Interview des Botschafters Wladimir Grinin für „Neues Deutschland“

Herr Botschafter, es heißt, in Russland gibt es keine Familie, die nicht vom Großen Vaterländischen Krieg in der einen oder anderen Weise berührt worden ist, Opfer zu beklagen hatte. Ist dem so? Und inwieweit betraf dies auch Ihre Familie? Welcher Einschnitt bedeutete der 22. Juni 1941 für Sie?

Der Große Vaterländische Krieg wurde in der Tat zu einer undenkbaren menschlichen Tragödie für unser Land. Er hat uns 27 Millionen Menschenleben abverlangt. Man kann sich da wohl kaum vorstellen, dass einige Familien, geschweige denn Verwandtschaftsbande, davon nicht betroffen waren.

Mein Vater machte den ganzen Krieg mit, meine Großmutter arbeitete an der Arbeitsfront, unter anderem bei der Holzbeschaffung. Der Großvater von meiner Ehefrau nahm am Krieg teil, ihr Vater kämpfte um Stalingrad, Wien und Prag.

Wie stark ist die Erinnerung an den vierjährigen Kampf gegen die deutsch-faschistischen Aggressoren aber noch im öffentlichen Bewusstsein in Russland? Interessiert sich die Jugend von heute noch für den damaligen Heldenmut?

Nach meiner Auffassung wurde eine sehr überzeugende und anschauliche Antwort auf diese Frage am 9. Mai des vergangenen Jahres gegeben – zum 70. Jahrestag des Sieges. Damals marschierte in verschiedenen Städten Russlands, allen voran in der Hauptstadt, das »Unsterbliche Regiment«, eine Initiative, die bereits 2012 in Tomsk entstanden war. Obwohl ich diese Gedenkaktion lediglich in Berlin am Fernseher verfolgen konnte, war ich geradezu erstaunt über deren Ausmaß und Offenherzigkeit. Zu erleben war ein Ausbruch menschlicher Gefühle, Trauer, Freude und Stolz, der Männer und Frauen, Kinder, Jugendliche und Veteranen vereinte. Es war ein endloser Strom von Menschen, die Fotos von ihren Verwandten hochhielten, die das Vaterland vor der Versklavung durch den Faschismus gerettet hatten.

Ähnliche Aktionen zum Tag des Sieges fanden ebenso dieses Jahr an vielen Orten statt – und zu unserer Genugtuung auch in Deutschland, beispielsweise in Berlin.

Wird der »Große Vaterländische Krieg« vor einem Dreiviertel Jahrhundert noch als gemeinsamer Kampf des russischen, belorussischen, ukrainischen, baltischen und anderer ehemaliger Sowjetvölker wahrgenommen?

Zweifellos. An diesen Feier- und Gedenkzügen haben Vertreter unterschiedlichster Nationen und ethnischer Gruppen teilgenommen, einschließlich derer, die Sie erwähnten. In Moskau lebten zu allen Zeiten Bürger ganz unterschiedlicher nationaler und ethnischer Herkunft. Inzwischen ist diese Vielfalt der Hauptstädter sogar noch viel größer geworden. Deswegen hat der Begriff »Vaterland« im Bewusstsein meiner Landsleute heute eine eher ethisch-philosophische als eine politische Färbung.

Trägt Deutschland Ihrer Meinung nach wegen der ungeheuren Verbrechen, die Deutsche 1941 bis 1944 in dem von ihnen okkupierten Territorien der Sowjetunion begingen, eine ewige Schuld gegenüber Russland? Und wenn ja, wie sollte diese abgegolten werden?

Selbstverständlich haben die schreckliche Tragödie in meinem Land, das fürchterliche Leiden und die immensen Verluste im Krieg eine tiefe Spur im Bewusstsein der Völker Russlands hinterlassen. Aber es ist mir nicht bewusst, dass daraus jemals eine ewige Schuld Deutschlands gegenüber Russland abgeleitet und behauptet worden wäre. Hier geht es nicht nur um politische Anweisungen Stalins, der 1942 in seinem Aufruf zur Zerschlagung der faschistischen Besatzer sagte: »Die Hitler kommen und gehen, aber das deutsche Volk bleibt.« Er gab damit kund, was für uns offensichtlich war und ist und auch nicht geleugnet wird – weil man die jahrhundertelange Geschichte Deutschlands und die der zahlreichen deutschen Einwanderer und Emigranten in Russland kennt, ihren Fleiß und ihre Kultur schätzt und um die Bedeutung der Zusammenarbeit mit der deutschen Wissenschaft und Wirtschaft weiß und an ihr großes Interesse hat.

Was sich aber besonders tief ins Bewusstsein meiner Landsleute einprägte, ist die Überzeugung, auf keinen Fall zuzulassen, dass die weltweite Katastrophe vor 75 Jahren vergessen wird und die Menschheit wieder zufällig oder unwissentlich in den Bann des Wahnsinns, in den Bann menschenverachtender Ideologien gerät.

In der ersten Nachkriegszeit waren die Deutschen – gelinde gesagt – nicht sehr gut angesehen in der russischen Bevölkerung: Dem »Fritz« war nicht zu trauen. Wie ist es um das Bild der Deutschen heute in Russland angesichts der Spannungen und Konfrontationen bestellt?

Soweit ich das einschätzen kann, war die Einstellung zu den Deutschen im Russland der ersten Nachkriegsjahre tatsächlich von einigem Misstrauen geprägt, aber im Wesentlichen doch sehr differenziert. Sonst hätte es keine DDR gegeben. Sonst hätten einige von denjenigen Westdeutschen, die bei uns in der Gefangenschaft waren, mit mir wohl kaum so einen freundschaftlichen Umgang gepflegt, wie sie es taten, als ich in den 70er Jahren in der Bundesrepublik Deutschland arbeitete.

Jedenfalls gab es keine Ablehnung oder gar Feindschaft gegenüber der deutschen Nation unsererseits, keine Verachtung gegenüber Deutschen und allem Deutschen. Dies bildete dann ja auch die Grundlage dafür, sich um die Wiederherstellung gegenseitigen Verständnisses und Vertrauens auch mit der Bundesrepublik Deutschland zu bemühen.

Die Neue Ostpolitik des sozialdemokratischen Kanzlers Willy Brandt und seines Mitstreiters, des kürzlich verstorbenen Egon Bahr, des Architekten der Entspannungspolitik.

Eine richtige »Explosion« der gegenseitigen Sympathien erfolgte mit der Wiedervereinigung Deutschlands, die faktisch durch Russland initiiert wurde. Dank einer blitzschnellen Entwicklung der gegenseitigen Zusammenarbeit in Politik, Wirtschaft, Kultur und im gesellschaftlich-humanitären Zusammenwirken sind wir so weit gekommen, dass in einigen Fällen die vereinigten Deutschen in Russland als Partner und sogar Freunde betrachtet wurden. Aber nach der bekannten Zuspitzung der Beziehungen zum Westen, wo Deutschland eine führende Rolle spielt, wurde die Einstellung zu den Deutschen in Russland wieder getrübt. Laut den Umfragen des Lewada-Zentrums betrachteten im vergangenen Jahr nur zwei Prozent aller befragten Russen Deutschland noch als ein befreundetes Land.

Oh je!

Man sollte meiner Meinung nach entsprechende Konsequenzen daraus ziehen.

Die deutsche Wirtschaft stöhnt unter der Sanktionspolitik der EU. Die russische Wirtschaft auch?

Unter den Sanktionen, die unsere westlichen Partner gegen uns beschlossen haben und auch durchführen, leidet in der Tat nicht nur Russland, sondern auch der Westen selbst. So schrumpfte das deutsch-russische Handelsvolumen von 80 Milliarden Euro im Rekordjahr 2013 auf ca. 51 Milliarden Euro 2015. Und diese negative Tendenz hält leider an. Wir hatten so viele gemeinsame Initiativen und Projekte, die heute auf die lange Bank geschoben oder gar aufgehoben wurden!

Ich bin auf Daten der Europäischen Kommission gestoßen, aus denen hervorgeht, dass die Gesamtverluste der EU-Mitgliedstaaten im Zusammenhang mit der Sanktionskonfrontation gegenüber Russland sich jährlich sogar auf etwa 40 bis 50 Milliarden Euro belaufen.

Und was sagen die Daten in Ihrer Heimat aus?

Was die Verluste Russlands angeht, so spielen neben den Sanktionen auch andere ungünstige Umstände eine gewisse Rolle. Sie zeigen sich vor allem im präzedenzlosen Preisverfall für Erdöl und Nichtrohstoffwaren sowie in der Verlangsamung des Weltwirtschaftswachstums und der Verringerung der globalen Nachfrage. Im Ergebnis schrumpfte das BIP Russlands 2015 um 3,7 Prozent, die Industrieproduktion um 3,4 Prozent. Die Inflation stieg dagegen auf 12,9 Prozent an.

Das ist heftig.

Es scheint, dass der Preis für Erdöl, Gas und Nichtrohstoffwaren auf Dauer ungünstig bleibt. Für uns bedeutet das, dass wir unser Überlebensmodell an die neuen Bedingungen anpassen müssen. Das setzt seinerseits voraus, dass wir uns mehr auf eigene Kräfte verlassen müssen, sowohl bei der Finanzierung als auch bei der Produktion, z. B. in Form der Importsubstitution.

Wir haben aber auch einige ermutigende Ergebnisse zu verzeichnen. Wir registrierten einen dreiprozentigen Zuwachs in der Landwirtschaft und Industrieproduktion. Um mehr als das Doppelte haben die Gewinne im Forschungs- und Entwicklungsbereich zugenommen, um fast das Dreifache in der Verarbeitungsindustrie, im Chemiebereich sogar das Fünfzehnfache! Im Ergebnis beobachten wir seit Mitte 2015 eine monatliche Tendenz hin zur Verlangsamung des wirtschaftlichen Rückgangs. Unsere Experten gehen von einer positiven Dynamik des BIP-Zuwachses zum Ende des 3. Quartals dieses Jahres aus.

War oder ist die Versorgungslage der Bevölkerung der Russischen Föderation durch die ausbleibenden Westimporte akut gefährdet?

Die Bevölkerung spürt heute zwar einen gewissen Druck wegen des Preisanstiegs, aber es gibt keine Probleme mit der Versorgung, und die Atmosphäre in der Gesellschaft ist in diesem Sinne im Großen und Ganzen in Ordnung.

Kann es ein Zurück zu Rapallo 1922 geben, als Deutschland und Sowjetrussland – zwei gleichermaßen von den anderen europäischen Mächten isolierte Staaten – diplomatische, wirtschaftliche und sogar militärische Beziehungen aufnahmen?

Wenn wir die konkreten Zielsetzungen der damaligen Zeit hier mal beiseite lassen, dann scheint ein solches Herangehen oder Aufeinanderzugehen im gewissen Sinne herangereift zu sein. Der Vertrag von Rapallo ist eines der diplomatischen Meisterwerke der Geschichte. In der heutigen hochturbulenten Situation kann man nur mit Hilfe der Diplomatie einen Ausweg finden. Ein intensiver und konstruktiver Dialog und das Zusammenwirken zwischen Russland und Deutschland, die ja beide in die moderne Weltpolitik stark involviert sind und von deren Beziehungen immer schon viel in der Weltgeschichte abhing, sind heute, aus meiner Sicht, sehr gefragt.

Es wird sich wohl nicht mehr eindeutig klären lassen, wer wem was 1990 versprochen hat – also, ob die Nichtausweitung der NATO gen Osten von westlicher Seite verbindlich zugesichert worden ist oder nicht. Schto djelat? Was ist zu tun? Ist die strategische Partnerschaft zwischen der NATO und Russland obsolet, für immer zerbrochen?

Dass nicht alle seinerzeit Beteiligten heute ihre damaligen Versprechungen zugeben und eingestehen möchten, ist eine traurige Tatsache. Genauso versucht man, außer Acht zu lassen, dass kurz nach der Wende das Denken in Einflusssphären auf der westlichen Seite wieder die Oberhand errang und zur politischen Doktrin wurde. Sehr anschaulich ist in diesem Kontext die Äußerung des Mitgestalters der deutschen Einheit, Hans-Dietrich Genscher. Er wollte die Teilung Europas überwinden, aber nicht die Teilungslinie gen Osten verschieben.

Deswegen würde ich in Beantwortung Ihrer Frage »Was tun?« Folgendes sagen: Man muss die Denkweise ändern, Größenwahn abschwören und Russlands Vorschlägen Gehör schenken. Denn wir rufen seit langem zur Bildung eines gemeinsamen unteilbaren Sicherheitssystems im euroatlantischen Raum auf. Dann wird alles, wovon Sie reden, funktionieren.

Gibt es ernsthafte Bedrohungsängste in Russland wegen der politischen Eiszeit zur Europäischen Union und der NATO-Manöver in Polen etc.?

Wir haben keine Angst, sondern stellen nüchtern fest, dass die NATO nicht davon ablässt, ihre militärische Präsenz und ihre Aktivitäten an unseren Grenzen unaufhaltsam weiter auszubauen. Sie versucht das mit Gedankenspielen zu rechtfertigen, bei denen man – wie wir in Russland sagen – nicht weiß, ob man lachen oder weinen soll. Ich denke beispielsweise an die Militärübungen »Anakonda« in Polen, die eindeutig das Heranrücken der NATO-Militärinfrastruktur an unsere Grenzen zum Ziel hat. Ganz zu schweigen von der Stationierung von Komponenten des Raketenabwehrsystems in Rumänien und Polen. Natürlich lassen wir das nicht unbeantwortet. Aber das werden ausschließlich Gegenmaßnahmen sein.

Im Übrigen sind wir über die gegenwärtige Atmosphäre in unseren Beziehungen sowohl zur NATO als auch zur Europäischen Union natürlich ganz und gar nicht erfreut. Wir hoffen, dass die Vernunft siegen wird. Wir hoffen, dass den Aussagen deutscher Politiker, laut denen es unmöglich sei, normale Lebensbedingungen in Europa ohne Russland zu schaffen, auch konkrete Handlungen folgen werden.

Aber warum dürfen aus Moskauer Sicht – wie es sich nach deutscher Berichterstattung und Klagen etwa aus der Ukraine darstellt – Anrainerstaaten von Russland nicht Mitglieder der Europäischen Union werden?

Russland hatte nie etwas gegen den Beitritt unserer Nachbarn in die Europäische Union. Was wir niemals wollten und bis heute nicht wollen, ist, dass die NATO sich auf ihre Kosten erweitert.

Wie wertet man in Ihrer Heimat den drohenden, kollektiven Ausschluss russischer Olympioniken von den Olympischen Sommerspielen in Brasilien?

Ich möchte hoffen, dass auch hier nicht die Politik, sondern der gesunde Menschenverstand triumphiert, das Recht und der Humanismus Oberhand gewinnen.

Die neben Peter dem Großen eindrucksvollste dynastische Gestalt auf russischem Thron war Katharina die Große, eine deutsche Prinzessin. Sie holte deutsche Handwerker, Künstler, Gelehrte nach Russland. Und in respektvoller Erinnerung von betagteren Deutschen sind noch heute die Kulturoffiziere der Sowjetischen Militäradministration, die Gedichte von Heinrich Heine und Johann Wolfgang von Goethe auswendig rezitieren konnten. Hat mit den Verstimmungen der letzten Jahre das Ansehen von und das Interesse an deutscher Fertigkeit, deutscher Wissenschaft und Kultur in Russland gelitten?

Eher nicht. Im Gegenteil, in der letzten Zeit beobachten wir ein steigendes Interesse bei uns an all diesen charakteristischen Merkmalen der Deutschen, an deren kulturelle Errungenschaften in der Vergangenheit wie auch in der Gegenwart. Zwar kann ich diesen Trend bei uns momentan nur aus der Ferne, von Berlin aus verfolgen. Dafür kann ich aber zugleich eine stärkere Tendenz hierzulande, ein gestiegenes Interesse und eine wachsende Bereitschaft der Deutschen feststellen, das Zusammenwirken in allen Bereichen wieder zu intensivieren.

In Hamburg wird beispielsweise derzeit der Europäische Röntgenlicht-Freie-Elektronen-Laser, European XFEL, gebaut. Russlands Anteil daran beträgt 27 Prozent, die restlichen ausländischen Teilnehmer übernehmen ein bis drei Prozent. Der größte lebende russische Musiker, Waleri Gergijew, ist Chefdirigent der Münchener Philharmoniker. Und ein weiterer herausragender Landsmann, Tugan Sochijev, leitet das Deutsche Symphonie Orchester.

Vor ein paar Wochen wurden auf einer Kulturveranstaltung in der Botschaft Fragmente aus Gedichten des großen russischen Dichters Alexander Puschkin in einer atemberaubenden Übersetzung auf Deutsch gelesen. Von der Melodie her unterschied sich diese Übersetzung so gut wie gar nicht von der russischen Originalvariante.

Also bleibt uns die Hoffnung, dass letztlich wieder alles gut wird?

Ich denke, mit solchen Initiativen, sind wir auf dem richtigen Weg – wobei eine gesteigerte Dynamik durchaus wünschenswert wäre. Einzelne Etappenziele können uns schon helfen, aus der heutigen komplizierten Situation herauszukommen. Wir dürfen aber nicht vergessen, auch die jüngere Generation heranzuziehen, sie mit einzubeziehen. Das am 9. Juni gestartete deutsch-russische Jahr des Jugendaustauschs wird in diesem Sinne äußerst nützlich sein.

Quelle: Neues Deutschland

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