, gezielten Betäubung der Öffentlichkeit, was unberechenbare Folgen haben kann, wovon ich übrigens zu Beginn meines Vortrags gesprochen habe.

Besonders interessant scheint mir in diesem Zusammenhang die Ansprache des Bundespräsidenten Joachim Gauck im Rahmen des Festaktes „500 Jahre Reformation“ am 31. Oktober d.J. Gesagt wurde Folgendes, ich zitiere: „Es macht sich zudem in unserer Gesellschaft, von Internetforen bis hin zu politischen Debatten, ein Ungeist der Gnadenlosigkeit breit, des Niedermachens, der Selbstgerechtigkeit, der Verachtung, der für uns alle brandgefährlich ist“.

Was können wir tun? Diese Frage richtet sich vor allem an Russen und Deutsche. Sie sind – wie kaum ein anderer – mit dem Ursprung dieser Tragödie verbunden, die sich niemals wiederholen darf. Wie kann man den deutsch-russischen Faktor zu diesen Zwecken einsetzen?

In diesem Kontext komme ich erneut auf die deutsche Wiedervereinigung zurück, die einen riesigen Beitrag zur Gesundung der europäischen und internationalen Lage geleistet hat. Darauf folgte ein beispielloser Durchbruch in der bilateralen deutsch-russischen Zusammenarbeit in Bereichen wie Politik, Wirtschaft, Wissenschaft und Technik, Kultur, Tourismus, auf dem Gebiet des interregionalen Zusammenwirkens, humanitären und Jugendaustausches, usw.

Gleichzeitig wurde ein Format der Zusammenarbeit gestartet, das gar nicht auffallend war, aber uns wie nichts anderes mehr aneinander näherbrachte. Ich meine die gemeinsame Kriegsgräberfürsorge. In der Bundesrepublik wurde die Instandsetzung und Pflege von 3500 Gedenkstätten und Friedhöfen fortgesetzt, wo nahezu 650 tausend gefallene sowjetische Bürger ruhen. In Russland wurden 22 Friedhöfe eingerichtet, wo sich über 400 tausend Gräberstätten befinden, darunter 14 Sammelfriedhöfe, die bekanntlich noch nicht voll besetzt sind. Die Sucharbeiten laufen übrigens nicht nur in Russland, sondern auch in Deutschland, insbesondere auf den Seelower Höhen. Eine entsprechende Aktion unter Beteiligung junger Rekruten der russischen Armee und der Bundeswehr wurde in diesem Jahr bereits zum 10. Mal durchgeführt.

Zu erwähnen sind auch unsere gemeinsamen Bemühungen im Hinblick auf Wolgograd – das ehemalige Stalingrad. Diese Heldenstadt kennt ohne jeden Zweifel jeder auf diesem Planeten.

Stalingrad wurde zum Symbol der Heiligkeit und des ewigen Ruhms der Helden. Zum Symbol der Tragik und Ungeheuerlichkeit des vergangenen Krieges. Zum Symbol der Trauer und des Gedenkens an Millionen von Gefallenen. Zum Symbol der Wahrheit der Geschichte.

Signifikant ist die gemeinsame Teilnahme der Außenminister Russlands und Deutschlands an den Feierlichkeiten anlässlich des 70. Jahrestages des Sieges über Nazismus gerade in Wolgograd im Mai letzten Jahres. Die gemeinsame Kranzniederlegung auf dem Mamajew-Hügel, ihre Ansprachen vor dem Gedenkkonzert der Symphoniker aus Osnabrück und Wolgograd, der gemeinsame Besuch der Rossoschka-Gedenkstätte für die in der Schlacht um Stalingrad gefallenen sowjetischen und deutschen Soldaten – das alles sind unvergessliche hochemotionelle Momente.

Einen rührenden Eindruck hinterließ die Eröffnungszeremonie der interkonfessionellen „Friedenskapelle“ an der Kriegsgräberstätte Rossoschka im September d.J. Dieses Projekt wurde unter der Schirmherrschaft der beiden Außenminister realisiert.

Ist es denn nicht eine Verkörperung der Gnade und Großzügigkeit, die im Bewusstsein der Russen und Deutschen als Reaktion auf die Tragik, Grausamkeit und Unmenschlichkeit dieses schrecklichen Krieges verankert sind? Anders formuliert, die Verkörperung der Eigenschaften, die, unter anderem, den deutsch-russischen Faktor bestimmen. Ist es denn nicht eine Verkörperung dessen, wozu Joachim Gauck am Ende der von mir schon erwähnten Ansprache am 31. Oktober in Berlin aufgerufen hat? Ich zitiere: „Ihnen wünsche ich, dass sie hier und da Gnade von ihren Mitmenschen erfahren und auch selber gnädig mit anderen umgehen“.

Wie kann man denn diesen deutsch-russischen Faktor so einsetzen, dass es zur Verhinderung von explosionsgefährlichen Situationen führt und insgesamt zur Gesundung der internationalen Lage beiträgt?

Sehr treffend sind in diesem Kontext die Beobachtungen und Feststellungen einer anderen, für diesmal russischen, Persönlichkeit – des Patriarchen von Moskau und der gesamten Rus Kyrill. Nach seiner Auffassung, die in seinem Vortrag auf dem XX. Globalen Russischen Volkskonzil am 1. November d.J. dargelegt wurde, ist heute der radikale Säkularismus neben Terrorismus die größte Bedrohung. Dagegen hilft laut dem Patriarchen die Aufrechterhaltung und der Ausbau des Dialogs, der „Brücken“ zwischen Ost und West. Dafür ist es erforderlich, auf der Grundlage der christlichen  Werte,  einen würdevollen Umgang mit allen Kulturen und Zivilisationen zu gewährleisten, jegliche Versuche auszuschließen, einseitig politische Normen und kulturelle Standards aufzuzwingen, nach gegenseitigem Verständnis und einer für alle vorteilhaften Zusammenarbeit zu streben.

 Diese Botschaften lassen sich wohl kaum bestreiten.

Damit wir, Russen und Deutsche, sowie unsere Partner im Osten und Westen immer den richtigen Weg können, ist es notwendig, eine sichere Quelle für die Bereicherung des Bewusstseins und der Moralität zu haben. Im Grunde genommen ist diese Quelle bereits da und bietet sich als Wallfahrtsort an.

Es handelt sich um den für uns alle heiligen Ort im Dorf Sologubowka bei Sankt Petersburg. Gerade dort entstand, u.a. dank dem anerkennenswerten Beitrag des Volksbundes Deutsche Kriegsgräberfürsorge, ein Sammelfriedhof, vor dessen Eingang eine russische orthodoxe Kirche wiederaufgebaut wurde. Vielen der hier Anwesenden ist es bestimmt bekannt, dass in dieser Gegend während der Kriegsjahre grausame Schlachten zwischen unseren Armeen stattfanden. Die Kirche wurde von der Wehrmacht als Krankenhaus benutzt und beim Rückzug gesprengt.

Heutzutage ist es tatsächlich ein heiliger Ort, wo die Gebote des Gottes sich wirklich spüren lassen. Man denkt unwillkürlich an die Weissagungen aus dem neutestamentlichen Evangelium: „Selig sind, die da Leid tragen; denn sie sollen getröstet werden… Selig sind die Friedfertigen; denn sie werden Gottes Kinder heißen“.

Sologubowka ist ein sichtbares Symbol einer wichtigen Etappe des schwierigen Wegs, den Russland und Deutschland im Namen der Aussöhnung gegangen sind. Eines Weges von Hass und Erbitterung hin zu einem konstruktiven Zusammenwirken. Selbst in der heutigen komplizierten Zeit bleiben unsere Länder einander zugewendet.

Natürlich spielt die politische Konjunktur immer eine Rolle. Natürlich können wir nicht immer alles unter einen gemeinsamen Nenner bringen. Aber – wie der große Politiker und Denker Egon Bahr sagte – man muss die Meinung der Mitmenschen nicht unbedingt akzeptieren, doch man sollte sie zumindest respektieren. Wir alle sollten uns an diese weisen Worte öfter erinnern.

 

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