Ansprache des Botschafters der Russischen Föderation Vladimir V.Kotenev beim russischen Abend anlässlich des Treffens der Familienunternehmen, Botschaft der Russischen Föderation in Berlin, 25.Juni 2009

Sehr geehrter Herr Hennerkes,

Sehr geehrte Damen und Herren,

ich freue mich, Sie im Russischen Palais Unter den Linden zur festlichen Veranstaltung der Stiftung Familienunternehmen begrüßen zu dürfen. Es ist eine gute Gelegenheit für einen Meinungsaustausch mit einem interessierten Auditorium über die aktuellen Themen der russisch-deutschen wirtschaftlichen Kooperation.

Aus Erfahrung während meiner mittlerweile über 5 Jahre langen Arbeit als Botschafter in Deutschland kann ich sagen: wenn hierzulande über Russland gesprochen wird, hat man meist entweder Russland von gestern – also aus den frühen 90er Jahren – oder gar Russland von vorgestern – sprich Sowjetunion – vor Augen. Das ist ja auch nicht verwunderlich. Wenn ein Land sich dermaßen rasant verändert, ist es nicht leicht, stets die Hand am Puls zu halten. Da greift mancher lieber zu alten Klischees.

In dieser Zeit habe ich mit Dutzenden von Tausenden Deutschen gesprochen. Und ich kam zu der festen Überzeugung, dass die meisten von ihnen danach streben, Probleme und Interessen Russlands besser zu verstehen und dass sie am weiteren Ausbau der gegenseitig vorteilhaften Zusammenarbeit interessiert sind.

Heute entwickeln sich die russisch-deutschen Beziehungen insgesamt dynamisch und konstruktiv, in einer Atmosphäre des gegenseitigen Vertrauens, die gleichberechtigte und gegenseitig respektvolle Zusammenarbeit ermöglicht.

Einer der bedeutendsten Eckpfeiler dieser Zusammenarbeit liegt ohne Zweifel im Wirtschaftsbereich. Hier geht es seit Jahren erfreulicherweise stets bergauf. Der bilaterale Handelsumsatz erreichte in 2008 über 68 Mrd. Euro und stieg damit im Vergleich zum Vorjahr um 19,6%. Übrigens sind die Zuwachsraten bei den Exportlieferungen aus Deutschland nach Russland deutlich größer als bei den deutschen Ausfuhren in andere Länder. Auch wenn im I. Quartal d.J. der russisch-deutsche Handelsumsatz krisenbedingt ca. 31% eingebüßt hat, hoffen wir, dass der bilaterale Warenaustausch in absehbarer Zeit wieder Tritt fasst.

Die stabile Wirtschaftssituation in Russland in den letzten acht Jahren, die Novellierung der Gesetzgebung, die Schaffung der transparenten Bedingungen für ausländische Unternehmen haben zur Steigerung der Investitionsanreize beigetragen. Seit 2001 hat sich die Zahl der in Russland tätigen deutschen Unternehmen verdoppelt und beträgt zurzeit über 6 Tausend. Zwei Drittel davon entfällt auf Mittelstand. Die meisten haben sich als zuverlässige Partner erwiesen. Die Geographie der Tätigkeit der deutschen Firmen in Russland hat sich ebenfalls erweitert. Es sind heute 2/3 der 83 Russischen Regionen in die Wirtschaftskooperation mit den deutschen Partnern involviert.

Ein hervorragendes Beispiel des Engagements deutscher Familienunternehmen ist die Erfolgsgeschichte der Firma „Knauf Gipswerke“. Sehr aktiv in Russland ist der Landwirtschaftsmaschinenproduzent „Claas“. Heute findet sich bei uns kaum ein Lebensmittelgeschäft, das keine Erzeugnisse des bayrischen Familienunternehmens „Ehrmann“ auf dem Regal hat. Und wer aus eigener Kraft die Wohnung renoviert – was in Russland inzwischen zum Volkssport geworden ist – kauft immer häufiger bei OBI ein. Dies sind nur einige der inzwischen vielen deutschen Familienunternehmen, die sich in der Russischen Föderation niedergelassen haben und ihre Geschäfte auf unserem Markt konsequent entfalten.

Ein paar Worte dazu, was heute der russische Mittelstand darstellt. Der entwickelt sich dynamisch. Derzeit entfällt ein Fünftel aller Beschäftigten und ein Fünftel des Bruttoinlandsproduktes auf mittelständische Unternehmen. Die russische Regierung sieht eine ihrer wichtigsten Aufgaben darin, diese zu unterstützen, und hat ein ambitioniertes Ziel gesetzt, in den nächsten Jahren den Anteil des Mittelstandes an der gesamten Volkswirtschaft auf das Niveau der führenden Industrieländer zu heben. Das heißt 40% des Bruttoinlandsprodukts und 50% aller Beschäftigten.

Um dieses Ziel zu erreichen, wurde eine Reihe von Maßnahmen ergriffen. Dazu gehören günstige Kredite, erleichterter Zugang zu Staats- und Kommunalaufträgen, Vergünstigungen bei der Vermietung von Büroräumen, Sondertarife für Strom und Gas u.s.w. Es gibt Fortbildungsprogramme für Manager der mittelständischen Firmen. Eines davon wird übrigens sehr erfolgreich in Kooperation mit dem deutschen Bundesministerium für Wirtschaft und Technologie umgesetzt. In bestimmten Fällen können Mittelständler auch mit staatlichen Zuschüssen rechnen. Es gibt eine starke Vereinigung der mittelständischen Unternehmen „Opora Rossii“ (auf Deutsch „die Stütze Russlands“). Auch mit ihren deutschen Kollegen arbeiten die russischen Mittelständer immer aktiver zusammen. Im November vergangenen Jahres fand in Stuttgart bereits die dritte russisch-deutsche Mittelstandskonferenz statt.

Trotz der Turbulenzen, die heutzutage auf den Finanzmärkten zu beobachten sind, sowie deren negativen Auswirkungen auf die Realwirtschaft und den internationalen Handel sind die Aussichten der deutsch-russischen Handels- und Wirtschaftbeziehungen weitgehend positiv einzuschätzen. Denn sie stützen sich auf die sehr günstige gegenseitige Ergänzung der beiden Volkswirtschaften und haben ein strategisches und nachhaltiges Profil. Die russisch-deutschen Wirtschaftsbeziehungen verfügen über ein großes unausgeschöpftes Potential, in erster Linie in solchen traditionellen Branchen wie Energie, Autoindustrie, Maschinenbau, Bauindustrie, Landwirtschaft.

In all diesen Zweigen sind wir an den deutschen Erfahrungen und Technologien in diesem Bereich sehr interessiert. Nehmen wir z.B. eine der für uns wichtigsten Aufgaben – Modernisierung der russischen Maschinenbauindustrie. Einsatz der modernen deutschen Technologien im Rahmen gemeinsamer Projekte wird sicherlich dazu beitragen, dass die russische Maschinenbauproduktion zur Förderung der Hochtechnologiebranchen, Energie- und Transportinfrastrukturausbau effektiv genutzt werden kann. Wiederum ein gutes Beispiel – Beteiligung des deutschen Familienunternehmens Liebherr an der Entwicklung des neuen russischen Passagierflugzeuges Super Jet 100, welches zu einem Verkaufsschlager auf dem globalen Markt regionaler Maschinen werden kann. Ein gewaltiges Kooperationspotential steckt im Bereich der Nanotechnologien. Das russische Staatsunternehmen Rosnano hat in Deutschland bereits einige Partner für lukrative Vorhaben gewonnen, ist aber weiterhin für Partnerschaften in zahlreichen zukunftsweisenden Projekten offen.

Seien auch Sie, meine Damen und Herren, herzlich eingeladen, die russisch-deutsche partnerschaftlichen Beziehungen mitzugestalten. Ich wünsche Ihnen einen unterhaltsamen Abend mit vielen interessanten Gesprächen.
29.06.2009

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