Beitrag des Botschafters Wladimir Grinin auf der Präsentation des 3. Bands des gemeinsamen russisch-deutschen Geschichtsbuches

Уважаемый Александр Оганович,

sehr geehrter Herr Prof. Möller (Deutscher Co-Vorsitzender der Historiker-Kommission),

sehr geehrte Frau Schneider-Kempf (Generaldirektorin der Staatsbibliothek),

sehr geehrter Herr Prof. Wirsching (Direktor des Instituts für Zeitgeschichte),

sehr geehrter Herr Dr. Winands (Ministerialdirektor bei der Bundesbeauftragten für Kultur und Medien),

meine Damen und Herren,

liebe Freunde!

Recht herzlich danke ich Ihnen für die Einladung zur Veranstaltung, der wir von der Botschaft eine große Bedeutung beimessen. Heute wird das Ergebnis einer gemeinsamen Arbeit der russischen und deutschen Historiker – der III. Band des Deutsch-Russischen Geschichtsbuches präsentiert.

Dabei handelt es sich um ein Projekt, das im deutsch-russischen Verhältnis schon lange diskutiert und geplant wurde. Umso mehr freuen wir uns heute, als dieses Zeichen setzende Projekt seine erste Phase erfolgreich durchschritten hat. Deshalb möchte ich allen danken, die daran mitgewirkt haben – vor allem den Mitgliedern der Gemeinsamen Kommission für die Erforschung der jüngeren Geschichte der deutsch-russischen Beziehungen.

Gern möchte ich an dieser Stelle einen ehrenvollen Auftrag erfüllen, das Grußwort des Vorsitzenden der Staatsduma der Russischen Föderation, Herrn Sergey Naryschkin, vorzulesen, der auch Vorsitzender der Russischen historischen Gesellschaft ist.

«Sehr geehrter Kolleginnen und Kollegen, liebe Freunde!

Die Beziehungen zwischen Russland und Deutschland blicken im XX. Jahrhundert auf einen schwierigen Weg zurück, auf dem unsere Länder tragische Kriege und Konflikte, Phasen der gutnachbarschaftlichen Zusammenarbeit, Industriekooperation und kulturellen Zusammenwirkens erlebt haben.

Die Erfüllung umfassender Aufgaben, die Geschichtsprojekte mit sich bringen, verlangt eine bilaterale Zusammenarbeit auf allen Ebenen. Ein zentraler Bereich dieser Zusammenarbeit erfasst humanitäre Schwerpunkte: Kultur, Wissenschaft, Bildung. In diesem Sinne kommt der Arbeit der Gemeinsamen Kommission für die Erforschung der jüngeren Geschichte der russisch-deutschen Beziehung ein besonderer Stellenwert zu. Die langjährige erfolgreiche Tätigkeit der Kommission steht vorbildlich für eine fruchtbare Zusammenarbeit von Wissenschaftlern, die traditionsreiche Geschichtsforschungsschulen beider Länder vertreten.

Russische und deutsche Wissenschaftler arbeiten bei der Erforschung schwieriger Fragen der Geschichte des XX. Jahrhunderts erfolgreich zusammen. Diese Zusammenarbeit mündet in gemeinsame Konferenzen, Forschungsarbeiten und Monographien. Eines der Ergebnisse dieser Arbeit, das von der Kommission im vergangenen Jahr erzielt wurde, ist das Geschichtsbuch zu den Beziehungen beider Länder im XX. Jahrhundert, das heute zur Präsentation ansteht.

Akribische Forschungsarbeit des Autorenteams zeigt, dass der Versuch, schwierige Fragen des komplexen und strittigen XX. Jahrhunderts zu beantworten, eine Verständigung nicht verunmöglicht.

Besonders herausstreichen möchte ich, dass russische und deutsche Historiker bei 14 von 20 in diesem Buch zur Sprache gebrachten historischen Themenkomplexen eine konsolidierte Position entwickeln konnten.

Das heute zu präsentierende Buch schließt auch die Auseinandersetzung mit den Entwicklungen mit ein, bezüglich derer die Experten beider Länder unterschiedliche Positionen einnehmen.

Unter diesem Blickwinkel wartet diese gemeinsame Arbeit der Historiker mit einem beispielhaften wissenschaftlichen Dialog über aktuelle und strittige Fragen der Geschichte des XX. Jahrhunderts auf.

Ich bin zuversichtlich, dass die weitere Umsetzung des Projektes „Russland-Deutschland: Stationen gemeinsamer Geschichte – Orte der Erinnerung. Das 20. Jahrhundert“ zu einem besseren Verständnis der Geschichte der russisch-deutschen Beziehungen, zur Überwindung negativer Stereotypen bei der Wahrnehmung des jeweils „Anderen“ und zur Bewältigung von Konfliktsituationen beitragen wird, die durch nationale Besonderheiten der Erinnerung ausgelöst werden. S.E.Naryschkin“

Gestatten Sie mir nun im eigenen Namen einige kurze Bemerkungen zur heutigen Veranstaltung zu machen.

Um ganz ehrlich zu sein, habe ich bislang keinen Einblick in das Arbeitsergebnis der Historiker gewinnen können. Deshalb bin ich selbst gespannt, was uns die Kollegen aus der gemeinsamen Kommission sagen werden. Von meiner Seite möchte ich aber – ohne viel Zeit in Anspruch zu nehmen – diese Veranstaltung im Gesamtkontext der bilateralen Beziehungen einordnen. Denn in heutigen Zeiten lässt sich diese Einordnung nicht vermeiden.

Wir wollen es auch nicht verheimlichen, dass das Verhältnis zwischen unseren beiden Staaten derzeit hätte besser sein können. Politische Auseinandersetzungen über Ihnen wohl bekannte internationale Entwicklungen überlagern die bilaterale Tagesordnung.

Trotzdem ist auf beiden Seiten die Hoffnung vorhanden, dass dieser Zustand sich entkrampfen wird. Und dann wird sich die Frage stellen, wo anzusetzen. Ich glaube dort, wo unser Austausch nie unterbrochen wurde – in den Bereichen Geschichte, Kunst und Kultur.

Wie auch immer akut und heftig politische Auseinandersetzungen ausgetragen werden, die verbindenden geistigen und historischen Grundlagen bleiben für Russen und Deutsche unumstößlich. Die zwei schrecklichen Kriege, die für eine Zeitlang unsere Nationen in einer so tragischen Weise auseinander geführt haben, konnten nichts daran ändern. Deshalb bin ich der Überzeugung, dass man auch trotz aller aktuellen Schwierigkeiten sich unmöglich über diese kulturelle und historische Verbundenheit unserer Menschen hinwegsetzen kann.

(Ich denke an die Ausstellung im Berliner Neuen Museum „Russen und Deutsche. 1000 Jahre Kunst, Geschichte und Kultur“, die das in eindrucksvoller, plastischer Weise vor Augen geführt hat. Fortgelebt wird diese Erkenntnis auch in diesem Jahr, wenn in Deutschland und Russland jeweils das Jahr der russischen bzw. der deutschen Sprache und Literatur stattfindet.)

Diese historische und kulturelle Verbundenheit gibt uns Orientierung. Vielleicht müssten wir auch versuchen, daraus Erfahrungswerte einer gegenseitig vorteilhaften Krisenlösung zu schöpfen. Insbesondere die Geschichte der Überwindung des Kalten Krieges könnte mit durchaus lehrreichen Beispielen aufwarten.

In diesem Sinne freue ich mich sehr und bin sehr gespannt auf die Präsentation. Unsere Historiker haben eine exzellente gemeinsame Arbeit geleistet, an der viele Politiker sich ein Beispiel nehmen sollten. Ich danke ihnen noch einmal und wünsche uns allen eine aufschlussreiche Begegnung mit der gemeinsamen Geschichte der Russen und Deutschen.

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