Rede des Botschafters Wladimir Grinin auf der Jahresversmmlung des Deutsch-Russischen Forums e.V., Berlin, 26. März

Sehr geehrter Herr Platzek,

sehr geehrter Herr Prof. Dr. Bahr,

Meine Damen und Herren,

Liebe Freunde!

Recht herzlich danke ich Ihnen für die Einladung und Möglichkeit, auf der wichtigsten Sitzung des Deutsch-Russischen Forums zu sprechen, das mir so nahe steht.

Es ist schmerzhaft, dass ein tragischer Unfall Leben vieler ihrer Landsleute, unserer Nachbarn auf dieser Erde, gefordert hat. Dazu möchte ich mein tief empfundenes Beileid aussprechen.

Doch so ist nun mal das Leben, wenn wir nicht nur fröhlich sind, sondern auch Kummer und Trauer zu akzeptieren und daraus richtige Konsequenzen zu ziehen haben. Dabei geht es nicht nur um tragische Zufälle, sondern auch um zyklische Schwankungen, denen unser Leben unterworfen ist. Es geht auch um globale Herausforderungen, mit denen sich die Menschheit besonders in letzter Zeit zunehmend konfrontiert sieht. Das alles bewältigen können wir nur gemeinsam, indem wir noch enger zusammenrücken und – was viel besser ist – indem wir Freundschaften pflegen.

Interessanterweise legt uns die Ironie der menschlichen Schicksale nahe: Es sind nicht die guten Zeiten, in denen sich die Freundschaft bewährt, sondern die schwierigen. Es sind die schwierigen Zeiten, in denen sich die Tragfähigkeit, das Verständnis und die Akzeptanz erweisen müssen.

Meine Damen und Herren, liebe Freunde!

Um den Geist zu stärken, der mit diesem Abwechseln von Rhythmen und Zyklen konfrontiert ist, braucht man Kontinuität. Man braucht Konstanten. Im deutsch-russischen Verhältnis haben wir stets viel Wert darauf gelegt, dass diese Konstanten geschaffen und gepflegt werden.

Ich freue mich feststellen zu können, dass das Deutsch-Russische Forum eine dieser Konstanten ist. Gerade in diesen schwierigen Zeiten, die wir in unserem bilateralen Verhältnis, im europäischen Raum insgesamt zu verzeichnen haben, brauchen wir solche Foren wie dieses, dem ich für seine Arbeit hiermit aufrichtig danken möchte.

Gerade die Arbeit des zivilgesellschaftlichen Deutsch-Russischen Forums, Ihre Tagesordnung, die buchstäblich alle Lebens- und Kooperationsbereiche der Russen und Deutschen abdeckt, zeigt, wie vielfältig unser bilaterales Verhältnis ist. Diese Arbeit überzeugt uns immer wieder aufs Neue, dass der zivilgesellschaftliche Austausch das festigende Element eines jeden bilateralen Verhältnisses ist. Zwischen Russland und Deutschland darf er unter keinen Umständen abreißen. Diese Erkenntnis sollte man in der deutschen Öffentlichkeit, aber auch bei uns in Russland immer wieder ins Bewusstsein rücken.

Meine Damen und Herren, liebe Freunde!

Immer wieder stellt sich im medialen Diskurs die Frage, ob ein neuer alter Kalter Krieg ausgebrochen sei. Man spricht vom Eisernen Vorhang, der wie Damokles-Schwert über alle Europäer im weitesten Sinne des Wortes schwebe. Kurzum, man kehre zu den alten Zeiten zurück. Ich glaube, alle, die die Zusammenhänge der augenblicklichen Spannungen erkennen, sind aufgefordert, sich diesen Einschätzungen nicht zu beugen. Wir dürfen nicht der Versuchung anheimfallen, zu sagen: Es ist alles wieder retro, alles ist wieder wie damals.

Es ist nicht wie damals. Es sind völlig andere Zeiten. Es sind auch neue global players auf internationales Parkett getreten. Auch unsere Länder und Gesellschaften sind anderes geworden. Wie ich schon erwähnt habe, sind neue Bedrohungen zutage getreten. Der internationale Terrorismus z.B. gefährdet alle rund um den Globus – von den USA über Europa bis Russland und Australien. Deshalb ist es wichtig zu erkennen, dass es viele gemeinsame Werte gibt, die auch bedroht sind.

Unter diesen Umständen darf und soll man sich nicht auf die Renaissance der alten Ost-West-Trennung einlassen. Dieser schwarz-weiß-malerischen Ost-West-Polarisierung, die sich schleichend breit macht, muss Einhalt geboten werden. Nur wenn wir dagegenhalten, können sich am Ende Annäherung, Verständigung und Akzeptanz durchsetzen.

Meine Damen und Herren,

mit dem Doktor-Haas-Preis des Deutsch-Russischen Forums wird heute der Mann geehrt, der Vertreter par excellance für Annäherung in schwierigen Zeiten ist.

In der Darstellung eines seiner Schicksalsgefährten, Walentin Falin, erhielt er kurz vor dessen erster Reise in die Sowjetunion eine folgende Beurteilung durch sowjetische Diplomaten. Ich zitiere: „Eine komplizierte Persönlichkeit. War Mitarbeiter beim RIAS. Wurde in Amerika dafür geschult. Im Gespräch mit unseren Diplomaten hielt er sich an bekannte westliche Richtlinien… Keiner bezweifelt seine Klugheit und seine umfangreichen Kenntnisse.“ Ende des Zitats.

Egon Bahr, ein Brückenbauer aus einer Zeit, als der eiserne Vorhang unüberwindbar schien. Es brauchte nicht nur Professionalität, sondern auch außerordentliche persönliche Eigenschaften wie Weitsicht, Augenmaß und auch Mut, um Eis zu schmelzen und über damalige ideologische und militärpolitische Konfrontationslinien hinauszugehen.

Doch wie unvorstellbar die Aufgabe auch schien, heute wissen wir, diese Anstrengung und dieser Mut haben sich gelohnt. Sie haben sich ausgezahlt. Ihr Engagement für die Völkerverständigung und Frieden, lieber Herr Bahr, soll allen aktiven Politikern der heutigen Generation ein Vorbild und Beispiel sein, wie man in schwierigen Zeiten Herausforderungen meistert.

Als einen herausragenden Gestalter der deutsch-russischen Freundschaftsbeziehungen gibt es wohl niemand anderes, der so geeignet wäre diesen Preis zu erhalten. Ihnen, lieber Herr Bahr, dient unser aller Dank, Respekt und Anerkennung.

Meine Damen und Herren,

heute ehren wir einen großen Brückenbauer aus der Zeit, wo es tatsächlich eine starke ideologische Ost-West-Konfrontation gab. Lassen Sie uns alles dafür tun, dass diese Polarisierung sich in den Köpfen der Russen und Deutschen heute nicht festsetzt.

Das Deutsch-Russische Forum ist mit seinem tatkräftigen Engagement und Elan schon dabei, das zu verhindern. Ich wünsche den Mitgliedern des Forums und seinem Team, dass Sie auch in der Zukunft dieser Aufgabe zum Wohle der Partnerschaft und Freundschaft zwischen Russen und Deutschen erfolgreich nachgehen mögen.

Vielen Dank für Ihre Arbeit und Ihre Aufmerksamkeit.

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