Ansprache des Botschafters Wladimir Grinin auf der Gedenkfeier anlässlich der Neugestaltung des Gedenkortes „Ehemaliger SS-Schießplatz Hebertshausen“

Sehr geehrte Frau Dr. Hammermann,
sehr geehrter Herr Freller,
sehr geehrter Herr Temkin,
Exzellenzen,
meine Damen und Herren,
liebe Freunde!

Ich bedanke mich für die Einladung zur Gedenkzeremonie anlässlich der Neugestaltung des Gedenkortes „Ehemaliger SS-Schießplatz Hebertshausen“.

Es ist mehr als schwer, Gefühle in Worte zu fassen, wenn man hier an diesem Ort steht und 70 Jahre zurückdenkt. Die Vorstellung von ungeheuren Mordtaten lässt das Herz sich zusammenkrampfen, entsetzt und macht mich fassungslos. Das geradezu industriemäßige Morden, dessen „technischer Ablauf“ bis in jedes schreckliche Detail durchdacht und durchgeplant war, lässt sich mit gesundem Menschenverstand gar nicht erfassen.

Heute gedenken wir der Opfer, die der mörderischen Menschenverachtung des NS-Regimes hilflos ausgeliefert waren. Die Orte wie dieser, an denen der Krieg seine schlimmsten Seiten zeigte, mahnen uns nicht zu vergessen. Die Geschichte des Gendenkortes „Ehemaliger SS-Schießplatz Hebertshausen“ kennt beschämende Phasen des Vergessens und Verdrängens. Nie dürfen wir zulassen, dass die Toten von Dachau in Vergessenheit geraten. Das Gedenken an sie ist etwas, was uns allen – gleich aus welchem Land wir kommen – Identität stiftet. Denn diese Erinnerung konfrontiert uns mit unserer Vergangenheit, hilft uns im Verlauf der Menschheitsgeschichte verorten, Fehler erkennen und richtige Konsequenzen ziehen.

Doch es reicht nicht, nur nicht zu vergessen. Unsere Erinnerung an die Schreckensherrschaft des Nationalsozialismus muss aktiv gestaltet werden. Die Orte wie dieser mahnen uns, in unserer Erinnerung nicht müde zu werden, nachzuforschen und Fragen nach dem Wieso und Warum zu stellen und – die Hauptsache – Antworten darauf zu suchen.

Die Neugestaltung des Gedenkortes „Ehemaliger SS-Schießplatz Herbertshausen“ ist genau das, was ich mit dem Nichtmüdewerden dieser so wichtigen Erinnerungsarbeit meine. Deshalb ergreife ich gern diese Gelegenheit, um Danke zu sagen.

Zunächst richte ich meinen Dank an Herrn Freller und Frau Dr. Hammermann persönlich und stellvertretend für alle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Stiftung Bayerische Gedenkstätten und der KZ Gedenkstätte Dachau. Sie leisten eine immense Forschungsarbeit, identifizieren bislang namenslose Opfer, geben ihnen dadurch ihre Würde zurück. Diese ehrwürdige Arbeit verstehen wir als einen wichtigen Beitrag zur Aufarbeitung unserer gemeinsamen Geschichte und zur Versöhnung zwischen Russen und Deutschen. Für diese Arbeit gebührt Ihnen unser aller Dank und Respekt.

Von der russischen Seite wollen wir Sie in dieser wichtigen Arbeit unterstützen. Deshalb freue ich mich Ihnen heute eine CD aus dem Zentralarchiv des Russischen Verteidigungsministeriums übergeben zu dürfen, worauf Daten von über 240 im KZ Dachau ermordeten Rotarmisten gespeichert sind. Ich hoffe sehr, dass dadurch Angehörige der Opfer ausfindig gemacht werden können, die endlich Gewissheit über die Umstände des Todes und den Bestattungsort Ihrer Verwandten erlangen.

Für die günstigen Rahmenbedingungen für diese Arbeit möchte ich mich bei der Bayerischen Landesregierung bedanken, die das Lebendighalten der Erinnerung an die historische Wahrheit des Zweiten Weltkriegs zu einem der Schwerpunkte ihrer Arbeit gemacht hat. Mein Dank gilt nicht zuletzt allen, die an der Neugestaltung des Gedenkortes mitgewirkt haben – dem Staatlichen Bauamt Freising, dem Landschaftsarchitekturbüro Keller Damm Roser, dem Berliner Architekten Martin Bennis, dem Stuttgarter Grafikbüro Weidner Händle Atelier. Sie alle haben durch Ihr Engagement ein deutliches Zeichen gegen das Vergessen und für die aktive Erinnerung gesetzt.

Meine Damen und Herren,

aktiv erinnern heißt auch wachsam sein und richtige Lehren aus der nationalsozialistischen Schreckensherrschaft ziehen. Denn nach wie vor müssen wir auch in Europa erleben, wie rechtsradikale Kräfte das Ruder an sich reißen wollen, sich mit ihren Aktionen über jegliches Recht und Gesetz hinwegsetzen. Diese Gefahren zu bannen ist unsere Verpflichtung gegenüber dem Andenken der Opfer und gegenüber der jüngeren Generation, die es gegen die Bedrohung von rechts zu sensibilisieren gilt.

Deshalb heißt aktiv erinnern auch das Gedenken an die jüngeren weiterreichen. Es wäre schön, wenn mehr Schulklassen, Gruppen von Auszubildenden oder Studierenden hierher kommen würden. Denn bei der KZ Gedenkstätte Dachau und dem Gedenkort „Ehemaliger SS-Schießplatz Hebertshausen“ handelt es sich auch um eine Forschungs- und Bildungsstätte, in der Jugendliche sich mit verschiedenen Aspekten der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft auseinandersetzen, Hintergründe und Zusammenhänge erforschen und somit aus ihrer Vergangenheit für ihre Gegenwart und Zukunft lernen können.

Wenn es uns gelingt, heranwachsende Generationen in diesem Sinne zu erziehen, dann können wir zu Recht sagen, dass wir dem Vermächtnis der Toten des Zweiten Weltkrieges, dem Vermächtnis der Toten des KZ Dachau wenigstens ein Stück gerecht geworden sind. Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit.

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