Ansprache des Gesandten Oleg Krasnizkij auf der Eröffnung des Soldatenfriedhofs Reitwein

Sehr geehrter Herr Landrat Schmidt,
sehr geehrter Herr Amtsdirektor Friedemann,
Eminenz,
sehr geehrter Herr Pfarrer Müller,
meine Damen und Herren,
liebe Freunde!

Der 9. Mai, der Tag des Großen Sieges über den Faschismus und der Befreiung Europas von der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft, liegt inzwischen eine Woche zurück. Doch die Gedenkveranstaltungen in Russland reißen nicht ab. Im Grunde finden sie rund um das ganze Jahr statt. So werden auf zahlreichen Gedenkstätten aus Anlass der Befreiung der jeweiligen russischen Ortschaften Gedenkfeiern abgehalten. In Heimatmuseen, die auch in vielen russischen Schulen eingerichtet sind, werden Gespräche zwischen Schülern und Kriegsveteranen organisiert. Man hält inne, man erinnert, man gedenkt und denkt nach.

Denn wach ist die Erkenntnis, welches Schicksal die Nationalsozialisten in ihrem menschenverachtenden Kriegswahn meinem Land und seinen Bürgern zugedacht hatten. Das Leiden, das über Russland, die Ukraine und Weißrussland gebracht wurde, lässt sich kaum in Worte fassen. Erschreckend ist die Vorstellung davon, was Sowjetbürger damals vor über 70 Jahren zu erdulden hatten – an der Front und in der NS-Besatzung, in Todeslagern und in der Zwangsarbeit, wohin sie als „minderwertiges Menschenmaterial“ kamen.

Diese Erinnerung ist aus dem Weltbild eines Russen nicht auszulöschen. Sie prägt unser Selbstverständnis. Sie stiftet Orientierung bei der Gestaltung der Gegenwart und Zukunft. Diese Erinnerung ist uns heilig.

Jedoch haben wir dieses Gedenken nie als Selbstläufer verstanden. Es ist für uns viel mehr eine Erinnerungsarbeit – mit Schwerpunkt auf Arbeit, die zum Beispiel bedeutet, dass man sich mit der Vergangenheit nüchtern auseinandersetzt, Orte der Erinnerung schafft, Kriegstote identifiziert, das historische Wissen an Jugendliche weitergibt, sich für Verständigung und Freundschaft einsetzt.

Gerade in diesem Sinne verstehe ich unsere heutige Gedenkstunde. Denn heute setzen wir ein sichtbares Zeichen für diese gemeinsame Anstrengung gegen das Vergessen und für den Frieden. Das tun wir an einem Ort, der uns alle mahnt in diesem Bemühen nicht nachzulassen.

Meine Damen und Herren!

Es ist kaum ein Jahr verstrichen, seit wir uns hier auf der sowjetischen Kriegsgräberstätte Reitwein zuletzt getroffen haben. Damals haben wir einigen Rotarmisten das letzte Geleit gegeben, die vor knapp 70 Jahren im Raum Klessin in den letzten beiden Monaten des Krieges ihr Leben gelassen haben. Heute wollen wir gemeinsam ihre Namenstafeln und die Zubettungsstelle einweihen.

Der Soldatenfriedhof Reitwein ist einer von 3440 sowjetischen Grabstätten in Deutschland, auf denen ca. 800 000 Sowjetbürger ihre letzte Ruhe gefunden haben – Rotarmisten, Kriegsgefangene, Zwangsarbeiter. Die Obelisken und Grabsteine, die zu Ehren der Ruhenden dort aufgestellt sind, sind stumme Zeugen und Symbole einer Zeit, die nie wiederkehren möge. Sie sind eine Mahnung. Eine sichtbare Mahnung für uns und die ganze Nachwelt, nicht zu vergessen und sich gegen den Krieg einzusetzen. Als solche sind sie zu pflegen und zu achten – nicht nur der Toten, sondern auch und vor allem der Lebenden zuliebe.

Ich freue mich sehr, dass hier in Brandenburg, im märkischen Oderbruch, der mit Blut meiner Landsleute reichlich begossen wurde, zahlreiche sowjetische Kriegsgräberstätten diesen Respekt und diese Achtung erfahren. Gern möchte ich daher an dieser Stelle die Gelegenheit ergreifen, um Danke zu sagen.

Allen voran den Einwohnern Reitweins, des Amtes Lebus sowie den Verantwortlichen aus dem Amt Lebus und Landkreis Märkisch-Oderland, stellvertretend für alle Brandenburger. Nicht nur als Gesandter sondern auch als Mensch und Bürger meines Landes. Jedes Mal, wenn ich nach Brandenburg, ins märkische Oderland komme, bin ich bis in die Seele gerührt, wie fürsorglich hier die sowjetischen Kriegsgräberstätten gepflegt werden. Ich bin aber auch immer wieder beeindruckt, wie ehrlich und offen hier mit der eigenen Geschichte umgegangen wird. Es ist mir durchaus bewusst, dass eine solche Einstellung zur eigenen Historie und zur gemeinsamen deutsch-russischen Vergangenheit nie eine Selbstverständlichkeit war. Sie ist es auch heute nicht – insbesondere wenn man das gegenwärtige überhitzte mediale Umfeld bedenkt und manche Scharfmacher hört. Mit Ihrem tatkräftigen Engagement gegen das Vergessen zeigen Sie jedoch in aller Deutlichkeit, wie sehr ihnen Versöhnung und Freundschaft zwischen Russen und Deutschen am Herzen liegen.

Mein Dank gilt auch dem Verein zur Bergung Gefallener in Osteuropa und stellvertretend für alle seine Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, Helferinnen und Helfer, dem 1. Vorsitzenden Herrn Albrecht Laue. Die internationale Suchaktion, die hier vor einem Jahr von Vertretern Russlands und Deutschlands, der Ukraine und Polens sowie anderer Länder durchgeführt wurde, ist an symbolischer Aussagekraft kaum zu überbieten. Dadurch wurde ein unmissverständliches Signal gesendet, dass eine ehrliche und anständige Erinnerungskultur keine Grenzen kennen kann und darf – weder geographische noch politische.

Danken möchte ich auch denjenigen, die uns dabei unterstützt haben, unsere Erinnerung an die gefallen Rotarmisten sichtbar zu machen – dem Landschafts- und Architekturbüro Andreas Kittner und der GLF Garten- und Landschaftsbau Eisenhüttenstadt GmbH. Vielen Dank dafür, dass Sie diesen Auftrag angenommen und in einer so würdigen und respektvollen Weise ausgeführt haben.

Meine Damen und Herren!

Immer wieder müssen wir mit bitteren Zeichen für die Schwäche des menschlichen Gedächtnisses konfrontiert werden. In unserem Heute und Morgen darf es aber keinen Platz geben für die perfiden Strategien des Vergessens und Verdrängens. Natürlich gibt es in unserer Gegenwart Probleme und Unwägbarkeiten, die unsere Aufmerksamkeit maßgeblich bis gänzlich beanspruchen. Doch nie und nimmer darf unsere Geschichte an den Rand der öffentlichen Wahrnehmung gedrängt geschweige denn zur Geisel konjunkturpolitischer Kalküle und flüchtiger Tagespolitik werden.

Die Versuche, die Geschichte auf diese Weise zu missbrauchen, werden nur fruchtbar, wenn sie gegenüber den Unwissenden unternommen werden. „Wer seine Vergangenheit nicht kennt, hat keine Zukunft“ – die Worte des großen deutschen Humanisten Wilhelm von Humboldt können nicht oft genug wiederholt werden. Deshalb gilt nach wie vor der Grundsatz: Wenn wir von der Vergangenheit sprechen, wenden wir uns auch und vor allem an unsere Jugend. Denn allein die Vermittlung des Wissens über Fehler und Schrecknisse unserer Geschichte an die Nachwelt ist unsere Gewähr gegen ihre Wiederholung.

Liebe Freunde!

Ich glaube, hier sind wir uns alle einig. Erinnerung überdauert in der Familie. Es liegt in unserer Verantwortung, unseren Kindern sowohl die historischen Kenntnisse zu vermitteln, als auch sie in aktive Erinnerungsarbeit einzubinden bzw. einbinden zu lassen – ganz im Sinne von „Nie Wieder“. Nur dann werden sie in aller Entschiedenheit und Klarheit dem Rechtsextremismus, Rassismus, Antisemitismus und der Fremdenfeindlichkeit entgegentreten können.

Deshalb freue ich mich sehr, dass an unserem gemeinsamen großen Projekt Sowjetischer Soldatenfriedhof Reitwein auch Kinder und Jugendliche aus der Moskauer Schule 250, unterstützt von Konstantin Timtschenko und Eduard Ptuchin, beteiligt sind. Als Teil der umfassenden Erinnerungsarbeit konnten sie durch eine akribische Recherche die bislang 119 unbekannten Soldaten öffentlich bekannt machen und ihnen durch ihre Namen und auch ihre Würde zurückgeben. Für diese Arbeit, die auch vom Büro der Botschaft für Kriegsgräberfürsorge begleitet wurde, möchte ich allen Beteiligten ausdrücklich danken.

Ich möchte sehr darauf hoffen, dass diese Arbeit nie aufhören möge. Denn Stillstand würde in diesem Fall Rückschritt heißen. Die Geschichte nimmt uns in die Pflicht, die Toten und ihr Vermächtnis von Frieden nie dem Vergessen anheimfallen zu lassen. Denn zu groß war der Preis, den sie dafür zu zahlen hatten. Die Orte wie der Soldatenfriedhof Reitwein sollen uns und der Nachwelt in diesem Sinne eine immerwährende Mahnung sein.

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