„Berliner Morgenpost“ schreibt über den Botschafter Vladimir V.Kotenev

„Diplomatie ist die Kunst der Konfliktentschärfung, zwei oder mehr Gruppen jedweder Art so zufrieden zu stellen, dass jeder denkt, als Sieger hervorgegangen zu sein.“

 

Sinan Gönül, Aphoristiker

 

Von Bernd Philipp

Er gilt als Russlands wichtigster Vertreter in Deutschland: Vladimir Kotenev. „Putins bester Mann“, rauscht es im Blätterwald. Der Botschafter der Russischen Föderation und seine Frau Maria Koteneva sind die Ikonen im gesellschaftlichen Berlin. Ein Paar mit internationalem Flair, freundlich, verbindlich, Premium-Gastgeber. Sie haben Glanz in die eher dröge Diplomatenszene gebracht. Die Feste in der Botschaft Unter den Linden sind so üppig ausgestattet, dass man denkt, der Zar würde gleich erscheinen. Kein Wunder, dass Wolfgang Joop, der für Pomp and Circumstances steht, sich hier so wohl fühlt. Bei den Russen wird jede Party zu einem Hochamt.

Der Botschafter trifft sich mit mir am Forsthaus Paulsborn (Hüttenweg 90). Von hier aus wollen wir einmal um den Grunewaldsee laufen. Er wohnt ganz in der Nähe, und der See ist seine bevorzugte Spazierroute, wenn er denn mal Zeit hat. Gern auch mal mit Freunden und Berlin-Besuchern, mit denen er im Forsthaus Paulsborn einkehrt. Bei seinem Spaziergang durch den Grunewald trifft er im Vorbeigehen auch schon mal den Bundespräsidenten. „Ein sehr guter Mann“, findet Kotenev, „wenn wir uns beim Rundgang begegnen, wechseln wir ein paar Worte – und dann zieht jeder weiter. Der Bundespräsident ist in Russland ein sehr geschätzter Mann.“ Begegnung auf Augenhöhe.

„Exzellenz“, frage ich, „früher war Diplomatie etwas Mystisches, das schwer zu durchschauen war, hatte etwas Geheimnisvolles…“

„Diplomatie findet heute nicht mehr in

geheimen Zirkeln statt, sondern in der öffentlichen Diskussion mit Menschen aus Politik, Wirtschaft, Kultur – aus allen Bereichen“, meint Kotenev.

So also erklärt sich die Partybegeisterung des Botschafterpaares. Wer zum Beispiel eingeladen ist zum Russisch-Deutschen Ball in der Moskauer Vertretung, der längst zu einem Höhepunkt im gesellschaftlichen Leben der Stadt zählt, wer also zu den Auserwählten gehört, der ist auf der Karriereleiter ganz oben angekommen. Da treffen sich dann ein Ex-Kanzler, der zum Gasmann wurde, einige Vertreter der Autobranche (gerade jetzt für ein üppiges Büfett dankbar), Schlager-Ikonen wie Vicky Leandros, „Kaiser“ Franz Beckenbauer, die Joops und Mitglieder der Berliner Politik. Und wer nicht eingeladen wurde, sitzt beleidigt auf dem Sofa und sagt „Ich hätte sowieso keine Zeit gehabt…“

Die Champagner-und Kavierdiplomatie hat eine neue Lebensart nach Berlin gebracht. Kotenev, bei solchen Anlässen in offizieller Diplomatenuniform der russischen Föderation, begrüßt jeden Gast persönlich und gibt ihm den Eindruck, dass die ganze Veranstaltung nur durch eben diesen Gast geadelt wird.

Ic frage den Boschafter nach seiner Kindheit, die er in Moskau und Neu-Dehli verbrachte, wo sein Vater im diplomatischen Dienst stand.

„Ich hatte eine sehr glückliche Kindheit“, erzählt Kotenev, „meine Eltern haben viel gearbeitet, und wenn meine Schwester und ich aus der Schule kamen, war das Essen vorbereitet, wir mussten es nur warm machen. Mutter war Redakteurin und konnte sehr gut schreiben. Auch durch meinen Vater habe ich begriffen, was Fleiß bedeutet. Die Eltern haben viel für unsere Bildung getan, weil sie wussten: Um die Welt zu verstehen, muss man sich viel Wissen aneignen. Unsere schulische Ausbildung war humanistisch, nicht wissenschaftlich ausgerichtet. Im Alter von sechs Jahren begann ich Bücher zu lesen, mit elf oder zwölf Balzac, Maupassant, Shakespeare, auch Thomas Mann auf russisch. Später dann in deutscher Sprache: Goethe, Heine, Rilke, Herder – die Liebe zur deutschen Dichtung habe ich mir bis heute erhalten.“

Mit seinen schulischen Leistungen machte er den Eltern, die gütig-streng waren, oft eine Freude. „Bei einem besondres guten Zeugnis gab es ein Geschenk“, erinnert sich Kotenev, „aber ein Lob der Eltern war viel wichtiger…“

Wer heute Kinder hat, wird diesen Satz mit Wehmut und Nachdenklichkeit lesen…

Als Vladimir sechs Jahre alt war, zogen die Kotenevs für vier Jahre nach Neu-Dehli, wo sein Vater in der russischen Botschaft arbeitete. „Da habe ich durch Angriffe der pakistanischen Streitkräfte den Krieg erlebt. Wir mussten die Zimmer verdunkeln, zum Glück fielen keine Bomben auf die Botschaft. Was damals dort statt fand, waren quasi die Wurzeln auch der aktuellen Auseinandersetzungen. Was ich nie vergessen werde: Die unbegreifliche Armut in Indien, das pure Elend. Die Russen waren ja auch nicht reich, aber es waren alle versorgt – und es langte immer für Bildung und für die medizinische Betreuung.“

Der Grunewaldsee, an dessen Ufer die besseren Berliner Hunde Auslauf haben und ihre Frauchen im Winter gerade sonntags gern ihre Pelzschau und Berlin zur Weltstadt mit Nerz machen, gehört vollständig zum Ortsteil Grunewald des Bezirks Charlottenburg-Wilmersdorf. Teile des südöstlichen Ufers, das von Kurfürst Joachim II. errichtete Jagdschloss sowie das historische Jagdrestaurant und Haus Paulsborn gehören zum Ortsteil Dahlem des Bezirks Steglitz-Zehlendorf. Eine Berliner Sonderheit…

„Ich liebe Hunde“, erzählt der Botschafter, „wir haben zwei, kaukasische Schäferhündinnen, die bei meinen Schwiegereltern im Landhaus bei Moskau leben. Die haben ein großes Grundstück, da hat man eben auch Hunde. Die eine habe ich selbst erzogen, die gehorcht aufs Wort. Auf die jüngere hatte ich keinen Einfluss, die geht noch zur Schule…“

Ich hatte auch mal einen Hund, den ich erzogen habe. Er hat überhaupt nicht gehört. Er war der Chef. Ich durfte sein Herrchen sein. In Berlin haben Hunde ja einen heiligen Status. Unvergessen der Satz eines Berliner Hundebesitzers, der sagte: „Mir können Se beleidijen, aber nich meinen Hund.“

1977 war Kotenev das erste Mal in Ost-Berlin als Student im Rahmen eines Austauschprogramms. „Wir waren auch in Dresden, haben die Ruinen der Innenstadt dort gesehen. Auch Bilder, die man nicht vergessen kann.“

Ich frage ihn: „Mit welchem Gefühl kamen Sie als junger Russe nach Berlin? Von hier ging das Unheil durch die Nazis aus.“

„Ich habe damals ja Politikwissenschaften studiert und machte das Diplom an der Hochschule. Wir haben gelernt, dass nicht nur die Geschichte wichtig ist, sondern auch die Gegenwart. In Berlin standen sich ja die beiden Weltmächte direkt gegenüber. Die Mauer, der kalte Krieg – es ging in unseren Köpfen um die Frage, wie ein heißer Krieg zu verhindern ist. Übriges: Die Lebensverhältnisse in der Hauptstadt der DDR haben mich überrascht. Es gab, sieht man mal von Südfrüchten ab, eigentlich alles zu kaufen. Fleisch und Wurst waren von besserer Qualität als bei uns in der Sowjetunion…“

1979 trat Kotenev in den diplomatischen Dienst, war im Konsulat tätig und lernte den West-Teil kennen. „Es war nicht meine erste Begegnung mit dem Westen, als Student war ich zweimal in London gewesen, beobachtete den Wachwechsel vor dem Buckingham Palace. Westberlin beeindruckte mich ebenfalls. Wir sprachen von der so genannten ,Konsumgesellschaft’. War auch im KaDeWe, für uns ein Schaufenster des Westens. Das Angebot war erdrückend. Aber es hat mich nicht gereizt. Außerdem waren wir überzeugt davon, dass das eines Tages auch bei uns so sein würde, nur eben zu anderen gesellschaftlichen Bedingungen. Geschichtlich hat sich dann herausgestellt, dass das eine Täuschung war. Dass die Menschen es nicht verstanden haben, wirklich die Wünsche und Bedürfnisse zu erfüllen wie in der Marktwirtschaft. Aber damals sahen wir das anders. Geld war nicht so wichtig. Es ging nicht um die Frage, was ich mir für eine Yacht kaufe und ob ich mir einen Jaguar zulege…“

„Das hat sich ja inwzsichen geändert“, werfe ich ein, und der Botschafter lächelt ein wenig, man möchte sagen: diplomatisch.

Ich frage ihn, warum es in Berlin eigentlch kein russisches Spitzenrestaurant gibt? Er weist darauf hin, dass man in Berlin sehr wohl gut russisch essen kann, zum Beispiel im Hotel Astoria unweit der Friedrichsstraße. „Es ist so: Erstens haben wir hier in der Botschaft einen sehr guten russische Koch, und zweitens: Wenn wir Besuch aus Russland bekommen, möchten der nicht russisch, sondern deutsch essen. Die freuen sich, wenn sie ein Eisbein serviert bekommen. Russen lieben die deftige deutsche Küche.“

Aber sie lieben auch den russischen Wodka, der auf Feierlichkeiten in randvollen Gläsern kredenzt wird. Das Nationalgetränk gilt als Grundnahrungsmittel, dem sich auch Frauen nicht verschließen. In Berlin kannte man früher nur den „Wodka Schilkin“, noch heute in alle Trinkermunde ist der „Gorbatschow“, des „Wodkas reinste Seele“, wie es in der Werbung heißt. Es gab sogar auch mal einen „Wodka Jelzin“, der sich allerdings nicht durchsetzte. Und wie ist es mit einem „Wodka Putin“?

„Den gibt es auch, allerdings nur bei uns in Russland. der heißt ,Putinka’… Es ist übrigens nicht so, dass die Russen ausschließlich Vodka trinken – inzwischen genießen viele auch einen guten Wein, einen Cognac oder einen Whisky.“ Mag sein, wer sich das leisten kann. Der arme Bauer, der sich nach des Tages Mühe einen Cognac gönnt, dürfte wohl die Ausnahme sein. Wie auch immer: alles fließt…

Der Botschafter gilt als eloquent, umfassend gebildet, als freundlich und charmant. „Mit welcher Frage könnte ich Sie denn zornig machen?“ will ich wissen.

„Zornig? Mich können Sie nicht zornig machen, weil ich zu Zorn nicht neige. Ich werde gelegentlich unruhig, wenn man mir das Wort im Munde umdreht. Sie können mich fragen, was Sie wollen. Ich schildere Ihnen dann meinen Standpunkt. Aber wenn Sie mich nicht verstehen wollen und immer dasselbe fragen, werde ich ungeduldig.“

Schon sind wir bei den Medien. „Die westlichen Medien machen mich manchmal traurig, weil sie mit Klischees arbeiten. Russland wird meistens nur von der negativen Seite gezeigt. Ich wünsche mir mehr Berichte über das, was in meinem Land geleistet wurde. Natürlich nehmen wir Kritik wichtig, und man kann auch die Regierung kritisieren. Aber alle Dinge nur schwarz-weiß ohne Nuancen zu sehen, kann nicht gut sein. In der öffentlichen Wahrnehmung ist Russland immer der Goliath, der den David bedroht. Und wenn rollende Panzer gezeigt werden, sind es in den westlichen Medien immer russische Panzer. Das ist doch schon sehr einseitig.“

Über den Konflikt der Russen mit Georgien und der Ukraine möchte ich mit dem Botschafter nicht reden. Erstens ist das Thema in Hunderten von Analysen in allen Medien behandelt worden, ohne dass die Darstellung der unterschiedlichen Auffassungen zu einem Ergebnis geführt hätte. Und zweitens, weil ich für den Botschafter ein leichter Fang wäre.

„Hört auf, die Russen derart zu provozieren“ – unter dieser Überschrift schrieb Rolf Hochhuth in der Welt am Sonntag einen Beitrag, in dem er sich empört über den Gedanken, Ukraine und Georgien könnten Mitlieder der Nato werden. Das Thema hat eine Dimension, die noch nicht überschaubar ist.

Wir haben jetzt den See einmal umrundet. Es gab keine Bissverletzungen durch Hunde. Den Bundespräsident haben wir auch nicht getroffen. „Wenn es nicht noch so früh wäre und wir mehr Zeit hätten, müssten wir jetzt eigentlich noch im Restaurant einen Glühwein trinken. Das mache ich im Winter gern auch mit meinen russischen Gästen.“ Wie schön: Der Glühwein eint die Nationen. Bei so viel Harmonie zwischen Deutschen und Russen versteht sich auch die Grußadresse des Botschafters ans neue Jahr: „Ich wünsche unseren Völkern weiterhin eine friedliche, prosperierende und kulturmäßig intensive Zukunft.“

Das Wort zum Sonntag. Exzellenz, so soll es sein. Darauf einen Glühwein. Oder doch besser einen Wodka?
15.01.2009

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