Interview des Botschafters der Russischen Föderation, Vladimir V.Kotenev, für die Zeitung „Thüringer Allgemeine“ , 2. Januar 2010

Präsident Medwedew forderte kürzlich die Emanzipation der russischen Bürger vom Staat – was bezweckt er?

Der russische Philosoph Nikolai Berdjajew sagte einmal, für einen Westeuropäer sei Freiheit die Teilhabe an den Entscheidungen der Macht – für einen Russen hingegen bestünde Freiheit darin, frei davon zu sein, Entscheidungen zu treffen. Wenn dies zutrifft – und das ist durchaus umstritten -, dann will Präsident Dmitri Medwedew genau das ändern.

Der Zerfall der Sowjetunion ist für viele Russen nach wie vor ein Trauma. Warum?

Nicht wenige glauben, früher war es besser. Der Übergang von der Planwirtschaft in die Marktwirtschaft – oder vielleicht besser noch den wilden Kapitalismus – hat für viele Menschen Niederlagen und Entbehrungen gebracht. In den Neunzigern ging es fast 60 Prozent der Menschen schlechter als noch in der Sowjetunion. Und deren Zerfall in 15 Teile hat zudem neue Grenzen zwischen unzählige Familien gebracht. Erst mit Wladimir Putin ging es wieder bergauf.

Ist das Land heute eine Demokratie?

Aber ja. Wir haben Wahlen, politische Parteien, gesellschaftliche Organisationen. . .

. . .von denen nicht wenige um ihr Leben fürchten, wenn sie offen ihre Meinung sagen.

Jeder kann seine Meinung sagen. Richtig ist, dass die politische Landschaft Russlands noch nicht den Stand etwa Frankreichs hat. Aber wir sind auf dem Weg dorthin.

Ist Ihre Nation europäisch oder asiatisch?

Russen sind Europäer. Die russische Kultur ist ebenso Teil der europäischen Kultur wie umgekehrt. Namen wie Dostojewski, Tolstoi, Nabokow, Tschaikowski, Kandinski sind aus dem kulturellen Erbe Europas nicht wegzudenken. Und für uns sind die Fragen, die in Shakespeares „Hamlet“ oder Goethes „Faust“ aufgeworfen werden, genauso aktuell und nachvollziehbar wie für europäische Leser. Und was die Wirtschaft anbetrifft, so wickeln wir 60 Prozent unseres Außenhandels mit der EU ab. In Russland sind allein 6000 deutsche Unternehmen aktiv.

Und auf politischer Ebene? Schaut der Kreml eher nach Westen oder nach Asien?

Unsere Interessen sind global. Und so wie der Adler unseres Staatswappens zwei Köpfe hat schaut auch der Kreml sowohl nach West als auch nach Ost.

Wo enden für Sie transatlantische Beziehungen? In Warschau oder in Wladiwostok?

Eigentlich stört mich der Begriff transatlantisch, ist er doch vor allem militärpolitisch belegt. Aber insgesamt braucht es eine Sicherheitsarchitektur, die von Vancouver bis Wladiwostok reicht und Präsident Medwedew schlägt genau das vor.

Wo bestünde Konsens, wo Dissens, wenn Moskau, Brüssel und Washington einen solchen umfassenden sicherheitspolitischen Raum ernsthaft diskutieren würden?

Dissens bestünde sicher in der Frage neuer Nato-Erweiterungen in Richtung Osten. Einig wäre man sich bestimmt – wie schon jetzt – bei Sicherheitsgefahren, die nur gemeinsam gelöst werden können. Etwa bei der Piraterie, dem Klimawandel oder in Afghanistan.

Dmitri Rogozin, russischer Nato-Botschafter, sagte kürzlich, die Rote Armee sei in Afghanistan erfolgreicher gewesen als die Nato. Sind Sie auch dieser Meinung?

Ohne den Kontext der Äußerung meines Kollegen zu kennen, kann ich diese nicht kommentieren. Damals hat uns die afghanische Regierung mehrmals gebeten, die Truppen einzuführen. Ob wir das tun sollten, war in der sowjetischen Führung übrigens äußerst umstritten – man wusste, dass man sich (wie die Nato heute) auf ein Land einließ, dass man nicht kannte. Man hat sich trotzdem für den Einsatz entschieden, da befürchtet wurde, dass Afghanistan sonst in die Hände der NATO fällt und wir neben der Türkei ein zweites Land mit US-Stützpunkten an unserer Südgrenze bekommen. Folglich wurde Afghanistan zu unserem Vietnam – mit über 13000 Gefallenen.

Russland zahlte am Hindukusch viel Lehrgeld – wie sehen Sie das deutsche Engagement?

Wir wollen, dass die Mission der ISAF, einschließlich des deutschen Kontingents, zu einem Erfolg wird und bemühen uns, sie nach Kräften zu unterstützen. Bei einem Scheitern wären die Konsequenzen nämlich auch unser Problem.

Die westlichen Befürworter der Nato-Erweiterung argumentieren, dass jeder Staat selbst über Mitgliedschaften entscheiden können muss. Ist dies auch Ihre Philosophie?

Ja. Aber im Falle der eventuellen Nato-Mitgliedschaft der Ukraine ist dies nicht gegeben. 70 Prozent der Ukrainer lehnen einen Beitritt zur Allianz ab.

Lassen Sie uns spekulieren, wie Eurasien in 50 Jahren aussieht: Ist Russland Mitglied der EU oder gar der Nato?

Ich bin kein Science-Fiction-Autor. Niemand kann vorausschauen, wie die Welt in 50 Jahren überhaupt strukturiert wird und ob es noch die EU und die Nato in der heutigen Form geben wird.

Wie blicken Sie auf die neue schwarz-gelbe Regierung? Ist mit dem Ausscheiden der SPD aus Regierungsverantwortung und Auswärtigem Amt auch die Konzilianz in Richtung Moskau verschwunden?

Zumindest seit Willi Brandts neuer Ostpolitik war die SPD ein Fürsprecher der Annäherung unserer Länder. In dieser Tradition stand auch Frank-Walter Steinmeier als Außenminister. Aber die neue Ostpolitik war ein Werk von SPD und FDP. Auch Walter Scheel und Hans-Dietrich Genscher waren geistige Väter. Und letzterer ist erklärtes Vorbild für den neuen Außenminister Guido Westerwelle.

Fast zwei Jahrzehnte nach dem Ende der Sowjetunion sprechen Zeitzeugen von einem Verfall alter russischer Werte. Moskau sei nicht mehr eine intellektuelle Welthauptstadt, sondern eine profitorientierte Neonlicht-Metropole. . .

. . . Moskau ist heute in der Tat ein kapitalistischer Moloch, wie jede aufstrebende Weltmetropole. Dass hierzulande aber nur noch das neue Luxus-Leben der Superreichen wahrgenommen wird und nicht mehr die intellektuelle Kreativität der Stadt, liegt schlicht an der selektiven Berichterstattung der ausländischen Korrespondenten.

Sie kennen als Diplomat auch noch das geteilte Deutschland – ist die Wiedervereinigung inzwischen vollzogen oder gibt es noch merkliche Unterschiede zwischen Ost und West?

Jein. Bei jungen Menschen wird man wohl kaum erkennen, aus welchem Teil Deutschlands sie kommen. Bei vielen älteren Menschen ist die Mauer in den Köpfen aber geblieben. Ich kann nur dem brandenburgischen Ministerpräsidenten Matthias Platzek beipflichten, wenn er sagt, man muss die Menschen im Osten danach beurteilen, was sie nach der Wende erreicht haben. Wenn eine solche Sichtweise obsiegt, wird dann die Wiedervereinigung vollzogen sein.
21.01.2010

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