Ansprache des Botschafters Wladimir Grinin auf der Veranstaltung vor dem Haus Schulenburgring 2

Sehr geehrter Herr Regierender Bürgermeister Müller,

sehr geehrter Herr Dillinger,

meine Damen und Herren,

liebe Freunde!

Wir sind heute an einem besonderen Ort zusammengekommen. Der Öffentlichkeit in Russland wird er vielleicht nicht so gut bekannt sein. Für meine Landsleute steht eher das Reichstagsgebäude, bzw. dessen Erstürmung durch die Rote Armee für das Ende des Krieges schlechthin. Doch das Haus am Schulenburgring 2 ist von nicht geringerer symbolischer Kraft. Denn genau hier ging der Krieg für Berlin zu Ende.

Heute versuchen wir, uns 70 Jahre zurückzuversetzen und uns das Unvorstellbare vorzustellen. Für die Sowjetische Armee war der Weg zum Haus am Schulenburgring 2 lang und leidvoll. Er führte über verwüstete Landschaften Russlands, tote Dörfer der Ukraine und Weißrusslands, Todesfabriken in Polen und in Deutschland selbst. Dieser Weg war verbunden mit unendlichen Kämpfen und unermesslichen menschlichen Verlusten.

Und die Deutschen? Wer kämpfte denn auf deutscher Seite hier? Jugendliche, die in den letzten Kriegsmonaten in den mörderischen Fleischwolf geworfen wurden. Wehrmachtsoldaten – sowohl die Einfachen und Gequälten, die die Sinnlosigkeit des Kriegs erkannt haben und vielleicht aus Angst und Verzweiflung weiterschossen, um selber nicht getötet zu werden; als auch die Besessenen und Verblendeten, die bis zum letzten Blutstropfen die Hitler-Ideologie zu verteidigen bereit waren.

Heute gedenken wir aller sowjetischen Soldaten, die für die Befreiung ihres Landes und ganz Europas vom Nationalsozialismus ihr Leben gelassen haben. Heute gedenken wir aller Kriegsopfer, die die von faschistischer Gewaltherrschaft verursachten Leiden nicht überlebten.

Heute wollen wir als Christen auch der Deutschen gedenken, für die der Krieg auch zu einer Tragödie wurde. Sie hatte schwerwiegende Folgen für dieses Land, für dessen Nachkriegsschicksal, für das Verhältnis zwischen Russen und Deutschen.

Umso glücklicher bin ich, heute sagen zu dürfen, dass Russen und Deutsche wieder zueinander gefunden haben. Auf dem Weg der Versöhnung und Annäherung mussten viele Ressentiments, gegenseitige Vorurteile und Klischees überwunden werden. Und dennoch haben wir es geschafft und Versöhnung in der Trauer um den Verlust der Angehörigen gefunden.

Deshalb möchte ich die Gelegenheit nutzen, um Danke zu sagen an das Land Berlin, wo sowjetische Gedenkstätten als Orte der Erinnerung, Mahnung und der Wahrheit über die Grausamkeiten des Kriegs gepflegt werden. Diese Wahrheit zu bewahren ist unsere historische Pflicht und Verantwortung den Toten, Lebenden und nachkommenden Generationen gegenüber. Die historische Wahrheit zu erkennen und sich dazu zu bekennen, ist daher nicht die Frage der Weltanschauung und der Staatsangehörigkeit, sondern die des Anstands und des Gewissens.

Auch das Haus am Schulenburgring 2 gehört zu diesen Orten des Gedenkens. Mit diesen respektvoll umzugehen ist wichtig für alle, die ihre Vergangenheit kennen und die Zukunft im Sinne der Lehren aus der Geschichte gestalten wollen. Der Geschichte, die uns sagt: Nie Wieder!

Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit.

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