Interview des Außenministers Russlands mit den führenden Nachrichtenagenturen Afghanistans, 16. März 2009

Frage: In diesem Jahr wird der 90-jährige Jahrestag der diplomatischen Beziehungen zwischen Russland und Afghanistan. Wie können Sie dieses Ereignis kommentieren?

S.V. Lawrow: Ich freue mich innig, Afghanistan im Jubiläumsjahr unserer Beziehungen zu besuchen. Ich bin sicher, ihr gebt mir recht, dass die langjährige Geschichte der russisch-afghanischen Beziehungen im Großen und Ganzen von ihrem guten nachbarschaftlichen und freundschaftlichen Charakter zeugt. Und das ist die Grundlage für die breite und beiderseitig vorteilhafte Zusammenarbeit.

Russland war der erste Staat, der die Unabhängigkeit Afghanistans anerkannt hat. Gerade unser Land hat Afghanistan geholfen, die Unabhängigkeit zu behaupten und zu festigen. Russland hat der afghanischen Regierung geholfen, die nationale Armee auszurüsten, Luftstreitkräfte zu bilden, Industrie- und Rüstungswerken sowie die Telegrafenleitung Kuschka-Herat-Kandahar-Kabul, die unsere Länder verbunden hat, zu bauen.

Es gibt mehrere Symbole unserer Freundschaft. Das sind: ein Wohnbezirk in Kabul, die Polytechnische Universität Kabul, das Wasserkraftwerk „Naglu“, der Tunnel „Salang“ und die Autobahn, an der er liegt, der Kabuler Elevator, das Stickstoffdüngerwerk in Masari-Scharif und andere Objekte.

Heute befinden sich die Geschichte Afghanistans und unsere bilateralen Beziehungen auf einer neuen Stufe. Wir sehen unsere Aufgabe darin, dem befreundeten afghanischen Volk höchstmögliche Hilfe zu leisten, es zu unterstützen. Das liegt in unseren Traditionen des gegenseitigen Vertrauens und Hilfe.

Frage: Welchen Beitrag leistet Russland zum Aufbau des modernen Afghanistans?

S.V. Lawrow: Russland ist am Aufbau Afghanistans als eines stabilen demokratischen und blühenden Staates interessiert, und wir bemühen uns, mit praktischen Handlungen zu diesem Ziel beizutragen.

So wurde im Jahre 2007 in Moskau eine Vereinbarung unterzeichnet, die für Afghanistan und für unsere gegenseitige Zusammenarbeit von großer Wichtigkeit ist. Es geht um die Tilgung afghanischer Schulden an unseren Staat in Höhe von über 10 Mrd. $.

Die Tätigkeit russischer Experten, die auf dem afghanischen Boden arbeiten, trägt zur sozialen und ökonomischen Entwicklung des afghanischen Staates bei. Unter ihrer Beteiligung wird das bereits erwähnte Wasserkraftwerk „Naglu“ gebaut, in verschiedenen Provinzen werden Miniwasserkraftwerke errichtet. Sie haben den technischen Zustand des Salang-Tunnels inspiziert.

Nach wie vor beteiligen wir uns an der Ausbildung von Fachkräften, die heute für Afghanistan so notwendig sind. Das sind sowohl afghanische Studenten, die an den führenden Hochschulen Russlands in verschiedenen Fachbereichen studieren, als auch Mitarbeiter der Antidrogenbehörden Afghanistans, die ihre Qualifikation an einem spezialisierten Trainingszentrum in der Stadt Domodedowo steigern, sowie afghanische Militärs. Offensichtlich werden bald auch Offiziere der afghanischen Rechtspflegeorgane dazu gehören.

Eine wichtige Richtung der russisch-afghanischen Zusammenarbeit ist die Wiederbelebung des Bildungssystems Afghanistans. In diesem Kontext hat Russland, ungeachtet der Probleme verbunden mit der weltweiten Finanzkrise, Mittel für die Unterstützung der Hochschulbildung in euerem Land und der Wiederaufrichtung von der Polytechnischen Universität Kabul bereitgestellt.

Ständig entwickelt sich die Zusammenarbeit zwischen Russland und Afghanistan bei der Bewältigung der unsere Staaten gefährdenden Bedrohungen: durch Terroristen, Drogen und organisierte Kriminalität. Einen wichtigen Schritt in dieser Richtung stellt das zwischenstaatliche Abkommen über Kooperation bei der Bewältigung des illegalen Drogenhandels dar, das heute unterzeichnet wurde. Ich bin sicher, dass dieses Dokument unsere gemeinsamen Bemühungen bei der Bekämpfung der Drogenkriminalität fördern wird.

Frage: Im vergangenen Jahr wurde Afghanistan mit einem starken Nahrungsmitteldefizit konfrontiert, das durch einen ungewöhnlich harten Winter und die darauffolgende Trockenperiode verursacht wurde. Wir wissen, dass Russland unserem Land humanitäre Hilfe gewährt hat. Was können Sie darüber erzählen?

S.V. Lawrow: Das stimmt. Kürzlich hat Russland Afghanistan 18 Tsd. Tonn Weizenmehl kostenlos übergeben. Außerdem wurden Dieselgeneratoren, Zelte, Kleidung, Medikamente und andere Güter für vorrangige Bedürfnisse der Bevölkerung als humanitäre Hilfe an euer Land geliefert.

Ähnliche Hilfe wurde auch 2007 geleistet. Insgesamt hat Russland im Laufe der letzten Jahre Afghanistan humanitäre Hilfe im Wert von über 40 Mio. Dollar geleistet.

Frage: Ende März dieses Jahres findet in Moskau eine Afghanistan-Konferenz unter der Ägide der SOZ statt. Können Sie ausführlicher über dieses Forum erzählen?

S.V. Lawrow: Diese Konferenz wurde von Russland initiiert, um die internationale Zusammenwirkung im Antiterror- und Antidrogenbereich zu  koordinieren und zu intensivieren. Daran werden die SOZ-Staaten, SOZ-Beobachter, natürlich Afghanistan sowie Turkmenistan, G8-Staaten und eine Reihe von internationalen Organisationen teilnehmen, u.a. die UNO, EU, OVKS, GUS und NATO. Es sollen folgende wichtige Schlussdokumente verabschiedet werden: Die Erklärung der Mitgliedsstaaten der Kontaktgruppe SOZ-Afghanistan und der beiliegende Aktionsplan, der konkrete gemeinsame Maßnahmen enthalten soll. Außerdem planen wir eine Deklaration der Konferenzteilnehmer.

Wir hoffen, dass dieses Forum der internationalen Kooperation bei der Bekämpfung von Herausforderungen durch Terrorismus und Drogenkriminalität, die uns alle gefährden, einen Impuls verleihen wird und die Zusammenarbeit in diesem Bereich durch neue praktische Maßnahmen ergänzt.

Frage: Wie bekannt arbeitet die Administration des Präsidenten B. Obama an einer neuen Strategie für Afghanistan. Wie sehen Sie in diesem Zusammenhang die Zusammenarbeit zwischen Russland, der USA und der NATO bezüglich Afghanistan?

S.V. Lawrow: Soviel es uns bekannt ist, haben die USA die Erarbeitung einer neuen Afghanistan-Strategie noch nicht abgeschlossen. Wir hoffen, dass die dort geplanten Maßnahmen die erwartete Wirkung haben und die Lage in Ihrem Staat stabilisieren werden.

Wir gehen davon aus, dass auf der heutigen Etappe die Präsenz der Internationalen Sicherheitsunterstützungstruppe (ISAF) in Afghanistan, zu der hauptsächlich US-Truppen und ihre NATO-Verbündeten gehören, einen Begrenzungsfaktor für den Terrorismus darstellt und somit den Interessen Afghanistans entspricht. Ich will unterstreichen, dass die ISAF in Ihrem Land aufgrund des Mandats des UNO-Sicherheitsrats handelt. In Anbetracht dessen hat Russland beschlossen, sein Territorium für den Bodentransit der nichtmilitärischen Güter für ISAF-Bedürfnisse bereitzustellen.

Auf der Ebene des Russland-NATO-Rats wird das Programm für die Ausbildung afghanischer Fachleute zur Drogenbekämpfung in dem von mir bereits erwähnten Zentrum in Domodedowo. Wir sind gewillt, dieses Projekt, das im letzten Jahr einen permanenten Status erhalten hat, fortzusetzen.

Gemeinsam mit den USA erwägen wir die Möglichkeit, in Afghanistan Projekte im Energie- und Verkehrsbereich umzusetzen.

Zugleich sind wir wegen der mehreren Todesfälle in der zivilen Bevölkerung infolge der ausländischen Militäroperationen ernsthaft besorgt. In diesem Zusammenhang betrachten wir das erreichte Abkommen zwischen der NATO und dem Verteidigungsministerium Afghanistans über die Koordinierung der Antiterrortätigkeit als einen wichtigen Schritt zur Vorbeugung neuer „nicht selektiver Anschläge“.

Frage: Wie sehen sie die Perspektiven für die russich-afghanische Zusammenarbeit nach der Präsidentschaftswahl in unserem Land?

S.V. Lawrow: Unsere Beziehungen mit Afghanistan haben sich auf die Dauer bewährt. Es ist wichtig, dass die afghanische Seite die Selben Ansichten vertritt. Wir haben keinen anderen Weg, außer der Festigung unserer historischen Freundschaft und der Entwicklung unserer Kooperation zu Gunsten der Bevölkerung beider Staaten, der Stabilisierung in Afghanistan und seiner erfolgreichen sozialen und wirtschaftlichen Entwicklung.

18.03.2009

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