Daniil Granin nahm an der Gedenkstunde im Bundestag teil

Am 27. Januar fand im Bundestag eine Gedenkstunde für die Opfer des Nationalsozialismus anlässlich des Jahrestages der Befreiung vom Vernichtungslager Auschwitz durch die Rote Armee statt. In diesem Jahr gedachte man der Opfer der Leningrad-Blockade. Daniil Granin, ein berühmter russischer Schriftsteller, der 872 Tage in der belagerten Stadt verbracht hatte, war ein Ehrengast der diesjährigen Veranstaltung.

Am Anfang würdigten der Bundespräsident Joachim Gauck, die Bundeskanzlerin Angela Merkel und andere Teilnehmer des Treffens die Opfer des Nationalsozialismus mit einer Schweigeminute. Bundestagspräsident Norbert Lammert begrüßte den Schriftsteller und betonte, dass alles, was vor 70 Jahren in St. Petersburg passiert war, hinter allen vorstellbaren Grenzen der Brutalität läge. Die Nazis wollten die Stadt „als die Wiege des so genannten jüdischen Bolschewismus vernichten“, betonte Lammert, deshalb wurde das Sterben in Leningrad zu einem Alltagsgeschehen.

Laut Lammert träge die „menschenverachtende Rassenideologie des Nationalsozialismus“ Verantwortung für die systematische Vernichtung der Menschen in Leningrad und Auschwitz. Nach Einschätzungen starben damals mehr als eine Million Menschen an Hunger und nach deutschen Luftangriffen.

Daniil Granin erzählte, dass viele Menschen am 27. Januar auf den Piskarjowskoe-Friedhof, einen der meist symbolhaften Friedhöfe der Stadt, kamen und Zwieback, Bonbons und Gebäck mitbrachten, um ihre Liebe gegenüber den Menschen, die diese tragischen und grausamen Ereignisse überstanden hatten, zu äußern.

Nach Granins Worten waren Strom- und Wasserversorgung sowie Heizung gleich nach der Einkesselung der Stadt abgeschaltet und Brotrationen gekürzt worden. Diese betrügen 250 Gramm pro Tag für Arbeiter und 125 Gram für Angestellte und Kinder.

„Es gab gar keine Zufuhr von Lebensmitteln, im Winter sanken die Temperaturen bis zu minus 30 Grad, die Stadt wurde jeden Tag schonungslos gebombt, Feuer brach immer wieder auf und Häuser brannten tags und nachts. Einwohner waren völlig erschöpft, aber trotz alledem fuhren sie fort, an den Fabriken, wo Munition und Militärtechnik hergestellt wurden, zu arbeiten“, so Granin.

Der Schriftsteller erinnerte, dass auf Hitlers Befehl die Stadt nicht betreten werden sollte, damit man blutige Straßenkämpfe vermeiden könnte. Die Wehrmacht glaubte, dass Hunger und Frost die Stadt in die Knie zwingen werden. So wurde der Krieg hier zu einem bequemen Warten auf die Kapitulation, betonte Granin.

Die Zuschauer erzählten, dass Granins Beitrag im Bundestag höchst emotionell war. Danach standen alle Abgeordneten auf und ehrten Granin mit einem Beifallsturm. Manchen traten Tränen in die Augen. Ganz Deutschland sah sich die Rede auf mehreren Fernsehkanälen live an.

Nach dem Beitrag im Bundestag traf sich der Schriftsteller mit Jugendlichen, die zuvor in St. Petersburg waren und Blockade-Gedenkstätten besichtigt hatten. Zum Abschluss seines Besuches trifft sich Granin mit Helmut Schmidt. Der ehemalige Bundeskanzler und einer der berühmtesten und angesehensten Politiker Deutschlands kämpfte auch bei Leningrad als Wehrmachtsoldat. Der Altkanzler gab mehrmals nach dem Krieg zu, dass er in jenen furchtbaren Zeiten, insbesondere auf der Leningrad-Front, sich der Hässlichkeit der Nazi-Ideen vergewissert und auf diese verzichtet hatte.

Granin und Schmidt sind beide 95 Jahre alt und 70 Jahre davon verbrachten sie im Frieden, in der Welt ohne Krieg.

30.01.2014

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