Ansprache des Botschafters Wladimir Grinin auf der Eröffnung der Ausstellung „Das russische Kulturleben im Berlin der 1920er Jahre“

Sehr geehrter Herr Prof. Parzinger,

sehr geehrter Herr Dr. Matanovic,

sehr geehrter Herr Germanovich,

sehr geehrter Herr Dr. Tchernodarov,

liebe Freunde!

Ich freue mich sehr, sie alle, die sie hier so zahlreich erschienen sind, in den Räumlichkeiten der Botschaft der Russischen Föderation Unter den Linden begrüßen zu dürfen. Heute eröffnen wir eine bereits dritte kunsthistorische Ausstellung bei uns im Haus.

Dieses Mal zeigen wir in den Sälen der Botschaft eine Exposition unter dem Titel „Das russische Kulturleben im Berlin der 1920er Jahre“. Diese Ausstellung findet  im Rahmen des Jahres der russischen Sprache und Literatur in Deutschland 2014-2015 statt. Sie widmet sich einem einzigartigen kulturhistorischen Phänomen in der Geschichte unserer Länder und in den Beziehungen zwischen Russen und Deutschen, das zur gegenseitigen Bereicherung unserer Kulturen maßgeblich beigetragen hatte.

Die Erschütterungen der revolutionären Zeit und des Bürgerkrieges trieben in der deutschen Hauptstadt auf verschiedenen Wegen bis zu 400 Tausend Russen zusammen. Für mehr als ein Jahrzehnt wurde Berlin zu einem wichtigen Zentrum der russischen Emigration, zu einer Insel der russischen Zivilisation im Herzen Europas. Einer der Zeitzeugen beschrieb das Berlin der 1920er Jahre so: „In die Augen fallen Schaufenster, Plakate, die Werbung „Wir sprechen Russisch“, die Buchhandlung „Rodina“, das Restaurant „Medwed“, Café „Moskva“, russische Friseursalons, Zeitungskiosken, Zeitungen und Zeitschriften. Ein friedliche Eroberung!“. Ende des Zitats.

Aber eine wirklich einzigartige Erscheinung in der Stadt an der Spree war damals das reiche und vielfältige russische Kulturleben. Berlin war quasi überschwemmt mit russischen Literaten, Musikern, Malern, Schauspielern, Philosophen. Ein russischer Emigrant beobachtete, wie – ich zitiere – „die russischen Schriftsteller durch Berlin spazierten und sich vor einander verbeugten. Am Kurfürstendamm war Maxim Gorki, Am Viktoria-Luisenplatz – Andrej Belij… An der Tauzienstrasse – Igor Severjanin“. Ende des Zitats.

Viele russische Kulturschaffende hatten im Berliner Exil nicht bloß gelebt, sondern waren aktiv schöpferisch tätig. Sie bewahrten dadurch das russische nationale Selbstverständnis sowie, wie man es heutzutage sagt, die kulturellen Kodizes. Sie entwickelten weiter die durch die tragische Strähne der Revolutionen und des Bürgerkrieges betroffenen Traditionen des Anfangs des XX. Jahrhunderts jener Zeit, die der große russische Philosoph Nikolaj Berdjaew „eine der raffiniertesten Epochen in der Geschichte der russischen Kultur“ nannte.

Gerade Berlin und keine andere europäische Stadt, in der es nach der Revolution eine russische Diaspora gab, spielte im Leben der russischen Emigration eine besonderes einigende Rolle: die Saat der russischen Kultur fiel trotz der Trennung unserer Völker im Ersten Weltkrieg auf guten Boden der alten und handfesten russisch-deutschen Beziehungen und trug somit zur Wiederherstellung der gegenseitigen Anziehungskraft bei.

Die für das Berlin der 1920er Jahre typische gegenseitige Bereicherung und Beeinflussung der russischen und deutschen Kultur dienen als ein hervorragendes Vorbild. Sie sind zugleich eine Erinnerung daran, wie viel wir erreichen und von einander lernen können, wenn wir den Weg der Zusammenarbeit wählen.

In diesem Zusammenhang freut es mich ganz besonders, dass wir in den letzten Jahren ein hohes Niveau der russisch-deutschen Beziehungen im Kulturbereich erzielt haben. Die großen zwischenstaatlichen  Aktionen wie das Russlandjahr in Deutschland und das Deutschlandjahr in Russland 2012-2013 sowie das vor kurzem gestartete Jahr der russischen und deutschen Sprache und Literatur 2014-2015 bestätigen das in aller Deutlichkeit. Die Bedeutung des kulturellen Austausches insbesondere in den Zeiten, in denen die Beziehungen zwischen den Staaten eine turbulente Phase passieren und einer Kraftprobe ausgesetzt werden, kann nicht hoch genug eingeschätzt werden. In solchen Perioden helfen Kunst und Kultur die für uns wichtigen und engen Beziehungen vor möglichem Schaden zu schützen. Auch das erreichte Potential der gegenseitigen Verständigung und des gegenseitigen Respekts sollte man dadurch bewahren. Das lehrt uns die tausendjährige Geschichte unserer Beziehungen, die in all dieser Zeit die Geschicke in Europa und in der ganzen Welt zum größten Teil geprägt hatte. Ich bin mir sicher, dazu wird auch die Ausstellung, die heute eröffnet wird, beitragen.

Zum Schluss möchte ich meine Dankbarkeit allen aussprechen, die an diesem Ausstellungsprojekt beteiligt waren. Aufrichtig bedanke ich mich beim Herrn Dr. Wilfried Matanovic, dem Ideengeber der Ausstellung. Es sind seine Exponate, die den Kern der Ausstellung bilden. Mein Dank gilt auch dem russischen Sammler Herrn Alexej Germanovic, der einen großen Beitrag zum Erfolg des Projekts geleistet hat.

Die Ausstellung wäre natürlich nicht möglich ohne Sponsoren. Mein herzlicher Dank gilt der Führung des Konzerns „Wintershall“, dem Versicherungsunternehmen „Kuhn und Bülow GmbH“ sowie dem Verlag „MK-Germania“, die die Ausstellung in der russischen Botschaft unterstützt haben.

Und last but not least möchte ich mich auch beim Kurator der Exposition Herrn Dr. Andrej Tchernodarov für seine hervorragende und professionelle Arbeit bedanken.

Die Atmosphäre der 20er Jahre rekonstruieren helfen uns heute zwei Musiker, die das „russische Berlin“ von Heute repräsentieren – Natalia Tarasova und Dmitri Dragilev. Vielen Dank dafür.

Der Ausstellung wünsche ich  viel Erfolg und unseren Gästen – eine spannende Zeitreise ins „russische Berlin“ der 1920er Jahre.

Danke für die Aufmerksamkeit.

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