Christian Winckler, Bayreuth

Heute schreibe ich Ihnen, weil ich mich bedanken möchte, beim russischen Volk, beim russischen Staat.

Wenn man neunzig Jahre alt wurde, denkt man zurück und erinnert sich was einem in all den Jahren widerfahren ist. Dabei konnte ich feststellen, dass ich doch wirklich sehr viel Glück hatte. Nach einer schweren Verwundung in Italien, lag ich fünf Monate im Lazarett und war nicht an der Front. Bei meinem ersten Einsatz am 5. Februar, bei Schwedt/Oder, wurde ich einem Spähtrupp gleich wieder verwundet und von der Roten Armee gefangen genommen.

Ganz anders als von den damaligen Machthabern propagiert, wurde ich von dem sowjetischen Soldaten gut behandelt. Sofort wurden meine blutenden Wunden verbunden. Auf dem Weg ins Hinterland bekam ich die Mütze von einem gefallen Russen, denn ich hatte ja keinen Stahlhelm mehr. Im Lager wurde mir von einer russischen Ärztin die MG-Kugel aus der Schulter operiert. Mehrere Tage lag ich im Lager-Lazarett. Nach der Kapitulation am 8. Mai, ging es leider nicht nachhause, sondern nach Perwoi Uralsk.

Es war keine leichte Zeit. Harte Arbeit bei ungewohntem Klima und schmaler Kost. So wurde ich von der Ärztekommission, die alle Vierteljahre ins Lager kam, sehr schnell von der Kategorie 1 auf die 3 zurück gestuft. Das heißt die Schwere der Arbeit wurde erheblich reduziert. Es war wohl nach einem dreiviertel Jahr, als ich wegen meiner Größe über 1,90 Meter, eine zusätzliche Portion Kasch bekam.

Doch es half nichts gegen meine weitere Entkräftung. Durch eine weitere Herabstufung brauchte ich dann gar nicht mehr zur Arbeit ausrücken, und versah nur leichte Arbeit im Lager. Ein vereiterter Zahn wurde gezogen, eine eitrige Entzündung am Schienbein wurde operiert, und wegen meinen Herzproblemen (Endocarditis) lag ich oft wochenlang im Lagerlazarett.

Es war dann im Dezember 1947 als ich mit vier anderen Kameraden, aus dem Lager von 1000 Mann entlassen wurde. In all der Zeit als Kriegsgefangener hatte ich nie Probleme mit einem Russen, sei es Soldat, Wachpersonal, oder Zivilist. Letztere haben uns bei Außenarbeiten manchmal sogar heimlich Obst oder Brot zugesteckt. Und das alles, obwohl wir Deutschen Ihrem Land so viel Schaden und Leid zugefügt haben.

Viele, viele Jahre später war ich mit meiner Frau in Petersburg und bekam dort auch mit der Bevölkerung in Kontakt. Nie haben wir irgendwelche Ressentiments gegen uns gespürt, waren im Gegenteil überrascht von der Gastfreund­lichkeit. Und das in Petersburg, der Stadt die im Krieg so viel unter den Deutschen gelitten hat.

Es war mir jetzt einfach ein Bedürfnis, Ihnen meine Gedanken mitzuteilen und auf diese Weise meinen besonderen Dank zu sagen. Dabei tut es mir besonders weh, wenn unsere Politiker es einfach nicht schaffen, dass unsere Völker in Freundschaft und Frieden leben können. Wir sollten doch wirklich mit dem nahen Russland enger Zusammen leben, als mit dem fernen Amerika.

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