Interview des Botschafters der Russischen Föderation Vladimir V.Kotenev für Informationsblatt des Auswärtigen Amtes Deutschland

1. Herr Botschafter, Sie sind ein großer Kenner der deutsch-russischen Beziehungen. Was sind für Sie die Wesensmerkmale unserer Zusammenarbeit?

Die Wesensmerkmale der russisch-deutschen Beziehungen sind ihre Intensität und ihre Bandbreite: es gibt wohl keinen Bereich, ob Politik, Wirtschaft, Kultur oder Forschung, wo nicht bereits ein dichtes Geflecht an Kooperationen entstanden ist. Ein weiteres Wesensmerkmal ist die besondere Verantwortung, die wir als die zwei bevölkerungsreichsten Nationen Europas für die Stabilität und Sicherheit unseres Kontinents und als die viert- und die siebtgrößte Volkswirtschaft der Welt für die nachhaltige Entwicklung der Weltwirtschaft tragen.

Kennzeichnend für das bilaterale Verhältnis sind daher die besonderen Formate der Zusammenarbeit, von denen einige in den zwischenstaatlichen Beziehungen einmalig sind. Dazu gehören unter anderem die jährlichen zwischenstaatlichen Gipfelkonsultationen, an denen neben dem russischen Präsidenten und der deutschen Bundeskanzlerin die Kabinette beider Staaten fast vollzählig teilnehmen, die strategischen Arbeitsgruppen für Sicherheitspolitik und für die Wirtschafts- und Finanzfragen und im Bereich des zivilgesellschaftlichen Zusammenwirkens – der Petersburger Dialog.

2. Der Kontakt unserer Zivilgesellschaften liegt Ihnen am Herzen. In welchen Bereichen sehen Sie noch Verbesserungsmöglichkeiten für die zivilgesellschaftliche Zusammenarbeit?

Kontakte zwischen den Zivilgesellschaften kann es nie genug geben. Verbesserungsbedarf gibt es immer. Was wir, meines Erachtens, derzeit besonders fordern müssen, ist der Dialog zwischen den Medienvertretern – also zwischen den Menschen, die die Meinung in der Gesellschaft über das jeweilige Partnerland bilden – und den Jugendaustausch, denn die Jugend von heute bestimmt die russisch-deutschen Beziehungen von morgen.

Ganz wichtig ist auch, dass Menschen miteinander barrierenfrei kommunizieren können. Und wenn wir uns wünschen, den zivilgesellschaftlichen Dialog zwischen Russland und Deutschland auf das Niveau zu heben, welches zwischen Deutschland und Frankreich existiert, dann müssen wir uns für die Reisefreiheit einsetzen. Als ich vor meiner Berliner Zeit die Konsularabteilung im russischen Außenministerium geleitet habe, setzte ich mich zusammen mit dem damaligen deutschen Botschafter in Moskau, Hans-Friedrich von Ploetz, für das russisch-deutsche Abkommen über die gegenseitige Reiseerleichterung ein, das später zum Modell für einen entsprechenden Russland-EU-Vertrag wurde. Es war ein wichtiger Schritt in diese Richtung. Es müssen aber weitere getan werden. Russland ist seinerseits dazu bereit.

3. Was wurden Sie deutschen Nichtregierungsorganisationen raten, die sich heute in Russland engagieren wollen?

Ich begrüßte das Bestreben der deutschen NGOs, die Zusammenarbeit mit ihren russischen Partnern auszubauen. Die Botschaft erhält Dutzende Anfragen von gesellschaftlichen Vereinen verschiedener Art mit der Bitte, die Verwirklichung ihrer Projekte in Russland oder die Kontaktaufnahme mit russischen Kollegen zu unterstützen. Wir tun unser Bestes, um diese Initiativen zu fördern.

In Russland haben ca. 250 Filialen und Vertretungen internationaler und ausländischer NGOs ihren Sitz. Schon lange und erfolgreich agieren hier verschiedene deutsche Stiftungen, wie die Konrad-Adenauer-Stiftung, die Friedrich-Ebert-Stiftung, die Friedrich-Naumann-Stiftung oder die Rosa-Luxemburg-Stiftung. Die Entwicklung der Institutionen der Zivilgesellschaft ist eine der wichtigsten Staatsaufgaben des heutigen Russlands. Wir sind bestrebt, die NGOs zu unterstützen, damit sie aktiver an diesem Prozess teilnehmen. Nichtregierungsorganisationen leisten einen gewichtigen Beitrag zu Problemlösungen in solchen Bereichen wie Bildung, Erziehung, Gesundheitswesen, Jugendaustausch, Schutz der Sozial- und Arbeitsrechte der Bürger und vieles mehr.

Das hat der russische Präsident Medwedew mehrmals hervorgehoben, unter anderem am 15. April, in der Sitzung des Rates für die Förderung der Zivilgesellschaftsinstitutionen und Menschenrechte.

Wir sehen ein, dass unsere Gesetzgebung im Bereich NGOs immer noch nicht vollkommen ist und arbeiten weiter an ihr.

Zugleich möchte ich betonen, dass die Effizienz der Tätigkeit der ausländischen NGOs vor allem daran zu messen ist, inwieweit sie die realen Belange der Menschen in meinem Lande berücksichtigen. In ihrer Geschichte haben die Russen nie einen fremden erhobenen Zeigefinger als der Wahrheit letzten Schluss empfunden. Wer selber im Sozialen, in Menschenrechtsfragen, bei Bewältigung der Vergangenheit nicht immer beispielhaft ist, darf die Russen nicht dauernd belehren.

4. Welche sind Ihre persönlichen Eindrücke und Begegnungen mit dem gesellschaftlichen Bereich in Deutschland?

Meine zahlreichen Treffen und Kontakte mit Vertretern verschiedener gesellschaftlicher Institutionen und Vereine der Bundesrepublik Deutschland zeigen, dass die Deutschen ein riesiges Interesse an Russland und an einer dauerhaften Partnerschaft haben.

Viele von ihnen, wenn nicht die Mehrheit, sind frei von der Ideologie der besseren, von irgendjemandem „bestimmten“ Werte. Sie nehmen Russland wahr, wie es ist, ohne Stereotype und Vorurteile des „Kalten Krieges“, sehen in unserem Land ein großes Innovationspotenzial und beurteilen die in Russland laufenden sozialwirtschaftlichen Prozesse aufgrund der allgemeinmenschlichen Vorstellungen von Moral und Sittlichkeit.

5. Der Erwerb der russischen Sprache in Deutschland ist auch für Sie ein wichtiges Thema. Wie, glauben Sie, kann man erfolgreich für die russische Sprache werben?

Wir sind schon besorgt um die sich in Deutschland abzeichnende Tendenz weitgehender Minderung vorhandener Möglichkeiten für das Erlernen der russischen Sprache, die Reduzierung von Lehrstellen und Lehrstühlen für Russistik in den Universitäten.

Die Nachfrage nach gut qualifizierten ausländischen und darunter auch deutschen Fachleuten mit Russischkenntnissen bleibt aber stabil hoch. In Russland agieren heutzutage über 5000 deutsche Unternehmen.

Im letzten Jahr organisierte Russland den „Internationalen Tag der Russischen Sprache“. Alleine in Deutschland wurden mehr als 50 Konferenzen, Seminare und Sprachwettbewerbe durchgeführt. Nationale Koordinationszentren für Jugendaustausch starteten das Informationsprojekt „Russische Schatulle“, dessen Ziel es ist, die russische Sprache in deutschen Schulen zu verbreiten. Russischlehrer aus Deutschland besuchen regelmäßig die Fortbildungskurse in Russland. Das russische Kulturzentrum in Berlin mit seinen Filialen in anderen Bundesländern leistet dazu einen gewichtigen Beitrag. Immerhin, insgesamt gezahlt – Russlanddeutsche, gemischte Familien, Ex-Sowjetbürger, DDR-Studenten in der UdSSR – sprechen heute in der Bundesrepublik etwa sechs Millionen Menschen Russisch.
29.06.2009

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