Rede des Botschafters Wladimir Grinin auf der Eröffnung der Ausstellung „Kasimir Malevitsch und die russische Avantgarde“

Sehr geehrte Frau Professor Grütters,

sehr geehrter Herr Wolfs,

meine sehr verehrten Damen und Herren,

es ist mir eine außerordentliche Freude, an der Eröffnung der Ausstellung mit Werken eines der größten Künstler der Malerei des 20. Jahrhunderts, meines Landsmanns, Kasimir Malewitsch teilzunehmen.

Malewitsch ist eine der zentralen Figuren der russischen Avantgarde. Der Maler, Philosoph und Kunsttheoretiker gehört zu den prägendsten Künstlerpersönlichkeiten des 20. Jahrhunderts. Sein Schaffen, Experimente und Erfindungen, das komplizierte Schicksal seiner Werke und sein eigenes Leben wurden in Hunderten von Schriftwerken beschrieben. Die größten Museen der Welt führten in verschiedenen Zeiten mit großem oder bescheidenerem Erfolg das künstlerische Erbe des Meisters vor Augen und trugen somit zur Popularisierung seiner Werke bei.

Doch die heutige Ausstellung hat eine ganz spezielle Bedeutung. Sie findet im Vorfeld des 100. Jahrestages des Anfangs des Ersten Weltkriegs und bietet uns die Gelegenheit, die russische Avantgarde und den Beitrag ihrer herausragendsten Vertreter aus historischer Perspektive zu betrachten.

Bekannterweise hat sich Kasimir Malewitsch als Persönlichkeit und Maler um die Jahrhundertwende vom 19. zum 20. Jahrhudert herausgebildet. Dies waren in vielerlei Hinsicht besondere Zeiten für Russland. Es war die Zeit eines niedagewesenen Aufschwungs, des Ausbruchs der geistigen Kräfte begleitet von einer richtigen Explosion der kreativen Energie des Volkes. Die Kunst brauchte dringend neue Formen und Darstellungsmittel. Viele Kunstschaffende wurden zu einer Art Pionieren der Avantgarde und legten den Grundstein für neue Strömungen in der Malerei, Architektur, Literatur, Theater- und Filmkunst, die bereits ihre ersten Schritte machte. Dabei erhoffte man sich einen positiven Wandel. Diese Erwartungen wurden vor allem mit groß angelegten technologischen Fortschritten verbunden. Ich zitiere: „Das neue eiserne von Maschinen geprägte Leben, das Aufheulen der Automobile, das Leuchten der Scheinwerfer, das Summen der Propeller haben die Seele geweckt, die in den Katakomben der alten Vernunft erstickte und in die Verflechtung der Wege von Himmel und Erde hinaustrat“. So sah Malewitsch die damalige Entwicklung.

Kasimir Malewitsch machte sich relativ schnell einen Namen als Avantgardist. Er experimentierte, versuchte sich in verschiedenen Stielen und Richtungen. Genauso wie seine Zeitgenossen und Freunde wie Wasilij Kandinskij, Natalja Gontscharowa, Michail Larionow und andere „Lokomotive“ der russischen Avantgarde war er auf einer steten Suche. Das wesentliche Ergebnis eines solchen Suchens ist der von ihm gegründete Suprematismus. So wurde das „Schwarze Quadrat“ zum verabsolutierten philosophischen Symbol dieser neuen Strömung. Viele Kunstkenner behaupten, es sei das größte Werk des 20. Jahrhunderts. Das Schwarze Quadrat erregt in der Tat bereits seit fast hundert Jahren Staunen und Verlegenheit des Zuschauers. Nach langem Anstarren fragt man sich trozdem: Was ist denn das? Ein kosmischer Abgrund? Ein punkt hinter dem dunklen Vorhang, wo mit dem Ende der Neuanfang beginnt?

Hier kommen wir zum Thema des Ersten Weltkriegs. Er brachte vielen Völkern Leiden und Armut. Darauf folgten Revolutionen in einer Reihe von europäischen Ländern und in Russland dazu noch einer blutiger Krieg, die tektonische Verschiebungen im staatlichen und öffentlichen Leben, in der wirtschaftlichen Lage und im Bewusstsein von Millionen Menschen hervorriefen. Diese schicksalhaften Ereignisse veränderten dramatisch die Weltentwicklung, sie unterbrochen die durch wissenschaftlich-technische Fortschritte sichtbar gewordene Globalisierung, von der damals alle profitiert hätten. Vielleicht ist Malewitschs Quadrat, das 1915, ein Jahr nach dem Anfang des Ersten Weltkriegs, gemalt wurde, in der Tat ein Symbol für das Scheitern der alten Welt und den Untergang der Kaiserreiche in Voraussicht des kommenden Unheils und Leidens?

In diesem Zusammenhang möchte ich den gewichtigen Beitrag der Bundekunsthalle hervorheben, die dem komplizierten Thema der Geschichte des Ersten Weltkriegs und den Schicksälen bekannter europäischer Maler eine bedeutende Ausstellung „Die Avantgarden im Kampf“ widmete. Diese wurde in den vergangenen Monaten in diesen Sälen erfolgreich präsentiert.

Die heutige Exposition stellt in vielerlei Hinsicht eine Fortsetzung der vorigen Ausstellung dar. Sie hat darüber hinaus eine starke positive Botschaft: sie sorgt für die gegenseitige Annäherung. Und diese Annäherung, das Näherbringen der europäischen Völker, insbesondere der ehemaligen Gegner, ist die richtigste Lehre, die man aus den hundert Jahre alten Ereignissen ziehen könnte. Auf der Ausstellung kann die russische Kultur unter einem besonderen Gesichtswinkel betrachtet werden, mit all dem Reichtum und der Vielfalt ihrer Traditionen, ihres geistigen Erbes. Sie lässt sich der russischen Mentalität annähern. Und gerade das ist sehr wichtig, um Stereotype zu beseitigen, gegenseitige Aufrichtigkeit und Respekt zu demonstrieren und bei der Bewertung von verschiedenen Ereignissen nicht von Klischees und Voreingenommenheit, sondern von einer freundschaftlichen Einstellung gegenüber dem Partner auszugehen. Angesichts der aktuellen Situation in der Welt wäre es für uns enorm wichtig und notwendig. Gerade das hilft uns bei der Suche nach einer Lösung der nach wie vor entstehenden Konflikte.

Es ist mir eine außerordentlich Freude, festzustellen, dass in den letzten Jahren in allen Bereichen der russisch-deutschen Beziehungen, insbesondere im kulturell-humanitären Bereich, ein recht hohes Niveau der Zusammenarbeit erreicht wurde. Davon zeugen die mit viel Erfolg verlaufenen Kreuzjahre in Russland und Deutschland 2012-2013, aber auch das für 2014-2015 angesetzte gegenseitige Literatur- und Sprachenjahr. Ein Paradebeispiel dafür sind auch groß angelegte Kunstausstellungen wie diese, die die Bürger unserer Länder mit der Kunst und Kultur voneinander bekannt machen und, wie ich es schon gesagt habe, unsere Völker aneinander näher bringen.

Davon zeugen auch große Ausstellungsprojekte, wie das heutige, die dem deutschen und dem russischen Publikum die Meisterwerke der Kunst und Kultur unserer Länder präsentieren und die, wie ich schon betont habe, auch dem noblen Zweck des Zusammenbringens dienen.

Die Exposition, auf die Frau Grütters und ich bereits einen Blick vor der offiziellen Eröffnung werfen durften, ist tatsächlich beeindruckend. Sie beeindruckt eben durch ihren Reichtum an Exponaten, die teilweise aus russischen Museen und Sammlungen stammen, ein professionelles Design und Gestaltung. Sie wurde mit viel Hingabe und Liebe organisiert. Anders kann es auch nicht sein, denn Kasimir Malewitsch ist unser gemeinsames Erbe. Das Erbe Europas und der ganzen Welt..

Ich möchte den Organisatoren zu diesem Glücksfall gratulieren. Ich bin zuversichtlich, dass die Ausstellung viel Aufmerksamkeit und Interesse anlocken wird.

Der Ausstellung selbst wünsche ich einen gebührenden Erfolg und den Kunstliebhabern viele unvergessliche Erlebnisse von der Berührung mit der „geheimnisvollen russischen Seele“.

Ich danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit
18.03.2014

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