Ansprache des Botschafters Wladimir Grinin vor dem Gedenkkonzert im Berliner Dom, 22. Juni 2016

Sehr geehrter Herr Bundesratspräsident Tilllich,

Sehr geehrter Herr Dr. Faigle,

Sehr geehrte Damen und Herren,

viele hier heute Anwesende sind direkte Nachfolger von denjenigen, die sich vor 75 Jahren in einen schrecklichen Kampf um Leben und Tod stürzten und somit zu Erzfeinden wurden. Die einen –weil sie sich selbst und ihre Heimat verteidigten. Die anderen – weil sie unter den Einfluss bzw. in den Bann der Rassentheorie gerieten, deren Ziel die Vernichtung ganzer Völker war.

Die Welt, die Menschheit fanden sich damals am Rande einer Katastrophe. Es ist das Gedenken an einen fürchterlichen Gedenktag.

Die Katastrophe konnte zum Glück verhindert werden. Dank dem Heldenmut des sowjetischen Volkes, das nicht nur sein Heimatland rettete, sondern sich auch für andere Völker aufopferte. Dank dem Sieg der Vernunft, die eine ganze Reihe von Staaten bewegte, im Interesse der Welt und der Menschheit alle ideologischen Unterschiede mit der Sowjetunion auszulassen und mit ihr eine einheitliche Front zu bilden. Unter den Opfern der Nazi-Aggression waren Vertreter vieler Völker und Volksgruppen der Sowjetunion.

 Am meisten kriegten es natürlich diejenigen ab, die direkt an den Kämpfen teilnahmen bzw. sich in der Kampfzone fanden – Russen, Ukrainer, Weissrussen, die Völker des Kaukasus, Tataren, Juden. 27 Millionen Tote, zahllose Verletze, die meisten von denen heute auch nicht mehr mit uns sind. Wir werden ihr Andenken in Ehren halten.

Zugleich sind wir uns bewusst, dass dieser Krieg auch Deutschen sehr viel gekostet hat. Es ist eine bedauerliche Tatsache, aber eben all die Menschen die sich bereit erklärten, sich zu opfern, wobei in einem immensen Ausmaß, uns bei weitem nicht fremd waren.

Lange vor jener schrecklichen Tragödie passierte sehr Vieles, was uns näher aneinander brachte und im Gewissen Sinne zu Verwandten machte. Auch das wurde nicht vergessen, blieb im Bewusstsein und kehrte dadurch allmählich in die Herzen zurück. An dieser Stelle möchte ich wieder tief bewegende Worte des großen russischen Schriftstellers Daniil Granin zitieren, der den ganzen Krieg durchmachte. Am 27. Januar 2014 sagte er in seiner Rede im Bundestag, dass der Hass in eine Sackgasse führt und keine Zukunft hat. Man muss vergeben können, aber darf auch nichts vergessen.

In einem seiner Essays schrieb er: «Jedoch starb bei all den Grauen der Kriegsjahre, der KZs, des Terrors die Barmherzigkeit nicht aus, es wächst das Verständnis, dass diese Brutalität unzulässig ist, die Sehnsucht nach der Menschlichkeit wächst, immer öfter offenbaren sich der gegenseitige Beistand und das Mitleid. Das Derivativ des Guten ist positiv».

Seine Botschaft, gibt, unter anderem, deutlich zu verstehen, wie und warum die Wiedervereinigung Deutschlands eines Tages zustande kam.

Nicht zu unterschätzen ist auch, dass die gemeinsame Kriegsgräberfürsorge in Deutschland und Russland erlaubte, das gegenseitige Vertrauen und die Versöhnung zu erwecken und zu stärken.

Die Nichtzulassung einer Erosion von all dem, was uns verbindet und vom Verfallen in schädliche Illusionen und feindlichen Fanatismus abhält, ist nur dann möglich, wenn wir die Gegenkultur und die Instinkte bewahren, die nach der schrecklichen Tragödie des Zweiten Weltkriegs entstanden sind, wenn wir diese Tugenden nachhaltig an die Jugend weitergeben.

In diesem Zusammenhang scheinen mir die Aussagen aus der Rede des großen deutschen Politikers Richard von Weizsäcker am 8. Mai 1985 vor dem Bundestag wie nie zuvor aktuell zu sein.

Er wandte sich an die Jugend mit folgender Botschaft: «Lassen Sie sich nicht hineintreiben in Feindschaft und Hass gegen andere Menschen, gegen Russen oder Amerikaner, gegen Juden oder Türken, gegen Alternative oder Konservative, gegen Schwarz oder Weiß. Lernen Sie, miteinander zu leben, nicht gegeneinander.»

Der Inhalt dieser Worte entspricht voll und ganz der Weltanschauung unseres Volkes im heutigen Russland, das offene, gleichberechtigte, gutnachbarschaftliche Beziehungen aufbauen und im Frieden leben will.

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