Ansprache des Botschafters der Russischen Föderation, S.E. Vladimir V. Kotenev auf der Pressekonferenz anlässlich des 50. Jahrestages der Rückführung von Kulturgütern aus der Sowjetunion an deutsche Museen, Berlin 30.Oktober 2008

Sehr geehrter Herr Prof. Dr. Parzinger,

Sehr geehrter Herr Botschafter a.D. Falin,

Sehr geehrte Frau Pfeiffer-Poensgen,

Sehr geehrter Herr Prof. Dr. Schuster,

Sehr geehrte Frau Dr. von Berswordt-Wallrabe,

Meine sehr geehrten Damen und Herren,

«In der Kunst zählt das Reden nichts, die Tat alles», hat einmal der französische Historiker Ernest Renan formuliert. Vor 50 Jahren wurde eine große und großzügige Tat vollbracht. Eineinhalb Millionen Kunstwerke mit 300 Eisenbahnwaggons kamen aus der damaligen Sowjetunion zurück in die Museen der DDR. Die übergebenen Meisterwerke, die teilweise von sowjetischen Kustoden und Soldaten vor Vernichtung gerettet und nach allen Regeln der musealen Kunst aufbewahrt wurden, wurden zuvor von den führenden sowjetischen Fachleuten restauriert. Das war ein bewegender Moment, der den Wiederaufbau der im Krieg zerstörten Museen beflügelte.

Diese Rückgabeaktion vom nie in der Geschichte dagewesenen Ausmaß wurde von manchen im Westen als «Schauspiel des Kalten Krieges» abqualifiziert und in der damaligen Bundesrepublik Deutschland der breiten Öffentlichkeit verschwiegen. Jetzt nach dem Ende des Kalten Krieges müssen die Menschen hierzulande erfahren, dass es sich um die größte Restitutionsleistung der Neuzeit handelte. Die genannte Menge der Kulturschätze, die nicht nur zum Erbgut der deutschen Nation, sondern mehrheitlich zur Weltkunst gehörten, wie Schätze aus der Dresdener Gemäldegalerie, aus dem Grünen Gewölbe, aus dem Pergamon-Museum sowie der Berliner und Leipziger, Schweriner Sammlungen, wurden an die DDR damals zurückgegeben. Der Wert der zurückgeführten Kulturgüter wurde nie genau ermittelt. Aber ich glaube, den kann man ohne Übertreibung mit dem ganzen Kulturgut eines mittleren europäischen Staates vergleichen.

Diese Aktion bedeutete den großen Sinneswandel in der Sowjetunion. Es war einer der ersten und bedeutendsten Schritte auf dem Wege der historischen Aussöhnung zwischen unseren Völkern, die im Endeffekt dazu führte, dass bei den Feierlichkeiten anlässlich des 60. Jahrestages der Beendigung des Zweiten Weltkrieges ein deutscher Bundeskanzler auf der Ehrentribüne als Regierungschef eines Nachbarlandes saß. Sie hat jenseits wirtschaftlicher Zwänge, historischer Erblasten und Ressentiments mit einem Staat stattgefunden, zu dem die Sowjetunion damals sehr enge partnerschaftliche Beziehungen pflegte. Damit wurde ein Grundstein zu der Übergabe der kulturellen Reichtümer von Generation zu Generation gelegt. Nicht zu unterschätzen ist die herausragende Bedeutung dieser Rückgabeaktion für das Kulturleben der DDR. Das war auch ein deutliches Signal an die Bonner Führung, die Beziehungen zu Moskau weiter zu normalisieren.

Restitutionsprobleme gibt es seit Menschengedenken. Sie bedürfen einer rationellen historisch-juristischen Herangehensweise, einer Achtung der allgemeinmenschlichen Kulturwerte sowie eines Verständnisses für Ihren Stellenwert nicht nur in der Vergangenheit und in der Gegenwart, sondern auch in der Zukunft. Selbst 63 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges ist «Beutekunst» ein überaus aktuelles und sensibles Thema in den russisch-deutschen Beziehungen, das einen besonderen Augenmerk verdient. Nicht selten verliert man aber oft den Ursprung dieses Problems aus den Augen. Hitlerkrieg gegen die UdSSR bezweckte unter anderem systematische, großangelegte und bisher nie dagewesene Vernichtung und Ausplünderung der Kultureinrichtungen. Die Idee der Nationalsozialisten bestand darin, die Ostslawen vorerst zu versklaven, praktisch in das Vieh zu verwandeln, welches weder das historische Gedächtnis, noch die Kultur, noch die Bildung braucht.

In Deutschland wird es heute nicht gerne zugegeben, dass die nach Russland zurückgekehrten Kunststücke nur einen winzigen Teil des verlorenen Kulturgutes betragen. Auch heute fehlen bei uns die systematisierten und bestätigten Angaben zu den Verlustgegenständen. Wir befassen uns mit der Ermittlung der russischen Verluste. 16 Großbände des Gesamtkatalogs der Kulturwerte, die während des Zweiten Weltkrieges ausgeraubt wurden bzw. verloren gegangen sind, sind bereits erschienen und in Deutschland sehr wohl bekannt. Trotzdem beschäftigen sich hier die Medien und einige Politiker ausschließlich mit den in Russland verbliebenen Sammlungen und Gegenständen.

Das Thema der Kulturgüterrückführung ist ein schwieriges Pflaster, aber wenn man dieses Problem mit genügend Geduld, Fingerspitzengefühl und dem guten Willen angeht, kann man die Sache zum gegenseitigen Vorteil bringen. Heute finden einige Kunstobjekte ihren Weg zurück nach Deutschland, wie beispielsweise die Mosaikfenster der Marienkirche in Frankfurt an der Oder. Die Reststücke werden hoffentlich noch bis zum Jahreswechsel eintreffen. Eine große Aufgabe steht vor den Museen in Deutschland und in Russland, die ihre Beziehungen auf neue, kooperative Grundlage stellen könnten. Zu erwähnen ist die Initiative „Deutsch-russische Museumsdialog“, die auch heutige Veranstaltung ins Leben gerufen hat und die ihre ganze Kraft darin setzt, die gemeinsame Vergangenheit im Bereich der kriegsbedingt verlagerten Kulturgüter zu erforschen.

Außerdem muss man immer die Besonderheiten der mitunter einzigartigen konkreten Fälle beachten. Interessant erscheint in diesem Zusammenhang die Erfahrung des Austausches Liechtensteiner Hofarchivs gegen den vom Fürsten Hans-Adam bei Sotheby`s erworbenen Archiv über die Ermordung der Zarenfamilie

Große Bedeutung messen wir auch den gemeinsamen Ausstellungen bei. Als sehr gelungene Sache kann man wohl die in Russlandabgehaltene Schau „Mehrowingerzeit – Europa ohne Grenzen“ bezeichnen. In diesem Sinne ist auch die heutige Veranstaltung, die durch die Kooperation zwischen deutschen und russischen Museen zustande gekommen ist, von besonderer Bedeutung. Ich möchte mich bei allen an dieser Aktion teilnehmenden Kultureinrichtungen, die durch die Erinnerung an die erfreuliche Kunstrückkehr von 1958 einen Beitrag zu der noch tieferen kulturellen Zusammenarbeit zwischen unseren Ländern leisten, bedanken.
30.10.2008

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