Rede von Sergey Lawrow während des Treffens mit Studierenden und Dozenten des MGIMO-Instituts

Sehr geehrter Herr Torkunow,

sehr geehrter Herr Baschanow,

meine Kollegen, meine Freunde,

ich freue mich sehr, Sie bei unserem traditionellen Treffen begrüßen zu dürfen, das am Anfang des Studienjahres stattfindet. Im vergangenen Jahr hat die Moskauer Staatliche Hochschule für internationale Beziehungen ihr 70-jähriges Jubiläum begangen, und damit hat eine neue Phase ihrer Entwicklung als allgemein anerkanntes Forschungs- und Bildungszentrum auf dem Gebiet internationale Beziehungen begonnen, in dem die Reife und Nachhaltigkeit mit der Dynamik und dem Drang nach der Selbstvervollkommnung kombiniert sind, was nicht nur die gesamte Hochschule, sondern auch jeden von Ihnen entsprechend charakterisiert.

In einer feierlichen Versammlung anlässlich des Jubiläums der MGIMO vor einem Jahr hatte Präsident Wladimir Putin die Aktivitäten der Universität als Kaderschmiede für die russische Diplomatie und damit verwandte Gebiete hoch geschätzt und als eines der „Flaggschiffe“ des russischen Bildungswesens sowie als aktiven Teilnehmer – neben der Diplomatischen Akademie Russlands – des Prozesses der Entwicklung von staatlichen Beschlüssen im außenpolitischen Bereich bezeichnet.

Der Präsident verwies damals darauf, dass die MGIMO etliche russische akademische Schulen vereinige, darunter auf Gebieten Landeskunde und Linguistik. Ich darf erinnern, dass die MGIMO nicht nur über die Forschungstraditionen, sondern auch über pädagogische Kader und die einmalige Bibliothek der Moskauer Hochschule für Orientalistik verfügt, die ihrerseits quasi die Nachfolgerin des Instituts für orientalische Sprachen „Iwan Lasarew“ ist. Deshalb kann man sagen (wenn man die Geschichte der MGIMO aus dieser Sicht betrachtet), dass die Traditionen der Universität bei der Ausbildung von Experten für internationale Beziehungen viel länger als 70 Jahre zählen und ihre Wurzeln ausgerechnet in der „Lasarew“-Hochschule haben. Diese begeht in diesem Jahr ihr 200-jähriges Jubiläum. Deshalb können Sie, Herr Torkunow, wohl auch ein neues Datum erwägen, das begangen werden sollte.

Heutzutage sind die Erfahrungen und das Potenzial der MGIMO gefragt wie nie zuvor. Ich habe schon öfter gesagt: Trotz jeglicher „digitalen Revolutionen“ ist die Fähigkeit, Gespräche zu führen, die Kultur von hochprofessionellen Verhandlungen zwecks Suche nach Kompromissen, und zwar nicht per E-Mail, sondern bei Vier-Augen-Gesprächen – das ist heute gefragt wie nie zuvor. Persönliche Kontakte haben eine außerordentliche Bedeutung. Das lernt man in der Familie, um unter anderen Menschen normal zu leben. An der MGIMO kann man lernen, wie man verhandeln kann, wie man seinen Gesprächspartner verstehen kann, wie diese Fähigkeiten im Berufsleben anzuwenden sind, egal ob es sich dabei um Diplomatie, Journalistik oder Business handelt, darunter auf internationaler Ebene. Wenn wir uns einmal an die Geschichte der europäischen Diplomatie erinnern, dann können wir feststellen, dass im gesamten 19. und im größten Teil des 20. Jahrhunderts diverse Koalitionen und militärische Allianzen gebildet wurden, die einander widerstanden. Jetzt brauchen wir solche Eigenschaften, die uns die Bildung eines neuen internationalen Systems in allen Aspekten – im politischen, wirtschaftlichen und humanitären – gestatten würden, aber nicht nach katastrophalen Militärkonflikten, sondern nach einer harten diplomatischen Arbeit auf Basis einer echten Partnerschaft.  Dabei sollten wir allerdings keine Illusionen haben, dass die Welt bereits eine transparente Wahl zwischen der Logik der Zusammenarbeit und Berücksichtigung der gegenseitigen Interessen auf der einen Seite und den Konzeptionen zur Sicherung der eigenen Überlegenheit mit allen möglichen, darunter mit gewaltsamen, Methoden auf der anderen Seite getroffen hat. Natürlich nicht.

Wir sind darüber besorgt, dass ein Vierteljahrhundert nach dem Fall der Berliner Mauer immer noch die Philosophie zur Bildung von Hürden und Sperren im Interesse der eigenen einseitigen Präferenzen herrscht, wobei die jeweiligen Länder damit rechnen, eine Situation zu provozieren, in der sie Prozesse in anderen Ländern kontrollieren und sich gleichzeitig gegen eine negative Einwirkung von außerhalb wehren könnten. Wenn wir in einem solchen Fall die weitere Entwicklung von solchen Tendenzen zulassen, werden wir auf die Perspektive stoßen, dass der Trend zur Vertiefung der gegenseitigen Abhängigkeit der modernen Welt, der bereits unumkehrbar zu sein schien, doch zurückgeht.

Meines Erachtens sind die Globalisierungsprozesse, die von der weiteren sehr intensiven Entwicklung von Technologien angespornt werden, inzwischen dermaßen weit gegangen, dass man kaum noch damit rechnen darf, sich von globalen Problemen mit diversen Mauern, Zäunen (egal ob sie real oder nur virtuell bzw. ideologisch sind) absperren kann, die unter anderem die Entwicklung einer gleichen und unteilbaren Sicherheit in Europa behindern. Es wird wohl auch weiterhin die Versuche geben, anderen Völkern, Kulturen und Zivilisationen gewisse Ansichten und Werte von außen aufzuzwingen. Das ruft in der ganzen Welt Sorgen hervor. Vor kurzem hat die britische Zeitung „Guardian“ interessante Statistiken bzw. Analysenergebnisse angeführt: Ihr zufolge haben inzwischen etwa 100 Staaten Schritte unternommen, die ihre inneren Angelegenheiten auf diese oder jene Weise vor einer aktiven Einmischung seitens von ausländischen bzw. von außerhalb kontrollierten Strukturen bzw. Organisationen schützen.

Von unserer Seite ist der Rezept zur Überwindung von negativen Tendenzen, die mit Meinungsverschiedenheiten, Missverständnissen zwischen den Menschen zusammenhängen, die verschiedene zivilisatorische Bereiche vertreten, ziemlich einfach. Man sollte nicht mit Worten, sondern mit Taten die internationalen Beziehungen auf Grundlage der Prinzipien ändern, die im UN-Statut vorgesehen sind – Gleichberechtigung, Gleichheit, gegenseitiger Respekt, Nicht-Einmischung in innere Angelegenheiten, friedliche Regelung der Streitigkeiten. Wenn alle Länder dieser Welt diesen Prinzipien folgen, braucht man sich kaum mit Diskussionen darüber befassen, ob ein neuer Kalter Krieg begonnen hat oder nicht u.a.

Inzwischen rief ein Politiker, der viel zum Überwinden des Kalten Krieges getan hat, der ehemalige deutsche Außenminister Hans-Dieter Genscher, vor einigen Tagen in einem Interview dazu auf, sich Gedanken darüber zu machen, was die Europäer bei der Beendigung der bipolaren Konfrontation erreichen wollten – die Teilung Europas zu beenden oder aber die Grenze zu ihrem Gunsten zu verschieben, die Europa trennte?

Wie Sie wissen, wenn Sie sich für Außenpolitik Russlands interessieren, verteidigen wir kontinuierlich nicht die Trennung, sondern die Vereinigung verschiedener Prozesse, darunter Integrationsprojekte. Wir richten uns nach diesen Prinzipien, wenn wir die Eurasische Wirtschaftsunion entwickeln, unterstützen die bekannte Initiative zur Anbindung des Eurasischen  Wirtschaftsprojekts an das Projekt der Volksrepublik China, des so genannten Wirtschaftsgürtels der Seidenstraße. Wir richten uns nach denselben Prinzipien bei der Entwicklung von SOZ, BRICS und unserer Initiative, die auf Harmonisierung der Integrationsprozesse in Europa und Eurasien gezielt ist. Das ist eine alte Initiative. Unsere westlichen Kollegen betrachteten sie lange gleichgültig, in der letzten Zeit zeigen sie Interesse, doch bislang waren es nur  Worte.

Wir sind im Ganzen dafür, auf engstirnige egoistische Einschätzungen zu verzichten und sich an die Suche nach den wichtigsten Herausforderungen der heutigen Zeit zu machen.

Die heutige Entfremdung der großen Staaten könne zu schlimmen Folgen führen. Zunehmend mehr ernsthaftere Politiker und Forscher geben zu, dass das Wachstum der Terrorgefahr die größte Gefahr für den Wohlstand der Staaten in verschiedenen Regionen ist. Sie sehen, was die Extremisten des so genannten „Islamischen Staates“ machen, welche barbarische Verbrechen sie begehen, auf das Vertreiben derjenigen setzen, die ihre Ideologie des Rechtsextremismus nicht annehmen. Die Zerstörung der kulturhistorischen Denkmäler im Irak und vor kurzem im syrischen Palmyra zeigen, dass diese Menschen nicht einfach nach Macht auf riesengroßen Gebieten streben, sondern auch das Fundament der gesamten humanen Kultur absichtlich untergraben. Ich denke, dass in dieser Situation sehr aktuell die Aufgabe zum Schutz der kulturellen Werte auf Grundlage der UN-Konvention 1954 ist. Ich denke, wir sollten in UNESCO konkrete Schritte zur Sicherung solcher Position der internationalen Gemeinschaft durcharbeiten.

Wir schätzen sehr hoch den Beitrag der MGIMO, der Diplomatischen Akademie des Außenministeriums Russlands zur Entwicklung der internationalen Wissenschaftskontakte, das Zusammenwirken zwischen den Hochschulen verschiedener Länder. Im Oktober findet auf Basis von MGIMO der Globale BRICS-Universitätsgipfel statt, bei dem Dutzende Veranstaltungen, Seminare, Plenarsitzungen stattfinden.

Es ist für uns angenehm, dass die vor kurzem geschaffene Tradition zur Durchführung der internationalen Foren der MGIMO-Absolventen fortgesetzt wird. Das erste Forum fand in Baku statt, das zweite im vergangenen Jahr in Moskau. Das dritte Forum soll in diesem Jahr in Jerewan stattfinden. Ich bin davon überzeugt, dass auch die Länder des fernen Auslands Interesse daran zeigen werden, dass bei ihnen ebenfalls solche Foren der MGIMO-Absolventen organisiert werden.

Zum Schluss möchte ich betonen, dass der Rektor von MGIMO Anatoli Torkunow vor einigen Tagen 65 Jahre alt wurde. Ich möchte ihm noch einmal zum Geburtstag gratulieren. Herr Torkunow leistete einen enormen Beitrag zur Entwicklung unserer Alma Mater und führt die Universität weiterhin zu neuen Erfolgen unter den heutigen Bedingungen mit der für ihn typischen Zielstrebigkeit, Professionalismus. Gratulation, dass Sie solch einen erfahrenen und für junge Menschen verständlichen Leiter haben.

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