Harald Braun, Berlin-Brandenburg

Sehr geehrter Herr Botschafter,

als sich der Überfall Deutschlands auf die Sowjetunion am 22. Juni dieses Jahres zum 75.Mal jährte, zogen es die offizielle Politik und ein Großteil der Medien vor , dieses bedeutsame wie tragische Ereignis mit all seinen schrecklichen Folgen für das russische und die anderen Völker der damaligen Sowjetunion mit Schweigen zu übergehen .

Dieses Verhalten finde ich äußerst beschämend und unehrenhaft.

Mein Vater war als Soldat an der sogenannten Ostfront und geriet im Mai 1945 nach der Kapitulation des Kurlandkessels in sowjetische Kriegsgefangenschaft, aus der er 1949 nach Deutschland zurückkam.

Dies war für ihn keine leichte Zeit, aber er hat sich nie negativ über die Sowjetunion und das russische Volk geäußert; im Gegenteil, für ihn war wichtig, daß es zwischen Deutschland und Ihrem Land Frieden , gute Nachbarschaft und Freundschaft gibt.

Ich selbst habe in den 70er Jahren mehrfach Ihr Land besuchen dürfen , und ich weiß , wie wichtig Ihren Landsleuten ein gutes Verhältnis zu Deutschland ist, und daß trotz der furchtbaren Verbrechen, die Deutsche in diesem von Hitler verkündeten Vernichtungskrieg verübten . Unvergeßlich für mich eine zufällige Begegnung 1977 im damaligen Leningrad auf dem Friedhof, auf dem die Blockadeopfer ihre Ruhestätte fanden, mit einer hochaltrigen Einwohnerin, die die Blockade überlebte.

Sie umarmte mich und wünschte, daß Deutsche und Russen für immer Frieden halten mögen. Die EU ist nicht Europa; Europa, das ist auch Rußland .

Ohne Ihre Land und vertrauensvolle, gutnachbarliche Beziehungen zwischen der EU und Rußland wird es kein geeintes, friedliches Europa, frei von geostrategischen Interessen der USA und Säbelrasseln bestimmter Kreise im Westen geben können.

Dieser Einsicht verschließt sich leider eine sich selbst als solche empfindende politische und Medienelite des Westens.

Im Gegenteil. deutsche Politiker und Medien tragen Verantwortung für Sanktionen und Diffamierungen gegenüber Ihrem Land ; dies auch in sublimer Form.

So veröffentlichte die „ZEIT“ in der Rubrik Geschichte am 30.06. dieses Jahres einen Beitrag unter der Überschrift „Ein deutscher Vernichtungskrieg“ , der nicht etwa den Überfall Deutschlands auf die Sowjetunion zum Gegenstand hat, sondern die Schlacht von Königgrätz 1866! Das sind Zynismus , Arroganz und Gewissenlosigkeit in einem .

In Deutschland wird von offizieller Seite sehr oft und ausführlich, in bezug auf andere historische Vorgänge, von Schuld und Verantwortung gesprochen. Gegenüber Ihrem Land soll dies anscheinend nicht mehr gelten.

Es gibt viele Deutsche aus allen Schichten, die dies verurteilen und für ein gutes Verhältnis zu Ihrem Land eintreten.

Ich und meine Frau möchten Ihnen für Rußland und seine Menschen unsere Solidarität und Verbundenheit versichern; auch mit der Hoffnung, daß sich die deutsche Politik wieder einer seit Bismarck bestehenden Linie eines guten , partnerschaftlichen Verhältnisses zwischen Deutschland und Rußland besinnt.

Ihnen wünschen wir weiterhin viel Energie und Erfolg bei der Ausübung Ihrer für unsere beiden Länder wichtigen und verantwortungsvollen Mission.

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