Ansprache des Botschafters Wladimir Grinin auf den Gedenkveranstaltung in Lübben

Sehr geehrter Herr Innenminister Schröter,

Sehr geehrter Herr Bürgermeister Kolan,

meine Damen und Herren,

liebe Freunde!

Zunächst möchte ich den Organisatoren dieser durchaus symbolischen Veranstaltung danken, zu der wir alle versammelt sind. Es ist für uns alle ein bewegender Moment. Heute gedenken wir der Menschen, die Ihre Heimat und ganz Europa vom Nazismus befreit haben. Durch ihre Opfer eröffneten sie uns allen die Chance auf Frieden und Freiheit. In Dankbarkeit und ehrendem Gedenken verneigen wir uns heute vor ihnen.

Für mein Land ist dieses Gedenken sehr wichtig und ragt bis in den heutigen Tag hinein. Von Jahr zu Jahr weitet sich der zeitliche Abstand von dem damaligen Krieg zwar immer mehr aus. Doch die Erinnerung lebt weiter. Denn zu groß waren Zerstörung und Leid, die über die Völker der Sowjetunion gebracht wurden. Mit 27 Millionen Toten hat die UdSSR den größten Blutzoll für den Sieg und die Befreiung bezahlt. Diese Opfer sind nicht zu vergessen. Das Gedenken an sie muss Bestandteil unseres Bewusstseins, unseres Gewissens, unserer Gegenwart und Zukunft bleiben.

Und genau darum geht es mir bei der heutigen Gedenkveranstaltung. Denn wir alle – Russen und Deutsche – sind hier versammelt, um ein Zeichen gegen das Vergessen zu setzen. Mehr noch. Durch diese gemeinsame Veranstaltung zeigen wir auch, dass das Gedenken an die Kriegsopfer, Soldaten der Roten Armee über alle geographischen und weltanschaulichen Grenzen hinweg alle Menschen verbindet, die ehrlich mit der Geschichte umgehen, die Herz und Anstand haben.

Meine Damen und Herren, liebe Freunde!

Es reicht jedoch nicht, nur zu erinnern. Unsere Erinnerung muss aktiv gestaltet werden. Sie manifestiert sich auch in unserem konkreten Bemühen, Orte des Gedenkens zu schaffen und zu pflegen.

Heute eröffnen wir ganz offiziell den Sowjetischen Ehrenfriedhof, der vor einiger Zeit saniert wurde. Diese Ehrenanlage, wie viele andere in Brandenburg und in Deutschland, macht nun in einer würdigen Weise unsere Erinnerung nach innen und nach außen sichtbar.

Heute weihen wir die ersten Namensstelen zum Andenken an die hier ruhenden Rotarmisten ein. Leider, auch 70 Jahre danach bleiben Hunderttausende sowjetische Soldaten namenlos. Die Soldaten, denen wir unser Leben verdanken, der Namenslosigkeit zu entreißen, ist unsere historische Pflicht und Verantwortung. Durch die Bergung der Gebeine, deren würdige Umbettung und Identifizierung lassen wir ihnen die Gerechtigkeit angedeihen, die Ihnen als unseren Befreiern und Rettern gebührt.

Meine Damen und Herren, liebe Freunde!

In der Behandlung der sowjetischen Kriegsgräberstätten auf deutschem Boden sehen wir auch, welche Bedeutung diese mahnenden Symbole für die jetzigen Generationen der Deutschen haben, die bereit sind, sich ihrer Vergangenheit zu stellen. Man brauchte Jahrzehnte, um die schreckliche Geschichte aufzuarbeiten. Diese Erinnerungsarbeit ist in vielerlei Hinsicht beispielhaft und bewundernswert.

Jedenfalls die Erinnerung an die Tragödie und Schrecken des Zweiten Weltkrieges ist etwas, was den Rückfall in die düstere Vergangenheit verhindern kann und muss. Diese Erinnerung sensibilisiert uns dafür, dass eine Ideologie der Rassenüberlegenheit keine giftigen Wurzeln in den Köpfen der Zeitgenossen schlagen darf. Diese Erinnerung, wenn offen und ehrlich praktiziert, sorgt dafür, dass Menschenverachtung, Rassismus, Rechtsextremismus in unserer Gesellschaft keine Chance haben.

Das Land Brandenburg ist ein gutes Beispiel für einen solchen Umgang mit der Geschichte. In der Endphase des Krieges wurden diese Gebiete zum Schauplatz blutigster Gefechte. Sie sind reichlich mit russischem und deutschem Blut begossen. Deshalb wissen die Brandenburger allzu gut, wie wichtig es ist, das Gedenken an die Gräuel des Kriegs und alle dessen Opfer wachzuhalten, damit so etwas sich nie wiederholt.

An dieser Stelle möchte ich gern Danke sagen: dem Land Brandenburg, der Stadt Lübben und allen Einwohnerinnen und Einwohnern, die die Sanierung des Soldatenfriedhofs und die einhergehende Erinnerungsarbeit vor Ort unterstützen.

Meine Damen und Herren, liebe Freunde!

Die deutsch-russischen Beziehungen hätten – und ich will ganz offen mit Ihnen reden – besser sein können. Doch nie und nimmer dürfen die Unwägbarkeiten von heute den Blick auf unsere gemeinsame Vergangenheit überlagern. In dieser gab es viele Auf und Abs. Doch immer wieder haben wir uns auf die Notwendigkeit einer Partnerschaft und Zusammenarbeit besonnen. Selbst nach den Schrecken der beiden Weltkriege haben unsere Nationen Kraft und Weisheit gefunden, einander die Hand zum Frieden und zur Freundschaft zu reichen. Ich bin zutiefst davon überzeugt, dass auch die heutigen atmosphärischen Störungen bald vorbeiziehen werden. Das hohe Gut der Annäherung und Verständigung muss weiter gepflegt werden. Das sind wir den Opfern des damaligen schrecklichen Krieges schuldig, darunter auch hier ruhenden. Das sind wir unseren Kindern und Enkelkindern schuldig, die unser Werk fortsetzen werden.

Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit.

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