Der Botschafter Wladimir Grinin nahm an der Eröffnung der Ausstellung anlässlich des 70. Jahrestages des Sieges über den Faschismus teil

In der Redaktion der „jungen Welt“ wurde die Ausstellung anlässlich des 70. Jahrestages der Befreiung vom Faschismus eröffnet. An der Eröffnung der Fotoausstellung nahmen der Botschafter der Russischen Föderation, Wladimir Grinin, sowie sein Amtskollege aus der Republik Kasachstan, Bolat Nussupov, teil. Die Ausstellung zeigt Aufnahmen des Fotografen Alexandre Sladkevich, der seine beiden Großväter im Großen Vaterländischen Krieg verloren hat.

Hier ist die Rede des Botschafters im Wortlaut:

Sehr geehrter Herr Huth,

Sehr geehrter Herr Sladkewitsch,

Meine Damen und Herren,

liebe Freunde!

Recht herzlich bedanke ich mich für die Einladung zur Eröffnung der Ausstellung „Ich habe das gesehen“. Der Ausstellung, die in meinen Augen von der ersten Sekunde an, einen tiefen Eindruck macht und durchaus zeitgemäß ist.

Denn es sind inzwischen 70 Jahre her, seit der schlimmste Krieg der Menschheitsgeschichte beendet wurde. Ein großes rundes Datum, das wir uns noch einmal zum Anlass nehmen sollten, über die Vergangenheit nachzudenken, daraus Lehren für unsere Gegenwart zu ziehen und für eine friedliche Zukunft zu arbeiten.

Was bedeutet denn dieser Jahrestag für mein Land heute?

Natürlich ist es ein Feiertag. Es ist ein Tag, an dem alle mutigen Kriegsteilnehmer, Kämpfer für die Freiheit und Unabhängigkeit, Retter der Zivilisation gewürdigt werden. Es ist aber auch ein Tag des Gedenkens und der Trauer. Ein Tag, an dem die Gefallenen geehrt werden. 27 Millionen Menschenleben, 30 Prozent nationalen Vermögens, Millionen verstümmelter Menschenbiographien kostete der von Nazi-Deutschland entfesselte Vernichtungskrieg gegen mein Land.

Diese Ausstellung bietet uns, aus meiner Sicht, jedoch eine willkommene Gelegenheit, unsere Erinnerung über die Zahlen hinaus zu erweitern. Denn hier können wir innehalten und uns noch einmal darauf besinnen, worum und um wen es geht. Es geht um die Rote Armee.

Es geht um massenhaften Heroismus. Es geht um Sieg und Befreiung vom Faschismus. Doch es geht auch und, vor allem, um Menschen.

Es geht um Menschen, um eine ganze Generation und um jeden Einzelnen. In Russland leben noch über 2.5 Millionen Veteranen. Jeder von ihnen genauso wie jeder dieser Menschen, die uns von diesen Porträts anschauen, hat seine eigene Geschichte zu erzählen – Geschichte von Schlachtfeldern und Feldlazaretten, Konzentrationslagern und Partisaneneinheiten, Fabriken des Hinterlandes und faschistischer Besatzung. Doch in einem werden ihre Geschichten gleich sein: Weder eigene Gesundheit noch eigenes Leben waren ihnen zu schade, um den nachkommenden Generationen in der Sowjetunion und in ganz Europa eine friedliche und freie Zukunft zu sichern.

Diese Erkenntnis zu schützen und zu wahren, scheint mir heute eine der wichtigsten Aufgaben zu sein. Es ist notwendig, alles dafür zu tun, dass die selbstlose Leistung einer ganzen Generation und eines jeden Einzelnen nie dem Vergessen anheimfallen. Denn das wäre nichts anderes als Verrat. Verrat am Andenken der Kriegstoten, Verrat an der Würde der Überlebenden, Verrat an eigenem Gewissen. Ich glaube, diese Denkarbeit ist heute sehr vonnöten. Dieser müssen alle nachgehen und in diesem Sinne in sich hineinblicken und dieses Gespräch mit sich selbst führen.

Dabei spielt es gar keine Rolle, aus welchem Land man kommt und unter welchen Umständen man sozialisiert wurde. Denn die Opfer zu ehren und den Überlebenden Respekt zu zollen, ist nicht die Frage der Weltanschauung und der Denkrichtung, sondern die des Gewissens und des Anstands.

Meine Damen und Herren,

liebe Freunde!

Es tut fast weh, zu erkennen, dass diese scheinbar offensichtlichen Erkenntnisse immer wieder bekräftigt und angemahnt werden müssen. Geschuldet ist es nicht nur den aktuellen Unwägbarkeiten, die die Erinnerung an die Ereignisse vor 70 Jahren überlagern. Geschuldet ist es auch und vor allem der flüchtigen Tagespolitik, die sich immer häufiger und skrupelloser aus dem erinnerungspolitischen Werkzeugkasten bedient und in der Vergangenheit nach der Rechtfertigung der gegenwärtigen Missstände wühlt.

Unübersehbar versucht man die Geschichte neuzuschreiben, die Ereignisse des Zweiten Weltkrieges zu verzerren, eine ganze Generation zu verteufeln, die für die Befreiung ihres Landes und Europas alles hingegeben hat. Als wäre das nicht schlimm genug, trichtert man pseudohistorische Perspektiven in die Köpfe der jungen Generation ein. Wie traurig und gefährlich das alles ist.

Doch was bezweckt man genau mit Nazi-Aufmärschen in einigen osteuropäischen Ländern? Was bezweckt man mit Aussagen, Russland habe Deutschland angegriffen? Was bezweckt man mit der Gleichstellung faschistischer Aggressoren mit Kämpfern für die Befreiung vom Faschismus? Ist das nicht ein perfider Versuch, historische Spekulationen für geopolitische Spiele und zur Befriedung des politischen Egoismus zu nutzen?

Es ist daher dringend notwendig, alle Möglichkeiten und Gelegenheiten zu nutzen, um das historische Wissen zu vermitteln und die Jugend gegen alle Gefahren der Geschichtsfälschung und des Revisionismus zu sensibilisieren.

In den Jahren meines Dienstaufenthaltes in Deutschland bin ich ganz unterschiedlichen Menschen begegnet. Und ich freue mich sehr, feststellen zu können, dass allen politischen Auseinandersetzungen zum Trotz es auch hier viele Menschen gibt, die den Sinn und die Bedeutung des kommenden Feiertages und der anstehenden Feierlichkeiten in Moskau verstehen.

Auch am Beispiel dieser Ausstellung sieht man das einmal mehr. Denn die Fotographien, die wir hier sehen, stellen die Wahrheit sofort wieder her. Sie lassen keinen Bluff, keine Instrumentalisierung der Geschichte zu. Und das ist sicherlich das Verdienst des Fotografen. Seinem Talent möchte ich an dieser Stelle meine große Anerkennung aussprechen. Durch Ihre herausragenden Arbeiten, durch Ihr Können, sehr geehrter Herr Sladkewitsch, lassen Sie einzelne Lebensgeschichten der Kriegsveteranen ins öffentliche Bewusstsein rücken. Dafür gebührt Ihnen unser Dank und Respekt. Genauso wie der Redaktion „Junge Welt“, die sich in vielen Projekten für die Wahrheit in der Geschichte und der Gegenwart engagiert.

Und natürlich gilt mein besonderer Dank allen, die heute den Weg zu dieser Ausstellung gefunden haben, die Präsenz zeigen gegen das Vergessen, für Frieden und Freundschaft. Ich würde mich freuen, wenn diese Einstellung möglichst viele Befürworter finden würde. Mit dieser Ausstellung ist ein weiterer Schritt in diese Richtung getan.

Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit.

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