Ansprache des Botschafters der Russischen Föderation, S.E. Vladimir V. Kotenev anlässlich der Übergabe der letzten sechs Kirchenfenster an Marienkirche in Frankfurt (Oder), Frankfurt (Oder), 17.November 2008

Sehr geehrter Herr Staatsminister,

Sehr geehrter Herr Oberbürgermeister,

Meine sehr geehrten Damen und Herren,

Die Heimkehr ist immer ein besonderes Erlebnis. Vor allem wenn der Heimkehrer eine lange Zeit abwesend war oder gar vermisst geglaubt wurde, ist die Freude der Daheimgebliebenen groß. Entsprechend muss man sich in Frankfurt an der Oder vor sechs Jahren gefreut haben, als die Übergabe der aufwendig restaurierten 111 mittelalterlichen Glasmosaikfenster der St. Marienkirche von Russland an Deutschland stattfand. Heute kehren die letzten Chorfenster an die Oder zurück. Somit erstrahlt dieses Gotteshaus, das seit 1250 ein Wahrzeichen der Stadt ist, in seinem alten Glanz.

Das heute Ereignis ist ein weiterer Meilenstein in einem Prozess, der vor einem halben Jahrhundert angestoßen wurde. Vor zwei Wochen haben wir uns mit dem Festakt in Berliner Pergamon-Museum das 50-jährige Jubiläum der Rückgabe der eineinhalb Millionen Kunstwerke aus der ehemaligen Sowjetunion in die Museen der DDR gefeiert. Damals kehrten die Schätze aus der Dresdener Gemäldegalerie, aus dem Grünen Gewölbe, aus dem Pergamon-Museum sowie der Berliner, Leipziger, Schweriner Sammlungen, nach Deutschland zurück.

Es war die größte Rückgabeaktion von Kunstwerken in der Geschichte, die jenseits wirtschaftlicher Zwänge, historischer Erblasten und Ressentiments stattfand. Man hat den Wert der damals zurückgegebenen Kulturgegenstände nie genau berechnet. Viele Experten sind jedoch der Meinung, dass er mit dem gesamten Volumen der Hilfeleistungen im Rahmen des Marshall-Plans vergleichbar ist. Die damals noch nach dem Krieg wirtschaftlich angeschlagene Sowjetunion hat diesen Schritt bewusst getan und legte damit den Grundstein für die historische Aussöhnung zwischen unseren Völkern, die später darin gipfelte, dass bei den Feierlichkeiten anlässlich des 60. Jahrestages des Kriegendes ein deutscher Kanzler auf der Ehrentribüne als Repräsentant eines befreundeten Landes saß.

Ein Bestandteil dieses Prozesses der historischen Aussöhnung ist zweifelsohne die gegenseitige Rückführung der kriegsbedingt verbrachten Kulturgüter. Ich möchte das Wort „gegenseitig“ betonen, da hierzulande die „Beutekunstfrage“ in den Medien oft als russische „Bringschuld“ behandelt wird. Dabei wird offenbar vergessen, dass während des Raubzuges der Wehrmacht zahlreiche russische Museen ausgeplündert wurden, wonach viele Kunstschätze für immer verschwanden.

Deswegen werden gerade bei der Handhabung des Themas der kriegsbedingt verlagerten Kulturgüter Professionalität, Augenmaß und Fingerspitzengefühl gefragt. Wie es geht wird heute von deutschen und russischen Museen vorgeführt, die heute ihre Beziehungen auf eine neue, kooperative Grundlage stellen und gemeinsam eine exzellente Arbeit leisten.

Man sagt, die Mosaikfenster der Marienkirche hätten eine geradezu magische Wirkung: wenn Mann mitten im lichtdurchflutetem Gotteshaus stehe, enthülle jeder Lichtstrahl eine Harmonie unaussprechlichen Ganzes. Ich sehe diese wiederkehrende Harmonie auch als Symbol für die von Generation mühevoll erarbeitete Harmonie im Verhältnis zwischen dem russischen und deutschen Volk, die wir alle als einen kostbarsten Schatz zu hüten und zu pflegen verpflichtet sind.
18.11.2008

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