Ansprache des Botschafters der Russischen Föderation, S.E. Vladimir V. Kotenev anlässlich der Eröffnung der Ausstellung „Jewgeni Chaldej – Der bedeutende Augenblick: Eine Retrospektive“, Berlin, 8.Mai

Sehr geehrter Herr Staatssekretär,

Sehr geehrte Kriegsveteranen,

Sehr geehrte Damen und Herren,

Es ist mir eine Freude, an der Eröffnung dieser einmaligen Ausstellung teilzunehmen, die dem Leben und Wirken von Jewgenij Chaldej gewidmet ist.

Das war ein herausragender Mensch mit einem außergewöhnlichen Schicksal, an dem man wohl auch die europäische und die russische Geschichte des vergangenen Jahrhunderts ablesen könnte. Es genügt zu erwähnen, dass sein Schaffen – wie z.B. das berühmteste Bild, das Hissen der roten Flagge auf dem Reichstag im Mai 1945 – in Russland und im ganzen Europa zum Symbol des Sieges über das NS-Regime geworden ist. Und wir messen eine große Bedeutung der Tatsache bei, dass diese Ausstellung heute am Tag der Befreiung Europas von der nationalsozialistischen Tyrannei eröffnet wird.

Wer von seiner Vergangenheit nichts wissen will, hat auch keine Zukunft. Die Organisatoren der Ausstellung – vor allem möchte ich an dieser Stelle Herrn Volland danken – haben eine einzigartige Sammlung von Photographien vorbereitet, die die Meilensteine der sowjetischen, der russischen und unserer gemeinsamen russisch-deutschen Geschichte dokumentieren. Manche von diesen Fotos gingen bereits um die Welt, andere wurden noch nie veröffentlicht. Die heutige Ausstellung ermöglicht es, die Vergangenheit hautnah zu erleben. Und zwar in der einprägsamsten Form – im Bild.

Was diese Ausstellung meines Erachtens besonders sehenswert macht, ist nicht nur die Darstellung historischer Persönlichkeiten und Ereignisse, sondern auch der dokumentierte Geist jener Epoche, als Menschen trotz aller Schwierigkeiten und Entbehrungen der Kriegs- und Nachkriegszeit auf das Bessere hofften.

Die Ereignisse jener Kriegsjahre scheinen allmählich in die Vergangenheit zu geraten.

Aber wir haben kein moralisches Recht der Versuchung zur Gleichgültigkeit nachzugeben. Unsere Pflicht ist und bleibt, die tragischen Ereignisse in unserer Erinnerung sorgfältig zu bewahren und ihre Opfer zu ehren. Das wird von uns nicht als allgemeinmenschliche, sondern auch als politische Aufgabe betrachtet.

Gleichzeitig empören uns die Versuche des lästerlichen Umgangs mit dieser Erinnerung, das Ansinnen, einen unmoralischen Kampf gegen Kriegsgräber der sowjetischen Soldaten zu führen, die Bewertung und die Ergebnisse des II. Weltkrieges zu revidieren und die Rolle der Roten Armee, einiger Alliierten, bei der Zerschlagung des Nationalsozialismus herabzusetzen.

Ich bin überzeugt, dass das gemeinsame Vorgehen Russlands und Deutschlands bei der Erhaltung der historischen Erinnerung an die Bedeutung des Sieges über den Faschismus, als ein positives Signal für die internationale Gemeinschaft dienen muss.

Seit dem Kriegsende haben das russische und das deutsche Volk einen langen Weg zurückgelegt, von der Feindschaft und gegenseitigen Ablehnung über vorsichtige Annäherung und wachsendes Vertrauen – nicht zuletzt dank der Politik der damaligen DDR – bis zur strategischen Partnerschaft, die unsere beiden Länder heute verbindet.

Das kann man am Beispiel des fürsorglichen Umgangs mit sowjetischen Kriegsgräbern und Gedenkstätten auf deutschem Boden erkennen, wofür wir der Bundesregierung, vielen kommunalen Behörden und freiwilligen Helfern dankbar sind.

Die überwältigende Mehrheit der Russen sieht Deutsche ausschließlich als Partner und Freunde, wünscht sich engste Kooperation mit Deutschland auf allen Gebieten, die wir auch breit gefächert praktizieren. Viele Menschen bei uns dachten bereits vor 18 Jahren ähnlich, als sie spontan die Wiederherstellung der Einheit Deutschlands begrüßten, die in vieler Hinsicht als Folge radikaler Umwälzungen in Europa, ausgelöst durch Freiheitsstreben unseres Volkes, zustande kam.

Auch hierzulande spüren wir unter Politikern, Unternehmern und einfachen Bürgern ein zunehmendes Interesse an der Annäherung an Russland, auch hier setzt sich die Erkenntnis durch, dass es für Partnerschaft und Zusammenarbeit mit unserem Land keine tragbare Alternative gibt. Diese neue Qualität der russisch-deutschen Beziehungen ist auch für den Aufbau eines neuen Europas von besonderer Bedeutung.

Somit reflektiert diese Ausstellung auch europäische Geschichte, die uns ermahnt, dafür zu sorgen, dass künftig in Europa keine „eisernen Vorhänge“ verhängt und keine neuen Mauern errichtet werden. Dafür müssen wir uns alle einsetzen.

Ich bedanke mich für Ihre Aufmerksamkeit.

 
16.05.2008

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